Fühlen sich die Schachfreunde aus Bad Hönningen unter Zugzwang?
Mit Klischees aufräumen: Die Schachfreunde aus Bad Hönningen
Bad Hönningen. Die Serie widmet sich in der neuesten Ausgabe dem Verein „Schachfreunde Bad Hönningen e.V.“
Mit 35 Mitgliedern scheint es sich hier beim lokalen Vereinsgeschehen wirklich eher um einen Nischensport zu handeln. Tröstlich, dass wenigsten fast alle aktiv sind. Allerdings ist die Sandwichgeneration zwischen Jugend und Senioren hier auch, wie in anderen Vereinen, dünn gesät. Und ebenfalls richtig, Frauen und Mädchen haben Seltenheitswert. Mit 4 Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts bestätigt sich das allgemeine Bild auch für den Verein. Umso mehr möchte man den Frauen und Mädchen zurufen durchzuhalten, denn es gibt tatsächlich keinen Grund, warum die Damenwelt sich hier ausklammern sollte.
Das Mitglied selbst passt in keine Klischeeschublade. Kein Mitglied sieht sich als den klassischen „Schach-Nerd“. Den introvertierten humorlosen Schachspieler gibt es hier nicht – und auch keine Ausgrenzung, kein Mobbing durch das Umfeld. Auch nicht in der Schul-AG am Martinus Gymnasium in Linz, wo der Jugendtrainer der Schachfreunde 26 Schülerinnen und Schülern das Spiel der Könige näherbringt - und das ziemlich erfolgreich, wie man an den Pokalen im Schulschrank erkennen kann. Natürlich gibt es den ein oder anderen, der daheim in den zahlreichen Publikationen versinkt, Online die Herausforderung sucht oder den ein oder anderen Zug analysiert, aber diese Fleißarbeit ist jedem selbst überlassen. Und genauso vielfältig wie der Umgang mit dem Hobby, genauso vielfältig ist die Motivation und die Faszination für das Schachspiel.
Für die Jugend und Anfänger gibt es den Jugendtrainer, der geduldig die Tücken des Schachspiels aufzeigt und für die Gepflogenheiten im Training und Wettkampf sensibilisiert. Die vielfältigen Herausforderungen einer manchmal 4-5 Stunden dauernden Wettkampftpartie liegen auf der Hand und lassen sich, wie in anderen Sportarten, gut trainieren. Stichwort Sport: körperliche Fitness ist bei mehrtägigen Turnieren ein nicht zu unterschätzender Vorteil, aber muss man im normalen Training nicht überbewerten. Die reine Spielstärke ist tatsächlich unabhängig von Alter und körperlicher Fitness. Das zeigt sich immer in den Schlagzeilen, wenn Kids erfahrene Schachmeister bezwingen. Grundsätzlich ist Schachspielen ein sehr inklusiver Sport, der keine Voraussetzungen benötigt. Und tatsächlich - selbst der Intelligenzquotient wird bei der Anmeldung nicht abgefragt! Das festgefahrene Klischee kann man also getrost über Bord werfen, denn eindeutig nachweisen konnte man einen Zusammenhang zwischen hohem IQ und erfolgreichem Schachspiel bisher nicht. Dies gilt auch für die Beziehung zwischen mathematischen Fähigkeiten und dem Erfolg im Schach.
Was macht einen Schachspieler aber nun aus? Geduld, ein gutes Gedächtnis und Fokussierung sind von Vorteil, aber entwickeln sich auch mit der Zeit. Weitere brauchbare Nebeneffekte im Schachsport sind vorausschauendes, analytisches Denken, Konzentrations-/bzw. Nervenstärke. Entscheidungen unter Zeitdruck, Selbstkritik, Respekt gegenüber dem Gegner sind alles Eigenschaften, die schon im Jugendteam sensibel aufgebaut werden. Durchaus brauchbares Handwerkszeug fürs Leben! Interessanterweise hat sich die Entwicklung des Schach-Knigge eindeutig in eine positive Richtung bewegt. Wurde früher noch während der Partie gequalmt und Bierchen getrunken, was gelegentlich zu Temperamentsausbrüchen führte, ist heute, in Anbetracht der stark vertretenen Jugend, damit Schluss. Höflichkeit, Rücksicht und sogar – aufgepasst - die handyfreie Zone sind auf dem Vormarsch, auch wenn es im Training jetzt nicht so streng zugeht – Erdnüsse gehen hier immer! Trotzdem hat der Schiedsrichter bei Wettkämpfen noch einiges im Blick zu behalten, denn es kommt doch immer wieder zu Missverständnissen, welche dann die Emotionen selbst der erfahrenen Hasen temporär mal hochschnellen lassen.
Wie überlebt ein kleiner Verein im Zeitalter der Digitalisierung und der Streamingevents, denen man auch im Schachsport kaum ausweichen kann? Ist der Verein tatsächlich unter Zugzwang? Mitglieder weiter an den Tisch zu bekommen, Engagement mit geringen Kapazitäten aufrecht halten – alles aktuelle Herausforderungen, die permanent Aufmerksamkeit erfordern. Ohne Verbandsförderungen geht es kaum, dafür redet der Verband schon mal mit – z.B. beim Mitgliedsbeitrag. So ist dieser mit 72 Euro pro Jahr (48 Euro für Jugend) aber durchaus noch hinnehmbar. Ein gemütlicher Vereinsraum im DRK-Gebäude, welcher angemietet ist, bietet die perfekte Grundlage für ein gemeinsames Training mit Theorie, realen Schachbrettern, gemeinsamer Wettkampfplanung – und nicht zu vergessen mit Erdnüssen! Und natürlich hilft man sich gegenseitig bei Veranstaltungen oder Schachevents mit Räumlichkeiten. Der Verein präsentiert sich ausserdem jedes Jahr am Kinderfest der PrOju auf den Rheinwiesen, und steht weiteren Events durchaus offen gegenüber.
Wer jetzt Lust auf eine Partie bekommen hat, ist immer herzlich eingeladen, vorbeizukommen und es auszuprobieren: dienstags ab 17.30 Uhr (Kinder/Jugend) und ab 19 Uhr (Erwachsene) in der Sprudelstraße 41, Bad Hönningen (DRK). Für Rückfragen steht Herr Klein (02635 5325) bereit, oder werfen Sie einen Blick auf die aktuelle und informative Webseite www.schachfreunde-bad-hoenningen.de.
Das Gespräch mit dem Vorstand der Schachfreunde führte Anke Sultan. Wenn ein Verein Interesse hat in dieser Serie vorgestellt zu werden, kann er sich gerne per Mail an anke.Sultan@yahoo.de wenden.
