Allgemeine Berichte | 02.09.2013

Versicherungsältester Helmut Niedzwetzki aus Remagen

Kein Fall ist wie der andere

Der gelernte Werkzeugmacher füllt seit 33 Jahren Rentenanträge mit aus - 134 verschiedene Formulare

Helmut Niedzwetzki ist einer der nur zwei Versicherungsältesten im Kreis Ahrweiler. Auf seinem Tisch häufen sich die Formulare. WM

Remagen. Wie viele Fälle er bearbeitet hat, in seiner Wohnung, bei den Antragstellern, am Telefon, weiß Helmut Niedzwetzki nicht. Seit 33 Jahren ist der heute 70 Jahre alte sportliche Remagener Versicherungsältester, berät die Antragssteller in Rentenfragen, füllt mit ihnen die komplizierten Formulare aus. Gezählt hat er die einzelnen Vorgänge nicht. Oft hat er die Antragsteller vom ersten Anruf bis zur ersten Zahlung begleitet, manchmal reichte ein kurzes Gespräch, und es stellte sich heraus, dass noch kein Anspruch besteht. „Über 500 Fälle habe ich in dieser Zeit komplett abgewickelt“, sagt Helmut Niedzwetzki. Wie man zu diesem zeitintensiven Ehrenamt kommt? Der rüstige Senior, der noch bis vor kurzem mit seinem Rennrad so manchem Amateurrennfahrer davonraste und pro Jahr 12.000 Kilometer zurücklegte, wurde von der IG Metall vorgeschlagen und nahm das Amt an. Damals war er noch als Werkzeugmacher tätig und engagierte sich 27 Jahre im Betriebsrat. Inzwischen ist er ein „alter Hase“ in dem Metier der Rente, kennt sich bestens aus bei BfA, LVA, Knappschaft und Bahn-See, den deutschen Rentenversicherungen. Was zu einem Erfolg versprechenden Antrag gehört, ist ein schwerer Weg durch den Dschungel bundesrepublikanischer Vorschriften und Paragrafen. „Es gibt allein 134 Antragsformulare. Wenn ich Ihnen nur beschreiben wollte, wer wann unter welchen Umständen wie viel Rente beziehen könnte, wären wir noch in einer Woche hier am Tisch“, lacht Helmut Niedzwetzki. Was für ihn viel Arbeit bedeutet, ist die Tatsache, dass es im gesamten Kreis Ahrweiler nur zwei Versicherungsälteste gibt: ihn und Herbert Seuter in Sinzig. Im gesamten Land Rheinland-Pfalz sind es übrigens gerade einmal etwas über 50 Versicherungsälteste.

Zwei Versicherungsälteste im gesamten Ahrkreis

„Zwei Männer für alle Rentenanträge im Ahrkreis? Das stimmt so nicht. Schließlich gibt es in den meisten Rathäusern eine Rentenberatung. Leider zurzeit in Remagen nicht, sodass mir die Leute die Bude einrennen, seit diese Stelle vakant ist. Hoffentlich wird sie bald wieder besetzt“, sagt der Versicherungsälteste.

Alles kostenlos macht Niedzwetzki. Will höchstens einmal seine Benzinkosten erstattet bekommen von den Rentenanwärtern, wenn er weite Strecken zu ihnen fährt. Denn er ist sehr bekannt an Rhein und Ahr. Mundpropaganda und natürlich seine Daten im Internet lassen Männer und Frauen anrufen. „Viele Menschen unserer Generation haben Schwellenangst und wollen nicht ins Rathaus. Aufs Amt, wie sie es nennen. So kommen sie zu uns. Wir sind bekannt für unsere Hilfe und haben eben regen Zulauf. Im Schnitt drei bis fünf komplette Anträge jede Woche“, beschreibt Helmut Niedzwetzki den Umfang seines Ehrenamtes, Telefonate oder kurze Gespräche gar nicht gezählt. Ein breites Fach im Wohnzimmerschrank zeugt von der Arbeit im Paragrafendschungel.

Es sind nicht nur die Vorschriften. Es ist auch das „Beamtendeutsch“, das vielen Menschen Probleme macht oder sie überfordert. „Am 1. Januar 1924 wurde die Deutsche Rentenversicherung eingeführt. Seitdem werden ständig die gesetzlichen Bedingungen geändert“, erklärt der Remagener. Ein Stapel auf seinem Tisch besteht nur aus Broschüren mit Vorschriften und Formularen.

Ein hoher Stapel. Schlagworte stehen dort manifestiert, die den „normalen“ Arbeitnehmern erst einmal nichts bedeuten, bei Krankheit, Tod oder eben kurz vor der Rente aber entscheidend sind: Hinterbliebenenrente, Ehegattensplitting, Hartz IV, Rehamaßnahmen, Arbeitslosengeld, Erwerbsunfähigkeitsrente, Pflichtbeiträge und freiwillige, Krankenkassenkosten, Regelarbeitsrente, Altersrente, und, und, und. „Es gibt keine Schablone, die man über einen Fall legen könnte.

Keiner ist wie der andere. Es spielen so viele völlig verschiedene Fakten eine Rolle. Ich kann jedem nur raten, die Rente früh genug zu beantragen.“ Was heißt das? Exakt drei Monate vor dem voraussichtlichen Rentenbeginn sollte man dieses Geld beantragen. Wann dieser Fall eintritt, lässt sich pauschal nicht sagen, auch hier ist jeder Fall anders. Der Antrittstag richtet sich nach dem Alter des Antragsstellers. Los geht es grundsätzlich am letzten Tag des Monats, wenn man 65 Jahre alt ist. Aber nur bis zum Geburtsjahr 1948, wer jünger ist, „darf“ drei Monate länger arbeiten, wer noch jünger ist, muss länger einzahlen. Also: Den Versicherungsältesten fragen, oder die Versicherung selbst, oder im Rathaus vorsprechen. Eine entscheidende Rolle spielt natürlich auch die Zahl der Beitragsjahre. Wer 35 oder mehr Jahre eingezahlt hat, kann die vorzeitige „Altersrente als langjährig Versicherter“ ab 63 mit Abzügen bekommen, wer 45 und mehr Jahre hat, muss diese Abzüge nicht hinnehmen. Aber auch diese Zahlen sind nur Faustregeln, hier gibt es viele Ausnahmen, die eine Rolle spielen können. Natürlich gilt das alles nur für Männer, bei Frauen gibt es völlig andere Zeiten.

„Der letzte und vorletzte Ehemann“

Die Rente früher als drei Monate vorher zu beantragen, hat keinen Sinn, weiß der Fachmann. „Die Versicherungen bearbeiten diese Anträge sowieso erst drei Monate vor Beginn. Denn sie benötigen eine Bescheinigung des Arbeitgebers, was der Beschäftigte in den letzten drei Monaten verdient. Und dieses Papier wird eben erst dann ausgestellt.“ Bei Scheidungen muss der Beitragsverlauf komplett vorliegen, um die Ausgleichszahlungen der früheren Eheleute festzulegen. Ausbildungszeiten, Bundeswehr, Pflegezeiten, Krankheitsphasen und Rehamaßnahmen, der „letzte und vorletzte Ehemann“, Krankenkassenbeiträge, Arbeitslosigkeit, all diese Faktoren müssen berücksichtigt werden. „Die Antragsteller müssen mir offen und ehrlich alles darlegen. Ich unterliege der Schweigepflicht und gebe keine Informationen weiter. Natürlich an die Versicherungsanstalten.“

„Die Renten sind sicher“, ist der bekannteste und meistdiskutierte Satz von Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm. Sind sie wirklich sicher? Helmut Niedzwetzki sagt ein klares Ja. „Wir haben eins der besten Rentensysteme der Welt. Nur: Alle sollten zum Einzahlen gezwungen werden. Ich denke da an Selbständige und Beamte. Sicherlich ein heißes Eisen, aber die Altersentwicklung zwingt uns zu neuen Maßnahmen. Durch die Medizin und neue Formen der Lebenshaltung werden wir immer älter, zahlen aber immer weniger ein wegen Arbeitslosigkeit, früherer Verrentung, Krankheiten. Stress am Arbeitsplatz, Haltungsschäden, Mobbing, das alles macht Arbeitnehmer krank, sie müssen früher aufhören. Um das aufzufangen, muss die Politik neue Wege beschreiten. Und zwar ganz schnell.“

Helmut Niedzwetzki ist einer der nur zwei Versicherungsältesten im Kreis Ahrweiler. Auf seinem Tisch häufen sich die Formulare. Foto: WM

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