Dritte Veranstaltung im Rahmen der Andernacher Hospiztage 2014
Für die Freiheit des Sterbens
Andernach. Mit dem Rilke-Zitat „Oh Herr, gib jedem seinen eigenen Tod“ eröffnete Prof. em. DDr. Paul Zulehner im überfüllten Pfarrsaal von Maria Himmelfahrt seinen Vortrag im Rahmen der Andernacher Hospiztage 2014 zum Thema „Jedem seinen eigenen Tod - von der wahren Freiheit des Sterbens“. Zulehner ist Priester und hat Philosophie und Theologie studiert und wurde jeweils promoviert.
Seit 1984 hatte er den weltältesten (gegründet 1774) Lehrstuhl für Pastoraltheologie in Wien inne und war von 2000 bis 2007 Dekan der Fakultät.
Rund 130 Zuhörer und Zuhörerinnen lauschten gebannt dem trotz des ernsten Themas kurzweiligen und spannenden Vortrag. Philosophen und Theologen, aber auch immer mehr Politiker fordern die Freiheit des Sterbens. Jede Bürgerin und jeder Bürger soll selbst bestimmen können, wann ihr/sein Leben zu Ende gehen soll.
In Belgien gilt dies inzwischen auch für minderjährige Kinder. Ärzte und Angehörige, die Sterbewilligen dabei helfen („assistierter Selbstmord“), sollen (künftig) straffrei ausgehen.
Im Europarat wird um diese Frage gerungen.
Galt bisher der Grundsatz „Der von einem unheilbar Kranken oder einem Sterbenden ausgedrückte Wunsch zu sterben darf niemals die juristische Grundlage für seinen Tod aus den Händen Dritter bilden“ soll künftig gelten „Niemand hat das Recht, einem Sterbenden oder einem in der Endphase Erkrankten aufzuerlegen, weiter in Angst und unerträglichen Schmerzen zu leben, sofern dieser wiederholt seinen Wunsch zu sterben ausgedrückt hat“. Die Freiheit, die hier gemeint ist, so der Vortragende, ist vor allem Straffreiheit: Der einzelne soll von einem Arzt ungestraft (frei) unterstützt werden, wenn er aus dem Leben scheiden will.
„Wie frei aber wäre das straffrei unterstützte Sterben in unseren modernen Gesellschaften?“ fragt Zulehner. Sterben ist unfrei. Zwar nicht wegen des Euthanasieverbotes, so folgert Zulehner, sondern aus anderen Hintergründen und Umständen. „Selbst in reichen Gesellschaften kann jeder von uns überflüssig werden: Wohin mit ihm?“ zitiert er Hans Magnus Enzensberger.
Und Zulehner beschreibt weiter: „Da liegt jemand auf seinem Sterbelager. Ein Leben lang autonom, jetzt in jeder Lebens- und Sterbensphase abhängig von anderen, mit der Angst, zur Last zu fallen, muss er/sie im Prozess des Sterbens durch ein Tal tiefer Depression. Am Sterbelager stehen die Sozialversicherung, die Angehörigen, die Erben.“ Aus diesem traurig-negativen Bild heraus entwickelt Zulehner ein „Plädoyer für die Befreiung des Sterbens“.
Damit Sterben wirklich frei reifen kann, fordert er den Ausbau der Palliativ-Care in Forschung und Lehre, die Fortbildung von Ärzten und Pflegekräften, die Unterstützung von Familien, die daheim Sterbende begleiten mit Sicherung des Arbeitsplatzes und finanzieller Stützung sozial schwächerer pflegender Angehöriger statt „sozialverträglichen Frühablebens“ durch „Liberalisierung der Euthanasie“. So denkt er an Altentagesstätten, wie es für Kinder Tagesstätten gibt, und fordert den Ausbau der unterstützenden, mobilen Hospizarbeit.
Zum Schluss kommt Zulehner auf die unterschiedlichen Sterbebilder in modernen Kulturen zu sprechen.
So wird einerseits das Sterben als Leben bis zuletzt oder das Sterben als Vorgang nach dem Leben verstanden. In der Enge der puren Diesseitigkeit steigt der Wunsch nach Verfügbarkeit für sich, aber dann auch für andere. Ziel ist es, das Sterben aus dem Leben auszulagern.
Dem stellt er gegenüber, dass die Achtung vor der Würde und vor der Unantastbarkeit des Menschen eine größere Chance in einer jenseitsoffenen Kultur hat. Hier ist das Ziel, das Sterben als Teil des Lebens zu vollbringen. Um das deutlich zu machen, schloss Zulehner seinen Vortrag mit dem einprägsamen Bild vom Lebensschiff, das in Not gerät. Es ist in Gefahr, den rettenden Hafen nicht mehr zu erreichen. Es sendet einen Hilferuf.
Die Rettungsmannschaft kommt herbei. Sie versenkt das Schiff. Das Problem ist gelöst. Nur der Hafen wird nicht erreicht.
Und so fordert Zulehner zum Schluss: „Wir sollten Lotsen lernen.“ Der Vorsitzende des Fördervereins Hospizbewegung, Bernhard Ickenroth, bedankte sich mit den Worten: „Sie haben zu uns und mit uns und nicht über unsere Köpfe hinweggesprochen.“
