Alles im Leben folgt einem großen Plan
Shelley Thompson ist junger Altersvorstand, hat afrikanische Wurzeln und glaubt an Gott, nicht an die Welt
Bad Neuenahr-Ahrweiler. Ich habe Glück: Shelley Thompson, die gerade wieder mit dem Mannschaftstraining begonnen hat, ist mit dem Wagen von ihrem Wohnort Leverkusen unterwegs nach Sinzig, weil die Übungseinheit wegen der winterlichen Verhältnisse in die Halle verlegt wurde. Da liegt das SETA-Hotel quasi auf dem Weg und wir können uns kurzfristig dort treffen. Als sie im Foyer auf mich zukommt, denke ich: Sie sieht aus wie ein „All-American-Girl“: Lange, blonde Haare, makellose Zähne, sportlich-lässig gekleidet, als käme sie gerade vom College. Weit gefehlt. Zum einen stammen die Eltern aus Afrika. Der Vater ist in Rhodesien geboren, später nach Südafrika gezogen. Dort hat er seine Frau kennengelernt. Dann sind die Eltern nach Deutschland ausgewandert. Shelley ist in Langenfeld geboren, also Deutsche. Auch wenn zu Hause anfangs nur Englisch gesprochen wurde und sie erst im Kindergarten die deutsche Sprache gelernt hat.
Gut ausgebildet
Zum anderen ist sie keine Studentin mehr, sondern Bachelor of Arts, Fachrichtung Medien und Kulturwissenschaften, abgelegt an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Sie hat in Wolfsburg bei Volkswagen im Bereich Sport-Marketing gearbeitet, in Leverkusen die englische Internetseite von Bayer betreut. Da sitzt also eine bestens ausgebildete junge Frau von fast 29 Jahren vor mir. Jung ist allerdings relativ.
Die „Oma“ im Team glänzt mit Erfahrung
Denn die hübsche Frau mit den grünen Augen ist mit ihrem Antritt in Bad Neuenahr der Altersvorstand der Mannschaft. Doch die „Oma“ im Team zu sein, macht ihr nichts aus, sie möchte den jungen Spielerinnen gerne mit ihrer Erfahrung und Routine helfen. Während wir beide unseren leckeren Kaffee trinken, erzählt mir Shelley, wie das mit dem Fußball bei ihr begann. Sie hat mit vier Jahren angefangen, beim 1.FC Monheim mit den Jungs und auf der Straße. Später hat sie zu Fortuna Düsseldorf gewechselt und dort weiter in gemischten Teams gespielt, bis zu D-Jugend. Beim Garather SV war sie dann zum ersten Mal in einer reinen Mädchenmannschaft eingesetzt - und fand es doof. Über die SVG Neuss-Weissenberg kam sie 1999 zu Essen-Schönebeck, von dort gelang ihr Anfang 2001 der Sprung zum FCR Duisburg. Mit noch 16 Jahren machte sie ihr erstes Bundesligaspiel. Bis 2006 spielte sie dort, lediglich unterbrochen von einem Aufenthalt in den USA, wo sie von September 2003 bis April 2004 an der Regis University in Denver studierte. In 92 Spielen gelangen ihr 81 Tore für Duisburg, das nennt man wohl eine Knipserin. In der Saison 2004/2005 war sie mit 30 Treffern sogar Torschützenkönigin. Im Sommer 2006 wechselte sie nach Hamburg (15 Tore in 21 Spielen), doch nach nur einer Spielzeit beim HSV ging sie nach Wolfsburg, wo sie ihre Treffsicherheit bis 2009 ebenfalls eindrucksvoll unter Beweis stellte (32 Tore in 39 Spielen). Nach einem Jahr in der US-Profiliga bei den Atlanta Beats unterschrieb sie zur Saison 2010/11 bei Bayer Leverkusen. Selbst dort macht sie in 13 Spielen acht Tore, bis eine schwere Verletzung sie stoppt.
Gestoppt durch eine schwere Verletzung
Eine Operation im September 2011 am rechten Knie, Meniskus, angerissenes Kreuzband, macht sie fast zur Sportinvalidin. Doch sie kämpft sich zurück, über monatelange Reha, eine ziemliche Quälerei. Warum? Sie will nicht, dass ihre eindrucksvolle Karriere so endet. Sie will, wie sie selbst sagt, einen vernünftigen Abschluss und das Ende möglichst selbst bestimmen. Bad Neuenahr mitgerechnet stand sie bei fünf Bundesligisten unter Vertrag, früher nannte man das einen „bunten Hund“. Die Kurstadt wird vermutlich ihre letzte Station sein, hier will sie es allen, auch sich selbst, noch einmal zeigen. Doch statt durch zu starten muss sie erneut unters Messer, im August 2012, der Meniskus war eingerissen. Doch nun scheint alles gut verheilt, erst mit Einzeltraining, nun wieder mit der Mannschaft versucht sie, die fehlende Fitness und Kondition aufzubauen. Und vertraut dabei nicht nur auf ihren eisernen Willen, sondern auch auf den lieben Gott, der ihr immer dann besonders hilft, wenn sie an der Welt mal wieder verzweifeln will: „Alles im Leben folgt einem großen Plan.“ Apropos Plan, wie sieht denn ihrer für die nächsten Monate aus? Sie will mit ihrer Spielintelligenz der Mannschaft helfen, den einen oder anderen Punkt zu holen, der bisher mangels Toren liegen blieb. Eine letzte sportliche Frage muss ich noch stellen, auch wenn sie vielleicht wehtut:
Warum hat es, trotz all der Tore, nie zu einer Karriere in der Nationalmannschaft gereicht?
Shelley überlegt lange, bevor sie sagt: „Wenn man in jungen Jahren, noch unerfahren, von der Presse so hochgejubelt wird wie ich, macht einem das nicht nur Freunde. Und es gibt viel Neid, auch und gerade unter Frauen und im Fußball.“ Eine kluge und abgeklärte Antwort, Respekt. Nachtreten hat diese Sportlerin nicht nötig. Klug scheint sie auch sonst zu sein, nicht nur des Universitätsabschlusses wegen.
Shelley Thompson ganz privat
Denn sie hat einen Mann gefunden, der sie nicht nur liebt, sondern auch bekocht. Im September 2012 hat sie den Fußballmanager Frank Aehlig geheiratet. Mit ihm will sie nach dem Karriereende auch Kinder haben. Welche Karriere sie nach dem Sport anstrebt, ist noch unbestimmt. Nach mancher Enttäuschung auf entsprechende Bewerbungen scheint sie etwas desillusioniert zu sein, was das angeht. Doch auch das Berufsleben folgt einem großen Plan, den keiner kennt. Mit Toren kennt sich Shelley ja aus. Wer weiß, welches Tor für sie da noch aufgeht. SCHÜ
