Politik | 16.03.2015

Aus dem Kreistag: Naturschutzgroßprojekt Obere Ahr-Hocheifel

Zehn Millionen Euro werden in ein Projekt der ökologischen Premiumklasse investiert

Natur- und Kulturlandschaft der Verbandsgemeinde Adenau aufwerten und für kommende Generationen erhalten

Kreis Ahrweiler. Der Startschuss für das Naturschutzgroßprojekt „Obere Ahr-Hocheifel“, welches das komplette Gebiet der Verbandsgemeinde Adenau entlang der Fließgewässer umfasst, fiel bereits im Jahr 2007. Projektleiter Dr. Jochen Mölle gab dem Kreistag Ahrweiler in dessen jüngster Sitzung eine Übersicht über den Stand der Arbeiten an diesem beispielhaften Projekt. Zuvor freute sich Landrat Dr. Jürgen Pföhler, dass es im Wissen um die besondere Bedeutung der Flusslandschaft entlang der Ahr und ihrer Nebengewässer gelungen sei, dieses bemerkenswerte Projekt anzuschließen und auf einen guten Weg zu bringen. „Es handelt sich um ein Projekt der ökologischen Premiumklasse, für das der Bund, das Land und der Kreis Ahrweiler ihre Kräfte bündeln“, so der Landrat. Gemeinsam werden rund 10,4 Millionen Euro in die Region investiert, um die einzigartige Natur- und Kulturlandschaft der Verbandsgemeinde Adenau aufzuwerten und auch für kommende Generationen zu erhalten.

Umsetzung trägt bereits erste Früchte

Im vergangenen Herbst hätten die Mitglieder des Kreistages bei einer Exkursion einige eindrucksvolle Maßnahmenbereiche besichtigt und sich davon überzeugen können, dass die Umsetzung bereits erste Früchte trage. Dabei sei festzustellen, dass das Projekt neben den naturschutzfachlichen Effekten auch positive Auswirkungen für die heimische Wirtschaft habe. Das fange bei der Beauftragung von Ingenieurbüros an, setzte sich über konkrete Aufträge für heimische Bauunternehmen fort und gehe bis hin zur Steigerung der Übernachtungszahlen durch Gäste, die etwa die „Dörferblickschleife“ im Projektgebiet erwanderten.

Dr. Jochen Mölle berichtete, das Kerngebiet umfasse eine Gesamtfläche von 3.287 Hektar und eine Gewässerstrecke von insgesamt 500 Kilometern. In diesem Bereich sollen die Ahr und ihre Nebenflüsse wieder naturnah mit ihren Auen verbunden und die Vielfalt der Lebensräume für Tiere und Pflanze dauerhaft verbessert werden. Es sei ein gutes Beispiel für die umfassende Restrukturierung eines zusammenhängenden Gewässersystems und für das Miteinander von Naturschutz, Wasserwirtschaft und naturverträglicher Nutzung.

„Ziel unseres Projektes ist die Sicherung der naturnahen Entwicklung des Gewässersystems an der Oberen Ahr, welche im Wesentlichen auf der Wiederherstellung eigendynamischer Prozesse beruht. Dies schließt die ökologische Verbesserung der Gewässer und ihre kulturhistorisch durch extensive Grünlandnutzung geprägten Auen ein. Der Gesamtkomplex aus Gewässer und Aue soll als Lebensgrundlage für die charakteristischen naturraumtypischen Pflanzen- und Tierarten und ihrer Lebensgemeinschaften erhalten und entwickelt werden. Unser Anliegen für Mensch und Natur ist die einmalige, von Bachtälern der Mittelgebirgslagen geprägte Natur- und Kulturlandschaft der oberen Ahr mit ihren für die Eifel typischen Tier- und Pflanzenarten langfristig zu erhalten“, so Jochen Mölle.

Die Umsetzungsphase habe eine Laufzeit von neun Jahren und ende am 31. Juli 2021. In diesem Zeitraum sollen möglichst viele Maßnahmen von möglichst hoher naturschutzfachlicher Priorität und Effektivität umgesetzt werden, um den Projekterfolg zu sichern. Die Umsetzung der biotoplenkenden Maßnahmen erfolge gestaffelt nach Talabschnitten, der Grunderwerb sei dagegen bereits flächendeckend im gesamten Kerngebiet gestartet worden.

Offener Dialog und transparente Vorgehensweise

Bei der Umsetzung würden der offene Dialog und die transparente Vorgehensweise der Planungsphase fortgesetzt und auf die neuen Aufgaben ausgerichtet, versprach der Projektleiter. Auch die projektbegleitende Arbeitsgruppe, der 45 Vertreter aller beteiligten Institutionen angehörten, führe ihre Arbeit fort, um die Maßnahmen zu begleiten. Weiterhin erfolge eine enge Abstimmung mit der Landwirtschaft, insbesondere im Hinblick auf die jeweiligen Bewirtschaftungsmöglichkeiten und die Verpachtung der Offenlandflächen. Die Biotoplenkenden Maßnahmen würden darüber hinaus vor ihrer Umsetzung mit den jeweiligen Ortsgemeinden abstimmt, etwa bei gemeinsamen Geländebegehungen oder auf Bürgerversammlungen. „Da alle Maßnahmen auf Freiwilligkeit basieren, wird nur dann umgesetzt, wenn die jeweiligen Grundstückseigentümer ihre Einwilligung geben.“

Zur Abwicklung des dafür notwendigen Grunderwerbs habe das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Westerwald-Osteifel sieben Bodenordnungsverfahren nach dem Flurbereinigungsgesetz eingeleitet. Auch der Verkauf von Grundstücken basiere allerdings auf Freiwilligkeit und erfolge nur dann, wenn die jeweiligen Flächeneigentümer ihre Zustimmung erklärten.

Ein wesentliches Projektziel sei die langfristige Sicherung von naturschutzfachlich wertvollen Flächen durch Grunderwerb, langfristige Pacht und Ausgleichszahlungen. Diese Maßnahmen stellen in den meisten Fällen auch die Grundlage für die Umsetzung biotoplenkender Maßnahmen dar. Bislang wurden bereits 414 Grundstücke mit einer Gesamtfläche von rund 112 Hektar erworben. Zur Durchführung der ersten Strukturverbesserungsmaßnahmen wurden zu Beginn der Umsetzungsphase die Täler von Dreisbach, Armuthsbach und Wirftbach als Schwerpunktbereiche festgelegt. Diese Gebiete seien naturschutzfachlich besonders hochwertig und der Nutzungsdruck dort vergleichsweise gering, so Jochen Mölle. 2013 sei das mittlere Trierbachtal und 2014 das Eichenbachtal hinzugekommen. Die ersten Maßnahmen seien Waldumwandlungen und Wasserbaumaßnahmen gewesen. So habe seien etliche Fichtenmonokulturen in den Auen gerodet worden, um sie anschließend wieder in eine extensive Grünlandnutzung zu überführen oder für eine natürliche Laubwaldentwicklung der Sukzession zu überlassen.

Fichten gerodet und Tal wieder geöffnet

Am Trierbach in der Gemarkung Pomster seien im Bereich der ehemaligen Mandelsmühle, von deren Existenz heute nur noch einige Geländestrukturen zeugten, auf einer etwa zwei Hektar großen Fläche die Fichten gerodet und somit das Tal wieder geöffnet worden. Auch am Honerather Bach und am Dreisbach war das landwirtschaftlich genutzte Tal von einem Fichtenriegel unterbrochen, der nach dem Ankauf der Fläche gerodet worden sei, um in die angrenzende Grünlandnutzung integriert zu werden.

In anderen Bereichen, etwa an einigen Seitengewässern des unteren Adenauer Bachs, wurden Fichtenkulturen für eine anschließende naturnahe Laubwaldentwicklung beseitigt. Eine dicht mit Eschen aufgeforstete Fläche am Armuthsbach wurde ausgedünnt, um hier einen naturnahen Auwald entstehen zu lassen. Zur Wiederherstellung der aquatischen Durchgängigkeit wurde im Armuthsbach und im Unterlauf des Dreisbachs jeweils ein Stauwehr als „Raue Rampe“ mit natürlichem Gefälle hergestellt. Ein weiteres Wehr im Armuthsbach soll noch zurückgebaut werden, um eine Durchgängigkeit von der Landesgrenze im Oberlauf bis zur Mündung in die Ahr zu erreichen.

Für viele Tierarten der hiesigen Region, wie etwa Wanderfische, sei die aquatische Durchgängigkeit der Fließgewässer von existenzieller Bedeutung. Am Armuthsbach in der Gemarkung Wershofen seien 2013 eine große ehemalige Fischzucht- und Angelteichanlage im Eigentum der Verbandsgemeinde Adenau naturnah umgestaltet und als Lebensraum für Amphibien und Wasserinsekten sowie als Nahrungshabitat für den in der Nähe brütenden Schwarzstorch entwickelt worden. Ähnliches soll auch im Dreisbach, im Wirftbach und im Eichenbach erreicht werden. Dazu sollen im Dreisbach und im Eichenbach jeweils vier Bachverrohrungen unter Wirtschaftswegen durch einfache Brückenbauwerke oder Furten ersetzt werden. Im Wirftbach wurden im Sommer 2014 zwei Stauwehre im Bereich von Fischzucht- und Angelsportanlagen in ähnlicher Weise wie im Armuthsbach und im Dreisbach naturnah umgestaltet. Außerdem sei dort im Bereich der Kottenborner Mühle eine etwa 60 Meter lange Bachverrohrung auf einem privaten Gartengelände wieder geöffnet und eine verrohrte Wiesenzufahrt beseitigt worden, freute sich der Projektleiter.

Den Bach von seinem künstlichen Korsett befreien

In den genannten Tälern sollen in den kommenden Jahren viele brach gefallene Grünlandflächen als Mähwiesen oder Weiden wiederhergestellt und Gewässerrandstreifen eingerichtet werden. Die Umsetzung dieser Maßnahmen sei natürlich abhängig von der Flächenverfügbarkeit und damit vom Grunderwerb. Insbesondere am Armuthsbach und am Dreisbach gebe es einen hohen Anteil an Brachflächen. Der Wirftbach sei auf langer Strecke gepflastert, dort soll der Bach von seinem künstlichen Korsett aus Wasserbausteinen befreit werden, um wieder eine eigendynamische Entwicklung der Gewässerstrukturen zu ermöglichen.

„Mit diesem Großprojekt lassen wir der Natur in unserer Region etwas sehr gutes angedeihen“, kommentierte der Landtagsabgeordnete und Kreistagsmitglied Marcel Hürter (SPD) die Maßnahme. Sie sei auch ein wichtiger Baustein in Sachen Identität der Region und verbessert die Gewässerqualität deutlich. „Damit ist es auch ein konkreter Beitrag zum Artenschutz, den wir nur begrüßen können.“ Dem pflichtete auch der CDU-Fraktionsvorsitzende Karl-Heinz Sundheimer bei, der die Bedeutung des Projektes für die Erhaltung der Kultur- und Naturlandschaft betonte. Dabei würden die Aspekte des Hochwasserschutzes, der Landwirtschaft und des Tourismus gleichermaßen berücksichtigt. „Hier wird Naturschutz mit den Bürgern und nicht gegen die Bürger gemacht“, bemerkte Landrat Dr. Jürgen Pföhler zum Abschluss.

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