Treffen im vereinten Kampf gegen Bahnlärm und Erschütterungen in Brohl/Rhein
„Visionen sind der Motor des Fortschritts“
Brohl-Lützing. „Krank machender Bahnlärm und Erschütterungen durch den Zugverkehr gibt es nicht nur zwischen Bingen und Koblenz; der unerträgliche Zustand reicht über das ganze Mittelrheintal bis nach Bonn.“ Das war der Tenor der Ansprache von Bürgermeister Bernd Weidenbach, mit der er die in dieser Sache interessierten Bürger aus Bad Breisig, Brohl-Lützing, aber auch aus Bad Hönningen und Weißenthurm begrüßte. Sie alle waren seiner Einladung in das Feuerwehrhaus von Brohl-Lützing gefolgt, um miteinander der Forderung nach geeigneten Maßnahmen durch die Deutsche Bahn Nachdruck zu verleihen. „Im Kampf gegen den Bahnlärm müssen alle Betroffenen zusammenhalten und Einigkeit über die Parteien hinweg zu zeigen.“ Weidenbach outete sich auch als ein selbst vom Lärm Gestresster, ist sein Rathaus doch unmittelbarer Nachbar der Bahngleise. Sein Credo: Es dürfe nicht bei den Resolutionen bleiben, die schon längst in den kommunalen Räten der Verbands- und Ortsgemeinden existieren. Eine Zusammenarbeit des Bad Breisiger Arbeitskreises gegen Bahnlärm und der entsprechenden Interessengemeinschaft aus Bad Hönningen, gar eine Vernetzung aller einschlägigen Bürgerinitiativen, Arbeitskreise, und Interessengemeinschaften sei „rheinübergreifend“ geboten - denn: Nur Gemeinsamkeit mache stark gegen die übermächtige Bahn-Lobby.
Grenzen festlegen
Weidenbach warb zugleich um Beitritt in die „Interessengemeinschaft gegen Bahnlärm und Erschütterungen e.V. Bad Hönningen/Bad Breisig“. Im Mittelpunkt des Treffens der Bahnlärm - Kritiker stand der für die Bürgerinitiative Weißenthurm agierende Fachreferent Rolf Papen; seine rhetorisch überzeugenden Ausführungen waren eine veritable Philippika gegen die unzumutbare Haltung der Bahn. Von großformatig projizierten Schaubildern unterstützt traf er ernüchternde Aussagen. „Die neue Generation der Güterzüge wird noch schneller, noch länger.“ Das Gebiet zwischen Koblenz und Bonn sei im Zusammenhang mit Bahnlärm bisher ignoriert worden, aber „wir haben diese Meinung gedreht.“ Im Sinne Martin Luther Kings sei es unklug „allein zu marschieren“, aber man habe heute potente Mitstreiter wie die „Bundesvereinigung gegen Schienenlärm“. Bahn-Experte Hedderich: „Lärm innerhalb festgelegter Grenzen muss eine Gesellschaft aushalten, die sich als Industrienation versteht!“ Aber wo bleiben die „festgelegten Grenzen?“ Medizinisch höchstens vertretbar gelten am Tag 64 Dezibel, in der Nacht 54 Dezibel. Nach gründlichen Messungen sind für Güterzüge 96 bis 100 Dezibel, sogar für IC noch über 86 Dezibel dokumentiert. Dabei sind starker Lärm und Erschütterungen nachgewiesene Ursachen für schwere Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlagfanfälle. Außerdem: Erschütterungen nagen an der Bausubstanz der Häuser und Brücken - alles zu Lasten der Bürger. Dabei eine wichtige fachliche Feststellung (Dr. Gravert): „Lärm kostet mehr als Lärmschutz!“ Nicht zu vergessen, der Transport von Gefahrgut auf der Schiene. Nicht auszudenken, was im engen Rheintal passiert, wenn einer der vielfach verschlissenen, überalterten Tankwagen aus den Schienen springt. Aus Schienen, die nach dem Eingeständnis von Bahnchef Grube tatsächlich „überaltert“ sind.
Zu schnell, zu laut
Nach dessen Aussage sind 1400 Brücken in einem kritischen Zustand und „hunderte Stellwerke stammen noch aus Kaisers Zeiten.“ Rund 600 Züge brettern täglich durch das Rheintal. Dabei muss man wissen, dass nach bahneigener Vorschrift die Geschwindigkeit der Züge z.B. zwischen Rolandseck und Remagen auf 100 km/h begrenzt ist, aber von Remagen bis Brohl auf 160 km/h und von Brohl bis Weißenthurm auf 140 km/h. Wie exakte Messungen ergeben haben, werden längst nicht alle Begrenzungen eingehalten. Bei der Durchfahrt durch den Remagener Bahnhof wurden schon mehr als 160 km/h gemessen. Und was die Sicherheit der Bahn angeht: Laut Recherchen sind im letzten Jahr 396 Mal Züge der Deutschen Bahn miteinander kollidiert, 239 Züge sind entgleist. Ernüchternde Feststellung: Um die Bahn in zeitgemäß geordneten Zustand zu bringen, wären nach eigenen Prognosen 30 Millionen Euro aufzubringen, nach Urteil von Fachleuten 50 - 60 Millionen. Und in dieser Situation will die Politik den Frachtverkehr auf Straßen einschränken und stattdessen auf die Schiene verlegen. Referent Papen: „Da sind wir sehr dafür - nur nicht im Rheintal!“ Lösungen müssen her. Die Forderungen: Kurzfristig aktiver und passiver Schutz vor Lärm und Erschütterungen, Geschwindigkeits-Reduzierung und Nachtfahrverbot. Mittelfristig die Umleitung des Bahnverkehrs auf Ausweichstrecken, also raus aus dem Rheintal. Langfristig: Neue, weniger störende Bahnstrecken. Am besten die von den Mitstreitern aus Bad Hönningen vorgeschlagene Tunnel-Lösung zwischen Troisdorf und Wiesbaden. Überlegung: Tunnel sind zwar teuer, aber immer noch billiger als Brücken. Die Schweizer machen es uns vor. Also: Bezahlbar? Ja, wenn man es will! Credo des Referenten: „Visionen sind Motoren des Fortschritts!“ Wichtigste, bald umzusetzende Forderung: Immissions - Obergrenze auf 64 Dezibel am Tag, 54 Dezibel in der Nacht gesetzlich festsetzen. Damit wäre ein erster Schritt getan. Und eine Mahnung an die Brohler Gastgeber: „Freut euch nicht zu sehr auf den Fortfall der beiden innerörtlichen Bahnübergänge. Sie sorgen noch dafür, dass die Züge hier nur 120 km/h fahren dürfen. Sind sie weggefallen, rasen die Züge hier mit viel höherer Geschwindigkeit!“
Franz Breitenbach, Vorsitzender der Interessengemeinschaft aus Bad Hönningen, bedankte sich bei Rolf Papen für dessen Referat, bei Ortsbürgermeisterin Christel Ripoll, Verbandsbürgermeister Bernd Weidenbach und der Brohler Feuerwehr für die Gastgeber - Rolle und die perfekte Organisation der Veranstaltung. Auch er warb für eine lebenswerte Zukunft im Rheintal durch Unterdrückung des Bahnlärms. Auch er unterstütze die Tunnel-Lösung, die - so sie denn realisiert würde - nach den Berechnungen der Ideengeber einen Transitverkehr von bis zu 700 Zügen möglich mache, und das ohne größere Belästigung der Anwohner. Er listete noch einmal die dringendsten Forderungen der IG auf, die in dem verteilten Flyer abgedruckt waren.
