Töpferei im Kastell Rigomagus
Eine römerzeitliche Terra Sigillata
Im Jahr 1981 kam es in der Remagener Kirchstraße zu einer aufsehenerregenden Entdeckung: Beim Anlegen eines Grabens für den Kanalanschluss eines Anwesens stießen die Arbeiter in etwa 1,50 m Tiefe auf eine Unmenge römischer Keramik, welche noch mehr als einen Meter tiefer beobachtet wurde. Da es sich vornehmlich um Scherben des römischen rot glänzenden Tafelgeschirrs Terra Sigillata (kurz: TS) handelte, das ausnahmslos deutliche Qualitätsmängel aufwies, ferner um sogenannte „Brennhilfen“ und sogar Teile des Aufbaues eines TS-Töpferofens, drängte sich die Schlussfolgerung auf, hier könne es sich um die Abfallhalde einer Töpferei handeln, die sich zwangsläufig in der Nähe befunden haben musste (Blick aktuell - Bad Neuenahr-Ahrweiler berichtete hierüber in seiner Ausgabe Nr. 36 von 2010). Der Proteststurm der aufgebrachten Remagener „Fachwelt“ gegen diese Darstellung ließ nicht lange auf sich warten. In der Folge wurden, zum Teil bis an die Grenze zur Sachlichkeit sämtliche Register gezogen, um diese Arbeitshypothese zu widerlegen, zu guter Letzt plädierte man beim Fundort, ohne jeden Beweis, für die Annahme einer mit dem Keramikmaterial gefüllten Senkgrube. Inzwischen konnte jedoch unmissverständlich geklärt werden, dass diese Behauptung völlig haltlos ist, leider wird sie dennoch weiter mit Eifer propagiert. Deshalb wurde die Fragestellung zu einer möglichen TS-Töpferei im Kastell Rigomagus in Verbindung mit dem historischen Hintergrund und weiterer Kriterien wieder aufgegriffen. Als völlig falsch erwies sich die Behauptung, die Anwesenheit eines Fabrikationsbetriebes, einer Töpferei innerhalb eines römischen Militärlagers sei undenkbar, innerhalb der bisher bekannten römischen Lebewelt stelle dies einen erstmaligen Fall dar. Den Zweiflern sei aber das Studium der Untersuchungen im frührömischen Hauptlager in Haltern, ferner der Fundbeschreibungen im Bingener Kastell (s. Rheinischer Antiquarius Bd.19) empfohlen. Dies sind jedoch nicht die einzigen bekannten Ausnahmen. Nun zum historischen Hintergrund: Nach Maßgabe des abgebildeten Lageplanes (wahrscheinlich aus dem Ende des 19. Jh.) hätte die Töpferei weit außerhalb der 1. Holz-Erde-Umfriedung, bzw. nach dem Bataver-Aufstand (70 u. Z.) neuen Steinmauer gelegen. Die Typologisierung der Remagener TS-Keramik deutet, wie die in Sinzig 1913/14 gefundene auf die Mitte des zweiten Jahrhunderts hin.
Ausgrabungsleiter Eugen Funck, der sowohl in Remagen 1910/11 als auch in Sinzig gegraben hatte, sprach kategorisch von zwei TS-Töpferzentren mit Trierer Ursprung, je eine in beiden Städten; man muss respektieren, dass Funck, der von Prof. Dr. Lehner bevorzugt als Grabungsleiter eingesetzt worden war, es wohl am Besten beurteilen konnte. Etwa um 260/70 u. Z., als Franken den Rhein in marodierender Absicht überschritten und nach dem Fall des Limes (260) die mordenden und brandschatzenden Alemannenhorden an Mittel- und Oberrhein hinzu kamen, entstand unter beträchtlicher Geländeerweiterung eine neue, viel höhere Kastellmauer im Westen von Rigomagus (s. Plan). Diese hätte nun die inzwischen sicherlich schutzbedürftige Töpferei ins Lagergelände einbezogen, Platz war ja ausreichend vorhanden. Die bisher innerhalb dieses Remagener Geländeabschnitts bekannten Forschungen widersprechen dem auch nicht. Während die Töpferbetriebe in Sinzig schätzungsweise nur rund 20 Jahre arbeiteten (wahrscheinlich wegen des bekannt miserablen Tonmaterials) wird der Töpferei im Lager Rigomagus ein ungestörter Betrieb, möglicherweise über die Mitte des vierten Jahrhunderts hinaus beschieden gewesen sein. Dafür könnte der unübersehbare Anteil an Kerbschnitt verzierter TS im Scherbenkonvolut sprechen, außerdem ein gewisser Anteil an Engobe-Ware, zudem war der Ton hier ausgezeichnet. Von dieser engobierten Ware, die in gelbrötlichem Ton mit einer dünnen roten Glasur viele der seinerzeit gängigen TS-Gefäßtypen ersetzte, ist bekannt, dass sie bis in die 30er Jahre des fünften Jahrhunderts produziert wurde. Als Ursache wird der Mangel an echter TS angeführt, z. T. mag dies an der hohen Gefahr beim Benutzen des römischen Straßennetzes bei der Distribution gelegen haben. Viele der Produktionsstätten mussten wohl auch ihren Betrieb wegen des allgegenwärtigen Überfallrisikos einstellen, hervorzuheben ist in diesem Sinne die Töpfermetropole Rheinzabern, wo Mitte des dritten Jahrhunderts keine TS mehr hergestellt und zum Ende des Jahrhunderts die gesamte Produktion eingestellt wurde. Wie grausam solche Überfälle durch Germanenhorden ausarten konnten, beweisen etliche bei Ausgrabungen festgestellte Massaker. Schon alleine deshalb spricht vieles für eine der vielleicht nur noch wenigen funktionierenden TS-Töpfereien innerhalb der schützenden Kastellmauern.
Gerd Otto
Scherbenkonvolut vorwiegend Engobeware.
Kerbschnitt verzierter Bodenscherben von Engobeware (Terra Sigillata Plagiat).
