Andernach erzählt
Wo die Rheinstraße noch tanzte: Christina Grafen berichtet über eine lebendige Zeit in Andernach.
aus Andernach
Andernach. Wenn Christina Grafen von ihrer Zeit in der Andernacher Rheinstraße erzählt, klingt es fast so, als würde man für einen Moment die Musik von damals wieder hören. Tanzflächen voller Menschen, mehrere Theken, an denen die Getränke ausgeschenkt wurden, ausgelassene Stimmung und mittendrin sie – meistens hinter dem Tresen, wo es selten ruhig zuging.
Dabei begann ihre Geschichte ganz woanders: in Peru.
Christina Grafen wurde dort geboren und wuchs in ihrer Heimat auf. Mit 23 Jahren kam sie nach Deutschland, um zu arbeiten. Ihr erster Aufenthalt führte sie nach München, wo sie in einem Restaurant eine Anstellung fand. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen. Er arbeitete als Koch im selben Restaurant.
Als ihr Mann schließlich zur Bundeswehr musste, wollte er Christina nicht alleine in München zurücklassen. Gemeinsam entschieden sie, dass sie nach Andernach zu seiner Familie gehen sollte. Die Familie Grafen war in der Stadt bereits fest in der Gastronomie verwurzelt und betrieb mehrere Lokale in der Rheinstraße.
Für Christina Grafen war dieser Schritt deshalb nicht nur ein Umzug in eine neue Stadt. Er führte sie mitten hinein in eine ganz besondere Zeit der Andernacher Gastronomie.
Die Rheinstraße war damals weit mehr als eine Straße mit Gaststätten. In den Jahrzehnten von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre war sie ein beliebter Treffpunkt für Menschen aus Andernach und der Umgebung.
Auch die Familie Grafen war mit mehreren Betrieben Teil dieser lebendigen Zeit. Einer der bekannten Treffpunkte war das Gasthaus „Zum Vater Rhein“. Zusammen mit Lokalen wie dem „Bolzen“, dem „Schuppen“ oder dem „Rheinschiff“ gehörte es zu einer Rheinstraße, die für ihr Ausgehleben weit über Andernach hinaus bekannt war.
Auf den Tanzflächen wurde zunächst zu Rock ‚n‘ Roll getanzt, Elvis Presley gehörte zu den großen musikalischen Namen dieser Zeit. Später kamen immer mehr Schlager dazu. Die Menschen kamen zusammen, feierten, trafen Freunde, pflegten ihren Stammtisch und verbrachten ganze Abende miteinander.
Christina Grafen musste sich in dieser Welt nicht lange einfinden. Die Gastronomie kannte sie bereits und so war es für sie selbstverständlich, in den Familienbetrieb einzusteigen und mit anzupacken.
Meistens stand Christina Grafen hinter dem Tresen. Sie kümmerte sich um den Ausschank, bereitete Cocktails zu und hatte alle Hände voll zu tun.
Sie selbst kam dabei allerdings kaum zum Tanzen und Feiern. Dafür war hinter dem Tresen einfach zu viel zu tun. Und trotzdem möchte sie diese Zeit nicht missen. Im Gegenteil: Sie hat ihre Arbeit in den Lokalen sehr genossen.
Denn für Christina Grafen bestand Gastronomie nie nur darin, Getränke auszuschenken. Sie bedeutete vor allem Begegnungen.
Hinter dem Tresen bekam sie viel vom Leben ihrer Gäste mit. Es wurde gelacht, erzählt und manchmal auch über die Dinge gesprochen, die nicht so leicht waren. Menschen vertrauten ihr persönliche Geschichten an, berichteten von Sorgen, aber genauso von schönen Erlebnissen und wichtigen Momenten in ihrem Leben.
Besonders gerne erinnert sie sich an die Junggesellenabschiede. Sie brachten noch einmal eine ganz eigene Stimmung in die Lokale. Für Christina Grafen waren es genau diese Begegnungen, die ihren Beruf so besonders machten.
Sie war nicht nur die Frau hinter dem Tresen. Sie war Zuhörerin, Gesprächspartnerin und manchmal vermutlich auch ein kleines Stück Vertraute ihrer Gäste.
Und natürlich gehörte auch gutes Essen zu den Erinnerungen an diese Zeit. Besonders berühmt war die Gulaschsuppe ihres Mannes. Er bereitete sie in einem großen Kupferkessel zu – und die Andernacher liebten sie.
Solche Erinnerungen erzählen viel über die damalige Gastronomie: Essen, Musik und Begegnungen gehörten zusammen. Die Menschen kamen nicht nur, um etwas zu trinken. Sie kamen, um Zeit miteinander zu verbringen.
Wenn Christina Grafen heute auf diese Jahre zurückblickt, bemerkt sie vor allem eines: Die Art, wie Menschen gemeinsam ausgehen, hat sich verändert.
Die großen Tanzlokale von damals gibt es nicht mehr. Auch die Rheinstraße hat ihr Gesicht verändert. Sie sieht diese Entwicklung allerdings nicht nur kritisch. Das Leben sei heute teurer geworden, sagt sie sinngemäß, und viele Menschen gingen deshalb bewusster mit ihrem Geld um.
Trotzdem fehlt ihr etwas. „Es ist eine andere Zeit geworden, der persönliche Kontakt ist nicht mehr wie früher“, sagt sie.
Vielleicht spricht daraus vor allem die Erinnerung an eine Zeit, in der Menschen noch viele Stunden gemeinsam an einem Ort verbrachten. Man konnte sich, kam miteinander ins Gespräch und wusste manchmal mehr voneinander, als man ursprünglich erzählen wollte.
Ganz verschwunden ist die Gastronomie in der Familie Grafen allerdings nicht. Die Spielhalle, die von ihrem Schwager betrieben wird, besteht bis heute. Und seit Anfang 2026 gibt es in der Rheinstraße sogar wieder einen neuen Treffpunkt - die nächste Generation der Familie Grafen ist mit dem Neffen vertreten, der das Café „Mein Kaffee“ eröffnet hat. Dort werden am Wochenende Kaffee und Kuchen angeboten.
Christina Grafen selbst hat bis ins hohe Alter gearbeitet und blickt noch immer gerne auf ihre Zeit in der Gastronomie zurück. Viele Jahrzehnte lang war der Kontakt zu Menschen ein wichtiger Teil ihres Lebens.
Heute widmet sie sich einer anderen Form der Kreativität. Sie malt mit Acrylfarben und lässt sich dabei unter anderem von ihrer Heimat Peru inspirieren. Einige ihrer farbenfrohen Bilder sind im Seniorenzentrum Katharina Kasper zu sehen.
So ist auch heute noch etwas von dem geblieben, was Christina Grafen schon während ihrer Zeit hinter dem Tresen ausgezeichnet hat: ihre Offenheit für Menschen, ihre Freude am Austausch und ihre Lust, etwas zu gestalten.
Mit der Geschichte von Christina Grafen wird die monatliche Reihe „Andernach erzählt“ fortgesetzt. Darin teilen Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenzentrums Katharina Kasper ihre Erinnerungen an frühere Berufe, Geschäfte, Orte und besondere Lebensabschnitte.
Auch die ehrenamtlich geschenkte Zeit trägt dazu bei, solche persönlichen Erinnerungen festzuhalten und für andere lebendig werden zu lassen.
Interessierte an einem ehrenamtlichen Engagement oder an weiterführenden Informationen können sich bei Dilara Köksal, der Ehrenamtskoordinatorin des Seniorenzentrums Katharina Kasper in Andernach, melden. Sie ist telefonisch unter 02632 307 - 290 oder per E-Mail unter d.koeksal@katharina-kasper-andernach.de erreichbar.
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Links: Straßenschild Rheinstraße, Mitte: Nostalgisches Bild der Rheinstraße/Vater Rhein (vom Stadtmuseum Andernach), Rechts: Frau Grafen heute