Allgemeine Berichte | 13.07.2026

Flutkatastrophe Forschung

5 Jahre nach der Flut – Forschung fordert langfristiges Denken bei Wiederaufbau und Krisenvorsorge

Fünf Jahre nach der Flut: Wissenschaftskonferenz am Campus Remagen der Hochschule Koblenz

REMAGEN. Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe in der Ahrregion und weiteren betroffenen Regionen bleibt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Folgen des Ereignisses von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Auf der Konferenz „Fünf Jahre nach der Flut 2021 – Forschungsperspektiven im Wandel“, die am 2. und 3. Juli 2026 am Campus Remagen der Hochschule Koblenz stattfand, diskutierten rund 230 Wissenschaftler*innen sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Verwaltung, Praxis und Zivilgesellschaft aktuelle Erkenntnisse zu Wiederaufbau, Transformation und Krisenbewältigung.

Die Veranstaltung wurde vom Kompetenznetzwerk Wissenschaft für den Wiederaufbau (WfdW) der Hochschule Koblenz gemeinsam mit der TH Köln und weiteren Partnerinstitutionen organisiert. Aufgrund des großen Interesses wurden ausgewählte Programmpunkte zusätzlich online übertragen.

„Als Hochschule für angewandte Wissenschaften sehen wir unsere Aufgabe darin, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur zu gewinnen, sondern sie gemeinsam mit Praxis, Politik und Gesellschaft wirksam werden zu lassen“, betont Prof. Dr. Karl Stoffel, Präsident der Hochschule Koblenz, im Rahmen seiner Begrüßung. „Die Erfahrungen aus der Ahrregion zeigen, wie wichtig dieser Austausch ist, um Resilienz zu stärken und Lösungen für die Herausforderungen von morgen zu entwickeln.“

Wiederaufbau als Transformationsprozess

Im Mittelpunkt der Konferenz stand die Frage, welche Lehren aus den vergangenen fünf Jahren gezogen werden können. Deutlich wurde dabei, dass Wiederaufbau weit mehr bedeutet als die Reparatur zerstörter Infrastruktur. Vielmehr geht es darum, wie Regionen widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Extremereignissen werden können und welche gesellschaftlichen, ökologischen und planerischen Veränderungen dafür notwendig sind. Wichtig ist auch, wie man die Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Flutkatastrophe 2021 auf andere Mittelgebirgsregionen übertragen kann.

„Building Back Better“ – dieser internationale Leitgedanke des Wiederaufbaus wurde auf der Konferenz kritisch diskutiert. Forschende betonten, dass die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands allein nicht ausreicht, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen. Stattdessen müsse Wiederaufbau als langfristiger Transformationsprozess verstanden werden, der Aspekte wie Klimaanpassung, nachhaltige Flächennutzung, soziale Teilhabe und regionale Entwicklung gleichermaßen berücksichtigt.

Konkrete Beispiele hierfür finden sich im technischen Bereich wie der hochwasserangepassten, aber gestalterisch hochwertigen Wiedererrichtung der vielen Ahrbrücken, einem verbesserten Netz aus Warn- und Meldepegeln im Ahreinzugsgebiet oder einem gesamtheitlichen und wissenschaftlich unterstützten Konzept, um den Gewässern mehr Raum zu geben. Auch im sozialen Bereich zeigen sich entsprechende Ansätze, etwa durch die Begleitung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse oder durch sozialwissenschaftliche Angebote.

Krisen im Kontext multipler Belastungen

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Konferenz: Katastrophen lassen sich zunehmend nicht mehr isoliert betrachten. Die Flut von 2021 wurde vor dem Hintergrund weiterer Krisen diskutiert – von den Folgen des Klimawandels über geopolitische Unsicherheiten bis hin zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Belastungen. Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang von „multiplen“ oder „überlappenden“ Krisen, die neue Anforderungen an Politik, Verwaltung und Gesellschaft stellen.

Daraus folgt, dass auch Reaktionsstrategien, der Aufbau von Krisenresilienz sowie Transformationsprozesse inter- und transdisziplinär angelegt sein müssen. Dies gilt sowohl für das Zusammenspiel der beteiligten Institutionen als auch für die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Kontinuierlicher Austausch, gegenseitiges Verständnis für unterschiedliche Fachdisziplinen und koordiniertes gemeinsames Handeln haben sich dabei als zentrale Voraussetzungen für eine wirksame Bewältigung der Flutkatastrophe erwiesen. Dies zeigte sich auch in den zahlreichen Themengebieten, die auf der Wissenschaftskonferenz angesprochen wurden.

Übertragbarkeit und regionale Lernprozesse

Die Teilnehmenden waren sich darin einig, dass die Erfahrungen aus der Flutkatastrophe wertvolle Erkenntnisse für den Umgang mit zukünftigen Extremereignissen – auch für andere Regionen – liefern. Dabei stellt sich die Frage, wie Erfahrungen aus dem Ahrtal übertragbar und für andere Regionen nutzbar gemacht werden können. Zwar lassen sich die meisten Maßnahmen und Entwicklungen nicht eins zu eins übertragen, viele Ansätze sind jedoch gut adaptierbar. Diese Übertragbarkeit systematisch mitzudenken, gehört unter anderem zum Anspruch des Kompetenznetzwerks. Gleichzeitig bestehen weiterhin zahlreiche offene Forschungsfragen – etwa zur langfristigen Wirksamkeit von Wiederaufbaumaßnahmen, zur Rolle zivilgesellschaftlichen Engagements oder zu den Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis.

Langfristige Perspektive und Katastrophenforschung

Die Konferenz machte deutlich, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung der Flutkatastrophe auch fünf Jahre nach dem Ereignis nicht abgeschlossen ist. Vielmehr entwickelt sich das Forschungsfeld weiter und richtet den Blick zunehmend auf die langfristigen gesellschaftlichen Folgen von Katastrophen sowie auf Strategien für eine nachhaltige und resiliente Entwicklung von Regionen. Dabei geht es nicht nur um Erinnerung, Gedenken an die vielen Toten und die Anerkennung des Leids der Betroffenen, sondern auch um die Frage, welche Lehren aus der Katastrophe von 2021 gezogen werden können. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Umgang mit künftigen Krisen wie Hitze, Dürre oder anderen Extremwetterereignissen? Und wie können Wiederaufbau-, Hilfs- und Entscheidungsprozesse nach einer Katastrophe künftig schneller und wirksamer gestaltet werden? Das Kompetenznetzwerk WfdW unterstützt diesen Prozess weiterhin, indem es Erfahrungen bündelt, den Wissenstransfer fördert und Akteure aus Wissenschaft, Praxis und Verwaltung miteinander vernetzt.

Über die Hochschule Koblenz

Die Hochschule Koblenz ist mit 8.700+ Studierenden an den Standorten Koblenz, Remagen und Höhr-Grenzhausen die größte Hochschule für angewandte Wissenschaften in Rheinland-Pfalz. Sie bietet mehr als 80 praxisorientierte Bachelor-, Master- und Fernstudiengänge sowie duale Studiengänge in 6 Themenfeldern: Bauwesen & Architektur, Ingenieurwesen & Technik, Mathematik, Informatik & Künstliche Intelligenz, Wirtschaft, Freie Kunst und Sozialwissenschaften. Mit engen Kooperationen, anwendungsnaher Forschung und einer internationalen Ausrichtung bereitet die Hochschule Koblenz ihre Studierenden optimal auf die Herausforderungen einer globalisierten Arbeitswelt vor. Die hohe Zufriedenheit der Studierenden bestätigt der StudyCheck Award 2026: Die Hochschule Koblenz zählt zu den Top 50 Hochschulen in Deutschland und belegt Platz 1 unter den öffentlichen Hochschulen in Rheinland-Pfalz.

Über das Kompetenznetzwerk Wissenschaft für den Wiederaufbau (WfdW)

Das Kompetenznetzwerk „Wissenschaft für den Wiederaufbau“, eine Initiative des Landes RLP in Zusammenarbeit mit seinen Hochschulen, hat zum Ziel, die wissenschaftliche Expertise der Wissenschaftseinrichtungen des Landes zur Krisenfolgenbewältigung und zum Wiederaufbau für eine nachhaltige, zukunftsfähige und klimaangepasste, resiliente Entwicklung des Ahrtals und der weiteren von der Flut-/Hochwasserkatastrophe betroffenen Gebiete in RLP unter seinem Dach zu bündeln. Die Geschäftsstelle hat ihren Sitz am Campus Koblenz, ein weiteres Büro am Campus Remagen stellt die Erreichbarkeit in unmittelbarer Nähe zu den flutbetroffenen Gebieten sicher.

Das Kompetenznetzwerk soll die Zusammenarbeit von Wissenschaft, betroffenen Kommunen und Landkreisen sowie der mit dem Wiederaufbau befassten Ressorts der Landesregierung unterstützen. Es wird die Akteure vernetzen sowie relevante Forschungs- und Transferthemen identifizieren und damit zielgerichtet den Wieder- und Neuaufbau mit wissenschaftlicher Fachexpertise mittel- und langfristig begleiten.

Das Netzwerk wird eine Plattform für ein science-policy-society-interface bieten. Dabei versteht sich das Kompetenznetzwerk als konstruktiv-kritischer Betrachter und Begleiter sowie als Ansprechpartner der Entscheidungsträger(innen) in Politik, Kommunen sowie Wirtschaft und Gesellschaft. Das Angebot richtet sich vorrangig an alle relevanten Stakeholder und kommunale Akteure in den von dieser Naturkatastrophe betroffenen Regionen.

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Fünf Jahre nach der Flut: Wissenschaftskonferenz am Campus Remagen der Hochschule Koblenz Foto: Hochschule Koblenz

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