Politik | 18.03.2014

Unterschiedliche Meinungen zum Verkauf des Nürburgrings an Capricorn

Verhaltener Optimismus und große Enttäuschung halten sich in der Region die Waage

Über dem Verkauf der traditionsreichen Rennstrecke für 100 Millionen Euro schwebt aber noch das Damoklesschwert der EU-Kommission

Das Eifeldorf Grüne Hölle wird bald der Vergangenheit angehören. Der neue Nürburgring-Besitzer, Capricorn, plant den Abriss. JOST

Nürburgring. Die Meinungen gehen auseinander über den Verkauf des Nürburgrings für alles in allem 100 Millionen Euro an das Düsseldorfer Automobilzuliefer-Unternehmen Capricorn. Selbst Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) gab nach der offiziellen Verkündung der Entscheidung zu: „Wir sind nicht in Jubelstimmung, aber wir freuen uns.“ Der Verkauf an den Düsseldorfer Mittelständler könne die legendäre Rennstrecke wieder aufwerten. Mit dem geplanten Akzent auf Autotechnik und Motorsport könne der Ring als Referenzstrecke für die Industrie dienen, so Dreyer. Die Regierung suche das Gespräch mit den neuen Nürburgring-Eigentümern.

Laut Kaufvertrag zahlt Capricorn 77 Millionen Euro und will noch einmal 25 Millionen für Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen ausgeben. Einen Teil der Bauwerke, die im Zuge des Projektes „Nürburgring 2009“ für 330 Millionen Euro auf Kosten des Landes Rheinland Pfalz errichtet worden waren, will Capricorn-Geschäftsführer Dr. Robertino Wild abreißen lassen, darunter das Eifeldorf „Grüne Hölle“, an dessen Stelle ein Automobiles Technologiezentrum entstehen soll. Ministerpräsidentin Dreyer räumte in diesem Zusammenhang Fehler der früheren SPD-Alleinregierung ein: „Zu groß, zu viel, mit handwerklichen Fehlern ist gebaut worden.“ Nach ihren Worten kommen aus der Eifel nicht nur schlechte Rückmeldungen: „Es gibt auch ein großes Aufatmen.“ Die Ankündigung von Capricorn, mit einem Beirat die Region einzubinden, sei ein „sehr, sehr guter Vorschlag“.

Fordert die EU Beihilfen zurück?

Die Kreisverwaltung in Ahrweiler hält sich mit ihrer Einschätzung noch bedeckt, denn zunächst müsse die Entscheidung der EU-Kommission abgewartet werden, ob der Verkauf überhaupt rechtssicher und damit endgültig abgeschlossen sei, so Kreissprecher Jürgen Kempenich. Die EU prüft nach wie vor, ob sie frühere Zahlungen des Landes für den Ring als illegale Beihilfen wertet und Geld zurückfordert. Sollte der neue Käufer von der EU in die Pflicht genommen werden, bei einer Rückforderung mit ins Boot zu springen, habe er ein Rücktrittsrecht, bestätigten auch Nürburgring-Sanierungsgeschäftsführer Prof. Dr. Dr. Thomas B. Schmidt und Insolvenzverwalter Jens Lieser.

Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Adenau, Guido Nisius (CDU), äußerte sich ebenfalls zurückhaltend: „Wir haben das erst mal zur Kenntnis genommen.“ Nun müsse sich zeigen, was Capricorn genau vorhabe. Es sei im Grunde noch zu früh, sich wertend zu äußern, zumal die Zustimmung der EU-Kommission noch ausstehe. Die Entwicklungen am Nürburgring seit 2009 habe sehr viel Unruhe ins Adenauer Land gebracht, und er hoffe, dass mit dem Zuschlag an Capricorn eine Lösung zum Wohle der Region gefunden worden sei. Die Ankündigungen von Capricorn ließen jedenfalls durchaus die Hoffnung zu. Ohnehin habe er die Firma Capricorn im Gewerbepark Nürburgring demnächst besuchen wollen, „jetzt hat der Besuch eine neue Priorität erlangt.“

Gegen eine Privatisierung des Nürburgrings

Nürburgs Bürgermeister Reinhold Schüssler zeigte sich zunächst guten Mutes, da Capricorn immerhin 25 Millionen Euro am Ring investieren wolle. Aber natürlich müsse man abwarten, wie sich das Ganze entwickle. Ringtaxi-Betreiber Ossi Kragl äußerte sich dahingehend, dass er mit der Entscheidung leben könne, wenngleich er immer gegen eine Privatisierung des Nürburgringes gewesen sei. Die aufgeblasene Geschichte der vergangenen Jahre verliere nun ihre heiße Luft, eine gigantische Geldvernichtungsnummer gehe zu Ende. Abgesehen davon sei er froh, wenn das Eifeldorf an der Strecke endlich verschwinde - wenn dadurch auch Arbeitsplätze verloren gingen. „Capricorn zeigt viel Mut, wenn sie sich den vor ihr liegenden Aufgaben stellt.“

Die Adenauer Gewerbevereins-Vorsitzende und Vorstandsmitglied des Vereins „Ja zum Nürburgring“, Andrea Thelen, gab sich verhalten optimistisch. Wenn das Konzept umgesetzt werde, sei das auch gut für die Menschen in der Region. Das Unternehmen Capricorn habe sich bisher am Nürburgring als solide gezeigt, man hoffe, einen guten Partner zu haben.

Allergrößten Fehler überhaupt begangen

Sehr kritisch betrachtet indes Christian Menzel von der Initiative „Wir sind Nürburgring“ den Verkauf des Rings in Privatbesitz: „Es ist jetzt nicht mehr unser Ring, wir sind auch nicht mehr Nürburgring. Denn es gibt jetzt einen privaten Besitzer.“ Mit dem Verkauf habe die Landesregierung ihren „allergrößten Fehler überhaupt begangen. Das ist der totale Wahnsinn.“ Er könne sich nicht vorstellen, dass der ganze Prozess EU-konform gewesen sei, und sei sehr enttäuscht, dass die Menschen aus der Region total übergangen wurden. An Capricorn gerichtet sagt der Rennfahrer aus Kelberg: „Wenn sie ihr künftiges Monopol am Ring nur ansatzweise ausnutzen und damit die Menschen gegen sich aufbringen sollten, kriegen sie hier viele Probleme.“

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion im Mainzer Landtag, Alexander Licht, wollte die Landesregierung nicht so einfach aus der Affäre kommen lassen. Er betonte, die heutige Ministerpräsidentin Malu Dreyer habe schon 2009 als Sozialministerin am Kabinettstisch gesessen: „Sie ist Teil der Beck-Deubel-Hierarchie, die das Ganze verursacht hat.“ Der CDU-Fraktionsvize vermutet, dass von den 77 Millionen Euro von Capricorn nach Abzug der Kosten für Insolvenz und Investorensuche sowie für die Forderungen etwa von Handwerkern nur noch zwischen zehn und 30 Millionen Euro ans Land zurückfließen könnten. Dabei habe der Ringausbau die Steuerzahler insgesamt weit mehr als eine halbe Milliarde Euro gekostet. Licht betonte: „Ich gebe Capricorn gerne eine Chance.“

Menschen der Region könnten profitieren

Katharina Binz und Thomas Petry, die Landesvorsitzenden der Grünen Rheinland-Pfalz, begrüßen hingegen diese Entscheidung: „In der Opposition haben wir die politischen Entscheidungen der Vorgängerregierung laut kritisiert, die zur Insolvenz und letztendlich zum Verkauf des Nürburgrings geführt haben. Wir Grüne waren es, die die ehrliche Aufarbeitung der Causa Nürburgring vorangetrieben haben.“ Beim Eintritt der Partei in die Regierung habe man auch Verantwortung für den Nürburgring und die Menschen, die am Ring leben und arbeiten, übernommen. Mit dem Verkauf stehe fest, dass der Nürburgring wieder eine Chance auf eine Zukunft haben werde. „Es ist nun Zeit nach vorne zu schauen“, ergänzte die grüne Landtagsabgeordnete Nicole Müller-Orth. Der Käufer Capricorn plane weitreichende Investitionen am Ring. „Diese Pläne stimmen uns optimistisch, dass die Menschen in der Region von den aktuellen Entwicklungen am Ring profitieren werden.“ Durch den Verkauf habe das Fortbestehen der traditionsreichen Strecke gesichert werden können, ohne dass weitere Steuermittel fließen müssten. Müller-Orth: „Nun hoffen wir, dass die EU dem Kauf zeitnah zustimmt, damit alle beteiligten Akteure Planungssicherheit bekommen und der Nürburgring in eine neue Zukunft starten kann.“

Die 300 Mitarbeiter des Nürburgrings indes nahmen die Bekanntgabe recht emotionslos auf, wie der Betriebsratsvorsitzende Heinz Hoffmann berichtete: „Die Kollegen haben es zur Kenntnis genommen und geschwiegen.“ Einerseits sei es gut, dass die scheinbar nicht enden wollende Hängepartie nun endlich ein Ende gefunden habe. Auf der anderen Seite seien noch viele Fragen offen.

Das Eifeldorf Grüne Hölle wird bald der Vergangenheit angehören. Der neue Nürburgring-Besitzer, Capricorn, plant den Abriss. Foto: JOST

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