Politik | 12.04.2013

Erinnerung ist die Voraussetzung für Versöhnung

Stellungnahme zum Kontrovers-Thema „Stolpersteine“ in der Blick aktuell Ausgabe 14/2013

Vielen Dank für den ausführlichen Artikel über die Stolpersteine - und vor allem für die Darlegung der „klar politisch motivierten Ablehnungsgründe“ vieler Gegner dieses „größten dezentralen Denkmals“ zur Erinnerung an die Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der Bürgerinnen und Bürger, die während der Zeit des Faschismus als politische Gegner, als „rassisch minderwertig“ oder „lebensunwert“ betrachtet wurden. Wenn Gedenksteine mit Nazi-Symbolen geschändet werden, wird klar, wie notwendig die Behauptung des öffentlichen Raumes ist: Das Öffentliche ist nie unpolitisch, im Gegenteil - Demokratie, Freiheit und soziale Gerechtigkeit müssen immer wieder neu erstritten und gegen die Ewiggestrigen verteidigt werden. Der evangelische Theologe Martin Niemöller, selbst KZ-Häftling, hat es in ein weltbekanntes Wort gefasst: „Als die Nazis die Kommunisten geholt haben, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Katholiken holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Katholik. Als die Nazis mich holten, gab es niemanden mehr, der protestieren konnte“. Wer nicht will, dass Gemeinderäte irgendwann einmal darüber streiten, ob Stolpersteine verlegt werden sollen, die seinen Namen tragen, tut gut daran, die Erinnerung wachzuhalten und das Gedenken zu pflegen. Wenn die Stolpersteine als persönliche Erinnerung an einzelne Menschen dazu einen Beitrag leisten, dann leisten sie vielleicht mehr, als es viele Stunden Geschichtsunterricht vermögen. Stolpersteine geben den Opfern, die auf Nummern reduziert wurden, wieder einen Namen und eine Geschichte. Übrigens: Vergessen werden sollte Geschichte nie, Erinnerung ist die Voraussetzung für Versöhnung. Und vergeben können nur die Opfer und ihre Angehörigen, nicht aber die Täter. Dabei geht es mindestens so sehr um die Vergangenheit, wie um die Zukunft: Wenn junge Puderbacherinnen und Puderbacher wissen, wie in wenigen Jahren aus der - bei allen Schwächen - demokratischen Weimarer Republik ein mörderischer Vernichtungs- und Kriegsstaat wie das „Dritte Reich“ gemacht werden konnte, werden sie hoffentlich wachsam sein und heute denen entgegentreten, die morgen wieder Mord und Totschlag zum Regierungsprogramm machen wollen.

Jochen Bülow

Stellvertr. Fraktionsvorsitzender DIE LINKE im Kreistag Neuwied

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