Konrad Beikircher plauderte aus 35 Jahren Bühnenprogramm
Verzällchen, Gags und Parodien
Bad Breisig. In der Zahnklinik sagt der Oberarzt zu Konrad Beikircher: „Ich habe eine gute Nachricht und eine schlechte für sie. Zunächst die schlechte: Ihr Oberkiefer ist so lädiert, dass wir alle Zähne entfernen müssen. Und nun die gute: Wir brauchen die Zähne nicht ziehen, wir können sie pflücken!“ Dieser Konrad Beikircher ist auf dem Zenit seiner Meisterschaft im Fabulieren; er scheut sich nicht, auch aus eigenen medizinischen Misslichkeiten Pointen zu kreieren, die das Publikum vom Hocker reißen. In einer mit Fans aus der ganzen Region gut besetzten Jahnhalle beschäftigt sich der Kabarettist in seinem dreistündigen Programm am vergangenen Freitag erstmals weniger mit der bisher von ihm bekannten Analyse rheinischer Lebensart und den mehr oder weniger liebenswerten „Macken“ des rheinischen Menschen - diesmal bestehen Beikirchers Wortspiele im Wesentlichen aus Erinnerungen an die Zeit, da er nach dem abgeschlossenen Studium die „Psschlojie“ (wie die rheinische Zunge die Wissenschaft der „Psychologie“ vergewaltigt) in das Erwerbsleben eintritt. Die ersten Schritte in den Alltag lassen ihn eine Jazz-Werkstatt betreiben, deren unbestrittener Stargast Albert Mangelsdorff mit seiner Posaune ist. Was diesem Weltstar passiert, als er einmal sein Mundstück vergessen hat, formt Beikircher zu einer viel belachten Anekdote. Folge: Eine jener krachenden Lachsalven, die befürchten lassen, dass die alt-ehrwürdige, von dem Künstler aber durchaus gepriesene Bad Breisiger „Kulturbaracke“ hin und wieder zu platzen droht. Fantasie oder Realität, was der routinierte Entertainer aus seinem Leben so meisterlich erzählt? Auf jeden Fall alles höchst unterhaltsam, so z.B. die Szene, als sich zwei Brüder auf der Straße „verkloppen“ und der blutende Unterlegene einen hilfswilligen Passanten anmotzt: „Halte dich jefällichs draus. Dat is meine Bruder, und der darf mich verkloppen, solang et ihm passt!“ So und ähnlich die Fülle der Erinnerungen, mit denen der Kabarettist das Publikum amüsiert. Perfektioniert gegenüber früheren Auftritten klingen seine Anleihen an die verschiedensten Mundarten aus deutschen Landen, mit denen er die Vertreter der verschiedenen Stämme auf die Schippe nimmt. Gekonnt auch, wenn er öffentliche Personen wie z.B. Franz Beckenbauer, Hans Moser, Helmut Kohl, Herbert Grönemeyer, Heinrich Lübke und andere so gut parodiert, dass man sie vor sich zu sehen glaubt. Was jenen historischen Herren an kuriosen Aussagen entschlüpft ist, erzählt Konrad Beikircher mit einem unverhohlenen Anflug von Schadenfreude. Und da ja Schadenfreude etwas besonders Ehrliches ist, haben die Leute im Saal viel und herzlich zu lachen. Der Kabarettist scheut sich auch nicht - siehe oben - den Blick auf die zahnmedizinischen Ereignisse seines Lebens zu werfen. So auch auf die Probleme mit der wegen dringenden Auftritts - Verpflichtung eingesetzten „provisorischen“ Prothese, „He is et“. Mit diesen komplexen Worten reicht ihm in dieser schwierigen Phase seines Lebens eine alte Dame aus der dritten Reihe des Publikums die bei einem Zisch-Laut verlorenen dritten Zähne. Niemand im Saal gibt sich zimperlich, wenn der meisterhaft mit dem Publikum spielende Kabarettist solch burschikose Erlebnisse schildert. Da geht er z.B. auf das höchst „anrüchige“ Ereignis ein, als einem lederbehosten Ur-Bayern mitten in einer Ansammlung konsternierter japanischer Gäste ein „Kracher“ entfleucht und der Sünder lediglich kommentiert: „Nu druck’st nimmer!“ Auch dieser „Kracher“ - ein riesiger „Lacher“! Man muss die grandiose Erzählkunst des Konrad Beikircher ins Kalkül ziehen, um den Erfolg solcher Pointen richtig einschätzen zu können. So auch, als ein stark Angesäuselter in der kölschen Kneipe, mit dem Kopf auf der Theke liegend, nicht mehr weiß, ob er „simuliert“ oder schon „schläft“. Und der Künstler erläutert: „Simulieren“ (rheinisch gesagt: „simmelieren“) ist nicht gleich „grübeln“. Das eine ist positiv, das andere ist negativ. Eingestreut werden höchst liebenwerte Erinnerungen an die Jugend und die Familie, die im Brunecker Tal, im Schatten der Dolomiten aufwächst. Es ist ein einziges Vergnügen, den Verzällchen des Kabarettisten über volle drei Stunden zu folgen.
Für den 68-jährigen Konrad auch eine respektable physische Leistung, die ihm das begeisterte Publikum mit tosendem Beifall vergilt. Beikircher, der einst für die Bad Breisiger Gastronomie werbende „Ritter der Tafelrunde“, hat noch einige spaßige Zugaben parat: Er kennt sich auch bei Tünnes und Schäl und deren Sprüchen aus. Bürgermeister Bernd Weidenbach, begleitet von der hübschen Brunnenkönigin Anne Kraus, bedankt sich mit netten Worten und einem
Wein-Geschenk.
