Erste Breisiger Orgeltage
Breisiger Barockorgel ist ein „Leuchtturm“
Professor Dr. Klaus Beckmann referierte bei dem zweitägigen Seminar zum Thema „Die norddeutsche Schule“
Bad Breisig. Zu dem zweitägigen Seminar „Erste Breisiger Orgeltage“ (Thema: „Die norddeutsche Schule“) hatte Carmen Scheuren, die Kantorin von St. Marien, Organisten-Kollegen und Musikinteressierte in die Quellenstat eingeladen. Als Referent des Seminars hatte sie Professor Dr. Klaus Beckmann geworben, den renommierten Orgel-Wissenschaftler und Herausgeber von Drucken alter Kompositionen für die „Königin der Instrumente“. Er hatte die musikalischen Einfälle aus der norddeutschen Orgelkunst des 16. und 17. Jahrhunderts aus der Versenkung geholt, intensiv recherchiert und in jene Verfassung gebracht, in der sie heutigen Organisten zur Interpretation auf den Spieltisch legt werden können.
Per Projektion zeigte der Referent, wie abenteuerlich die ganz frühen Kirchenmusiker, die bis dahin „aus dem Kopf“ orgelten, ihre musikalischen Ideen für Gleichgesinnte oder für die Nachwelt aufzuzeichnen versuchten. Eine individuelle Kombination von Zahlen, Strichen, Buchstaben und sonstigen Zeichen (ohne Taktstriche) brachten die Komponisten auf Pergament oder Papier, und die späteren Musikwissenschaftler mussten versuchen, aus diesen Aufzeichnungen, den so genannten „Tabulaturen“, brauchbare Noten zu entwickeln. Für die Seminarteilnehmer war schlechthin faszinierend, mit welcher Fülle an Kenntnissen der sympathisch auftretende Professor Dr. Klaus Beckmann aufwartete, und mit welchem Charme und toller Rhetorik er seine Begeisterung für die frühe Orgelmusik der Zuhörerschaft vermittelte.
An beiden Tagen zeigte der Referent zunächst in seinen Vorträgen höchst interessante geschichtliche Details auf und schilderte die norddeutsche Entwicklung der Kirchenmusik per Orgel. Der Einsatz der Orgel in der Kirchenmusik kann seinen Recherchen nach bis zum frühen 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden, zum Beispiel bis zum Kirchen-Organisten Hieronymus Praetorius aus Lübeck. Erst sein Enkel Michael aus Wolfenbüttel schaffte es, dessen Tabulaturen zu entziffern und damit die Musik seines Großvaters der Nachwelt zu erhalten. In seinen praktischen Beispielen an der Barockorgel von St. Marien brachte Prof. Klaus Beckmann „die älteste erhaltene Orgel-Komposition“, ein Magnifikat des Lübecker Altmeisters, zu Gehör, und tatsächlich: Dieses Werk ist auch heute noch durchaus hörenswert.
Die gestandenen Organisten unter den Zuhörern ließen sich in der Folge von dem grandiosen Orgel-Wissenschaftler begeistern, der quer durch die norddeutsche Orgelkunst deren wichtigste Vertreter und Werke erläuterte und dabei ein um das andere Mal am Instrument praktische Interpretations-Tipps gab. Diese unter der Prämisse, dass die wenigsten Orgel-Noten von Barock-Kompositionen genaue interpretatorische Hinweise hinsichtlich Tempo, Dynamik usw. enthalten. Ein Organist hat also große Freiheit und viel Verantwortung hinsichtlich der Umsetzung der Komposition. Appell des Referenten: „Der Organist darf nicht nur ‚orgeln‘, der muss die Komposition mit Leben erfüllen.“ Er sollte die vorgegebenen Noten als „Partitur“ begreifen, die viele stilistischen Möglichkeiten gibt, sie voller Motivation und Können umzusetzen.
„Unsere Religion ist fröhlich“
„Unsere Aufgabe als Orgelspieler ist es, mit unserer Interpretation die Gemeinde im Gotteshaus fröhlich zu machen. Unsere Religion ist eine fröhliche - das müssen wir mit unserem Orgelspiel der Gemeinde vermitteln.“ Auch die Kunst der Registrierung erläuterte der Referent mit Nachdruck und das anhand von Musikbeispielen wichtiger norddeutscher Barock-Komponisten, wie Heinrich Scheidemann, Franz Tunder, Nikolaus Bruhns, Vincent Lübeck und - vor allem - Dietrich Buxtehude. „Stellen Sie sich eine diagonale Linie von Kassel über Berlin, Stettin bis Danzig vor - darüber ist die norddeutsche Orgelkunst des Barock beheimatet - ihre Instrumente und ihre Musiker.“
Auf diesen Zug sind die Breisiger aufgesprungen mit ihrer neu geschaffenen West-Orgel. Professor Klaus Beckmann: „Sind sich eigentlich alle darüber klar, was für einen musikalischen ‚Leuchtturm‘ sie hier mit dieser wunderbaren Barockorgel geschaffen haben. Sie im Zusammenspiel mit dieser Marienkirche, die eine fantastische Akustik für Orgelmusik hat. Gemessene vier Sekunden Hall - ein Geschenk für die Musik. Ich kenne wesentlich größere Orgeln in Kirchen mit ‚trockener‘ Akustik - da tut einem das Instrument leid und der Organist dazu. Nein: Ihre Orgel in dieser tollen Kirche, das ist tatsächlich der ‚Leuchtturm‘ im gesamten Rheinland. Und denen, die auf diesem Instrument spielen dürfen, gebe ich den Rat: Macht was aus diesem Geschenk.“
Die Teilnehmer nahmen Professor Klaus Beckmann das Versprechen ab, im nächsten Jahr zu einer Neuauflage wieder in die Quellenstadt zu kommen. Es sind in der verfügbaren Zeit eine Menge Fragen noch offen geblieben. Denn noch wartet zum Beispiel die gesamte Dynastie Bach, nicht aus Nord-, sondern aus Mitteldeutschland darauf, in ihren Werken beleuchtet zu werden.
