Russlands Geschichte prägt Politik
Historische Wurzeln der russischen Gegenwartspolitik in Andernach erklärt
aus Andernach
Andernach. Mit dem eher sperrig klingenden Vortragstitel „Historische und geopolitische Wurzeln russischer Gegenwartspolitik“ wollte die Senioren-Union Andernach ihren Mitgliedern und Gästen im Parkhotel Andernach zu den Antrieben und Begründungsmustern von Vladimir Putins Politik informieren und hatte dazu Dr. Gregor Berghorn als langjährigen Leiter des Büros des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Moskau gewinnen können. Der Referent zeigte in seinem Vortrag rasch seine profunden Kenntnisse der russischen Geschichte und verstand es seine Zushörer in seinen Bann zu ziehen.
Unser von westlichen Werten geprägter Blick auf Russland und die aktuelle Politik Putins vergisst rasch, dass es Russland über die Jahrhunderte fast durchgehend gelungen ist sich von liberalen westlichen Vorstellungen abzuschotten. Der Referent verdeutlichte den immer noch beständigen Einfluss der Tatarenherrschaft für Russland, deren Herrschaft durch Willkür, Anwendung von Gewalt und fehlendes Rechtsbewusstsein geprägt war. Die heute noch zu beobachtende Überzeugung, dass Gewalt vor Recht praktikabel ist und dass Eigeninteresse rigoros durchgesetzt werden kann, ist ein tatarisches Erbe. Auch der orthodoxe christliche Glaube spiele dabei insofern eine eine Rolle, dass Veränderung oder gar Aufbegehren gegen sein Schicksal ein Verstoß gegen höhere Ordnung seien. Absoluter Gehorsam gegenüber der Obrigkeit bleibe oberstes Gebot. Höherstehende zu kritisieren wäre ein Verstoß gegen die vorgegebene Ordnung.
Gemäß Dr. Berghorn ließe sich die russische Gegenwartspolitik aus zwei Perspektiven beschreiben: von außen, vom Westen her gesehen sei es Russlands Kampf gegen die Vorherrschaft in der von den USA präsentierten monopolaren Welt. Putin will eine multipolare Welt unter russischer Führung. Die nunmehr 11 BRIC- Staaten sollen ein politisches und wirtschaftliches Gegengewicht zur Gruppe der G7- Staaten bilden. Dieser Blick von außen übersehe aber den inneren, fast irrational wirkenden nationalhistorisch getriebenen Antriebsmotor, die eindeutig rückwärts ausgerichtete Restaurationspolitik Russlands. Denn diese Perspektive von innen greife auf alte Vorbilder und Weltvorstellungen zurück, wenn die Geschichte sie auch schon lange verworfen habe. So kehre Putin offensichtlich zur Weltordnung und Russlands Politik des 19. Jhd. zurück, indem es seinen Einfluss in Osteuropa und auf dem alten russisch-sowjetischen Territorium wiedererlangen will.
Nach der anschließenden anregenden Diskussion bedankte sich der Vorsitzende Richard Welter bei Dr. Berghorn für seine Ausführungen und gab einen kurzen Ausblick auf das weitere Programm der Senioren-Union.
