Brohler Geschichten - von Werner Fußhöller
„Am Reckarsch“ - ein deftiger Flurname
Unsere Flurnamen sind ein Vermächtnis, welches von Generation zu Generation bis in die heutige Zeit übernommen wurde. Jeder Flurname hatte dabei eine Deutung und ist auch heute noch weitgehend erklärbar, wobei man sich bei der Namensfindung vorwiegend an Markantem und Beständigem orientierte und der vor Ort gesprochenen Mundart anpasste. So sind Aussprache und Schreibweise zweifelsohne im Laufe der Jahrhunderte aus dem heimischen Dialekt der hochdeutschen Sprache angepasst und bei der aus altem Sprachgut katasteramtlichen Erfassung in der Zeit um 1828 teilweise der ursprünglichen Schreibweise entfremdet worden. So auch der Name des Teilflurs „Am Reckarsch“ oder wie auch ursprünglich „Reckahrs“ genannt. Die Teilflur „Am Reckarsch“ liegt in der Flur 4 der ehemaligen Gemeinde Brohl nach dem Verlassen der geschlossenen Ortschaft taleinwärts Richtung Burgbrohl und ist eingebettet zwischen der Trasse der Gleisanlage der Brohltal-Bahn und der Brohltalstraße (B412) einerseits und den bewaldeten Hängen des am Hangfuß dahinplätschernden Mühlenbach andererseits. Die Flur „Am Reckarsch“ mit über 60 schmalen Gastparzellen war in früheren Jahren in einem geordneten und gepflegten Zustand. Prägender Punkt der Teilflur ist die Marienkapelle unmittelbar bei der Querung der Brohltalbahn. Den Überlieferungen nach soll die Kapelle aus Dankbarkeit über eine glückliche Fügung bei einer Naturkatastrophe um 1880 erbaut worden sein. Im Laufe der über 100 Jahre fanden sich immer wieder Gläubige, welche die Kapelle sauber hielten und betreuten. Jedoch der Zahn der Zeit nagte so an der Bausubstanz, dass sich im Frühjahr 2000 tatkräftige Brohler Bürger fanden, die Kapelle von Grund auf zu renovieren. Dabei konnte bedingt durch ein erfreuliches großes Spendenaufkommen sogar das Umfeld neu gestaltet werden. Bleibt zu hoffen, dass sich immer wieder Bürger finden, dieses Kleinod auch über die nächsten 100 Jahre zu erhalten. Die Deutung in Dittmaier’s Werk über die „Rheinischen Flurnamen“, welche sich vornehmlich an den Aussagen profunder Kenner vor Ort stützten, dass es sich bei der Flurbezeichnung um einen „hervorreckenden, abgerundeten Bergvorsprung“ handelt, erscheint ebenso fehlerhaft wie die dem Verfasser des heutigen Artikels aus der Jugend mitgelieferte Sinndeutung, wonach die Pferde am Ortseingang, aus dem Brohltal kommend, zum Ziehen der Trassfuhrwerke nochmals hier das Hinterteil recken mussten. Wie der Zufall es wollte, zeigt die Flurkarte der ehemals selbstständigen Gemeinde Namedy in seiner weit nach Südwesten reichenden Gemarkung, auf der Grenze zu der ehemaligen Gemeinde Niederlützing und Kell hin, ebenfalls eine Flurbezeichnung „Auf’m Reckarsch“. Da sowohl in Brohl als auch in Namedy die Teilflur auf der Gemarkungsgrenze liegt, wird hier ein Zusammenhang zu sehen sein, welcher bereits Dr. Joseph Follmann in seinem Beitrag „Erinnerung an alte Grenzbräuche“ im Heimatjahrbuch für den Kreis Ahrweiler 1973 niederschrieb. Bereits im späten Mittelalter bedienten sich die Landesherren zur Abgrenzung ihres Eigentums teils recht merkwürdiger Gepflogenheiten. Waren in unserer Gegend überwiegend behauene vierkantige Basaltsteine zur Grenzmarkierung gesetzt, gab es Landstriche, wo der sogenannte Lagbaum oder Lachbaum als Geländemarkierung diente. „Lachbäume“ standen weitgehend auf den Eckpunkten einer Flur und hatten ringförmig die Rinde geschält oder eine kreuzförmige Einkerbung. Um die Nachhaltigkeit des Grenzverlaufes zu dokumentieren, hatten die einzelnen Gebietskörperschaften bestellte Flurschützen oder „Steingeschworene“, welche einmal im Jahr, meist zu Beginn des Monats Mai, unter Glockengeläute die Gemarkung umgingen. Bei diesem sogenannten „Begang“ ließ man junge Knaben mitgehen, um so die Örtlichkeiten der Grenz- oder Marksteine von Generation zu Generation weiter zu tragen. Man bemühte sich hierbei landschaftlich unterschiedlicher Kuriositäten, um die Nachhaltigkeit zu fördern. Wurde im Westerwald der Knabe kopfüber in ein für den Grenzstein vorgegrabenes Loch „gestutzt“, so ist es für die Brohler Flur naheliegend, dass man den Knaben am Kopf und am Hinterteil packte und mit dem „gereckten“ Hinterteil an dem Stein rieb. Um das Erinnerungsvermögen der Jünglinge weiterhin zu stärken und so in bleibender Erinnerung zu halten, erhielten dieselben zusätzlich einen „Backenstreich“, welcher an einen uralten germanischen Rechtsbrauch erinnert. Wahrscheinlich ist auch so der landläufige Ausdruck „Dau kreijst en jetachdelt!“ erklärbar. Heute, 83 Jahre nach der Gründung des „Rheinischen Flurnamenarchivs“, wozu viele Ortskundige ihre Beiträge leisteten - so auch für Brohl Schneidermeister Thomas Nonn, und 50 Jahre nachdem Heinrich Dittmaier das Gesamtwerk „Rheinische Flurnamen“ veröffentlichte - stehen wir an einem Scheideweg. So schwindet das allgemeine Interesse in der Bewahrung der überlieferten Traditionen im Allgemeinen. Zusätzlich gehen viele Historiennachweise durch die elektronische Datenerfassung der Liegenschaftskarten verloren. Selbst die Kommunen geben lieber den Bebauungsplänen fortlaufende Nummern und nicht die entsprechenden Flurbezeichnungen. Straßenzüge und öffentliche Plätze versieht man mit Fantasie-Namen, ohne auf das Althergebrachte zurückzugreifen. Um doch einiges den interessierten Mitbürgern nachhaltig zu vermitteln, wird der Artikel, aufbauend auf die bereits verschiedentlich veröffentlichten Zusammenfassungen Brohler Flurnamen in loser Folge fortgesetzt.Werner Fußhöller
Illustration - das „Recken“ (zur Verbesserung des Erinnerungsvermögens).
