Allgemeine Berichte | 07.11.2026, 20:28 Uhr

100 Jahre Baumfeld Waldorf

100 Jahre Baumfeld „zur Herd“ prägt Waldorfer Landwirtschaft nachhaltig

Obstbäume auf der Flur ‚zur Herd‘
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Waldorf. 100 Jahre „zur Herd“ – ein Baumfeld erzählt Waldorfer Geschichte

Wie Remaklus Gimnig 1926 Bäume für die Zukunft pflanzte

Seit hundert Jahren stehen auf der Waldorfer Flur „zur Herd“ Obstbäume. Im Herbst 1926 pflanzte mein Großvater Remaklus Gimnig auf mehreren kleinen Grundstücken Bäume. Eines dieser Baumfelder gibt es bis heute. Warum er damals pflanzte, lässt sich nur aus den Lebensverhältnissen jener Zeit verstehen.

Remaklus Gimnig wurde am 20. Dezember 1894 in der Eulengasse 2 in Waldorf geboren. Als sechstes von neun Kindern wurde er mit 19 Jahren zum Militär eingezogen. Als Meldegänger erlebte er den Ersten Weltkrieg in Frankreich und Russland. Nach Kriegsende arbeitete er als Tagelöhner in Steinbrüchen und Fabriken und betrieb nebenbei Landwirtschaft.

1922 heiratete er Maria Mallmann aus Gönnersdorf. Als er 1926 die Bäume pflanzte, war er 32 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder; das dritte war unterwegs. Obstbäume waren eine Investition in die Zukunft: Sie sollten die Familie versorgen und zusätzliche Einnahmen ermöglichen. Ob auch die Erfahrungen des Krieges und der Versorgungskrisen eine Rolle spielten, lässt sich heute nicht mehr sagen.

Mein Großvater bepflanzte zahlreiche kleinere Grundstücke. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir zwei größere Flächen: „zur Herd“ und „Ober Beuers“, bei uns „em Huhbösch“ genannt.

Die „zur Herd“ war keine Streuobstwiese im heutigen Verständnis. Zwischen den Bäumen wurde Ackerbau betrieben: Futterrüben, Weizen und Hafer, danach Kleegras in einem festen Vierjahresrhythmus. Der Boden sollte möglichst mehrere Erträge liefern. Auch die Bäume wurden gepflegt, ihre Baumscheiben freigehalten und mit Thomasschlacke und Mist gedüngt.

Bei der Auswahl der Apfelsorten zählten nicht nur Geschmack, sondern auch Lagerfähigkeit und Vermarktungsmöglichkeiten. Auf „zur Herd“ wuchsen zahlreiche alte Apfelsorten, darunter Bohnapfel, Winterrambur, Boskoop, Kaiser Wilhelm und Ontario. Eine Sorte aus dem „Huhbösch“ ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Bei uns hieß sie „Biäskod Sondergleichen“. Erst viel später fand ich heraus, dass sich dahinter die alte englische Apfelsorte „Peasgood’s Nonsuch“ verbirgt.

Auch Birnen gehörten zum Bestand. Sie dienten dem menschlichen Verzehr und im Herbst der Schweinemast. Schließlich sollte die Sau zum Martinstag etwas mehr auf den Rippen haben.

Die Äpfel wurden sorgfältig gepflückt und in selbst gebauten Kisten gelagert. Nur einwandfreie Früchte kamen für Verkauf und Lagerung infrage. Aus den übrigen Äpfeln und dem Fallobst wurde „Appeltrank“, ein einfacher Apfelwein für den Feierabend. Möglichst wenig sollte verloren gehen.

Mein Großvater starb 1978. Für mich endete die Geschichte damit aber nicht. Seit meiner frühesten Kindheit war ich dabei, wenn es hieß: „ap en de Äppel.“ Gemeinsam mit der Familie ging es zur Ernte. Erst viel später wurde mir bewusst, wie viel Geschichte in diesem Baumfeld steckt.

In den 1980er-Jahren wurden im Zuge der Flurbereinigung viele kleine Grundstücke neu geordnet und alte Obstbestände zugunsten größerer Ackerflächen gerodet. Auch die Bäume auf der „zur Herd“ waren zum Ausreißen angezeichnet. Für uns war klar: Dieses Baumfeld durfte nicht verschwinden.

Es folgten zahlreiche Schreiben und viel persönlicher Einsatz. Am Ende erhielt die Fläche zwar einen leicht veränderten Zuschnitt, doch rund 90 Prozent des alten Baumfeldes konnten gerettet werden. Die Fläche wurde sogar deutlich größer.

Auch ich habe später meinen Beitrag geleistet. Mit Anfang zwanzig pflanzte ich zahlreiche neue Bäume und ersetzte entstandene Lücken. Viele davon sind inzwischen ebenfalls mehr als 40 Jahre alt.

Heute spricht man von Streuobstwiesen, Biodiversität und nachhaltiger Landwirtschaft. Vieles davon praktizierte mein Großvater schon vor hundert Jahren aus ganz praktischen Gründen. Sein Baumfeld musste Früchte liefern, die Familie versorgen und Erträge ermöglichen. Ackerbau, Obst und Viehhaltung bildeten einen Kreislauf, in dem möglichst wenig ungenutzt blieb.

Die „zur Herd“ ist heute ein wertvolles Stück Landschaft und Waldorfer Familiengeschichte. Sie erinnert an einen jungen Mann, der 1926 Bäume pflanzte, ohne ahnen zu können, dass sein Baumfeld hundert Jahre später noch bestehen würde.

Erwin Plath

Remaklus Gimnig

Remaklus Gimnig Foto: Erwin Plath

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Obstbäume auf der Flur ‚zur Herd‘ Foto: Erwin Plath

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