Aktionsgemeinschaften trafen sich zur 24. Dienstagsdemo
Mit Glühwein, Musik und Roger Lewentz gegen Bahnlärm
Neuwied. Kälte und Dunkelheit konnten rund einhundert Menschen nicht davon abhalten, vergangene Woche an der Dienstags-Demo gegen Bahnlärm teilzunehmen. Mit Glühwein und Live-Musik drehte man die ungemütlichen Umstände ins Positive. Zum 24. Mal trafen sich Betroffene und die Vertreter der zahlreichen Bürgerinitiativen am Neuwieder Bahnhof, um zu protestieren. Das tun sie mittlerweile seit zwei Jahren, regelmäßig an jedem zweiten Dienstag im Monat. Unter den Protestlern war Roger Lewentz (SPD), Staatsekretär im Ministerium für Innern, Sport und Infrastruktur. Er sprach den Demonstranten Mut zu: „Lassen sie nicht locker. Die Bahn nimmt durchaus Notiz davon, was hier geschieht“. Er zollte den Menschen Respekt für ihre Kontinuität und Durchhaltevermögen. Heinz-Günter Heck von der Interessengemeinschaft „Schutz gegen Bahnlärm und Erschütterungen e.V.“ aus Bad Hönningen erklärt die Motivation so: „Wir sind halt selbst Betroffene, und bevor es nicht ruhiger wird, werden wir nicht ruhen“. Mit Roger Lewentz gelang dem 1. Vorsitzenden der Interessengemeinschaft, Heinz Breitenbach, nicht nur die Verpflichtung eines hochrangigen Politikers. Der Staatssekretär ist persönlich betroffen und gründete 1997 die erste Bürgerinitiative gegen Bahnlärm mit. „Bei uns in Kamp-Bornhofen ist es nur bei Hochwasser ruhig“, so Roger Lewentz. Er hat es erlebt, dass Urlaubsgäste wegen des Bahnlärms enttäuscht ihren Aufenthalt abbrechen. Vergangenen Dienstag kamen besonders viele Menschen nach Neuwied. Darunter Oberbürgermeister Nikolaus Roth, Landrat Rainer Kaul, dessen Kollege aus dem Landkreis Mayen-Koblenz, Dr. Alexander Saftig, die Bürgermeister Georg Hollmann (VG Weißenturm) und Michael Mahlert (Bad Hönningen), die Mitglieder des Landtags Guido Ernst (Bad Breisig) sowie aus dem Neuwieder Wahlkreis Fredi Winter und Elisabeth Bröskamp. Hinzu kamen die engagierten Vertreter zahlreicher Bürgerinitiativen. Den Schulterschluss haben sieben links- und rechtsrheinische Bürgerinitiativen unter der BIN vollzogen, um mehr Gehör zu finden. Rund 500 Züge fahren täglich beidseitig durch das Rheintal. Roger Lewentz wies darauf hin, dass die Lärmbelastung der Menschen mit 105 bis 110 Dezibel bundesweit wohl einmalig ist. Dabei könnte es noch schlimmer kommen. Nach der Eröffnung des Gotthard-Tunnels gehen Experten davon aus, dass der Güterverkehr zwischen Nordsee und Mittelmeer zunimmt. Hinzu kommt, dass der Umschlag in den Häfen jährliche Steigerungsraten von drei Prozent aufweist. „Das Rheintal ist das schwächste Glied in der Strecke“, erklärte Roger Lewentz. Daher hat er eine Ausweichstrecke für den Bundesverkehrswegeplan 2015 angemeldet. Es sei ungemein wichtig, darin aufgenommen zu werden. Einen erneuten Anlauf könne man bestenfalls bei Aufstellung des nächsten Bundesverkehrswegeplans im Jahr 2030 machen. Der Staatsekretär brachte ein zweigleisiges Tunnelsystem zwischen Troisdorf und Wiesbaden, nur unterbrochen vom Lahntal, ins Gespräch. Verbündete sieht Roger Lewentz in den benachbarten Bundesländern. Als Industrieland habe Nordrhein-Westfalen ein großes Interesse am Gütertransport. Hessen dagegen verspräche sich eine Lärmentlastung des Rheingaus. Inwiefern so eine Ausweichstrecke, länger als 100km, realisierbar und finanzierbar ist, müssten Machbarkeitsstudien untersuchen. Die Erfahrungen des Landes würden sich auf maximal 2,9km Länge, die des Tunnels unter Bad Ems, beschränken. Kurzfristig habe daher die Vereinbarung von Bahn und Bundesregierung höchste Priorität. Bis 2020 müssen 105.000 der insgesamt 182.000 Waggons umgerüstet werden. Momentan scheint es, dass sich die Bahn im Rückstand befindet. Bis 2016 soll die Quote zur Hälfte erfüllt sein. „Wir werden auf die Einhaltung der Vereinbarung drängen“, so der Staatsekretär. Immerhin hätte man dann in sechs Jahren eine Lärmreduzierung um die Hälfte erreicht. Er wies darauf hin, dass neben der Erneuerung von Waggons und den Einbau von Flüsterbremsen weitere technische Maßnahmen in Angriff genommen werden müssten. Abschließend schwor er noch einmal alle Anwesenden auf den gemeinsamen Kurs ein: „Wir müssen die Ärmel hochkrempeln. Von NRW bis Mainz sitzen wir alle im gleichen Boot“. Der Beifall zeigte, dass man sich einig ist und weiterhin an jedem zweiten Dienstag eines Monats am Neuwieder Bahnhof zusammen kommen wird. „Die Liste prominenter unterstützender Gastredner steht schon“, unterstrich Heinz-Günter Heck. Die Veranstaltung löste sich erst nach dem geselligen Teil des Abends auf, nachdem die unterschiedlichen Bürgerinitiativen ausreichend Zeit zum Austausch hatten und wieder ein Stück enger zusammen rückten. FF
Staatsekretär Roger Lewentz war nach Neuwied gekommen, um die Initiativen gegen Bahnlärm zu unterstützen .
Demonstranten aus Weißenthurm, Brohl und Bad Breisig.
