Ahrtaler Winzer ziehen an einem Strang
Als erste Weinbauregion verzichtet das Ahrtal komplett auf Insektizide
Rund 500 Winzer hängten gleichzeitig Pheromon-Dispenser gegen den berüchtigten Traubenwickler aus
Ahrtal. Kurz vor Ostern machten die Winzer aus dem Ahrtal einen großen Schritt in Richtung nachhaltiger Weinbau: Rund 500 Winzer waren an diesem Tag in sämtlichen Weinbergen des Weinbaugebietes unterwegs und hängten knapp eine halbe Million Dispenser des sogenannten „Pheromonverwirrverfahrens RAK“ auf. „Die Landesregierung freut sich sehr darüber, dass es eine ganze Region jetzt geschafft hat, an einem Strang zu ziehen und gemeinsam mehr Ökologie im Weinbau zu wagen“, freute sich besonders die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne), die anlässlich dieser Aktion die Weinmanufaktur Dagernova in Dernau besuchte. Dort erklärten ihr Vorstandsmitglied Thomas Monreal und Weinbau-Präsident Hubert Pauly genau, was es mit dieser neuen Art der Schädlingsbekämpfung auf sich hat.
Das Prinzip sei einfach, so Monreal: „Eine für Menschen nicht wahrnehmbare Duftwolke aus Pheromonen, den Sexuallockstoffen weiblicher Traubenwickler, strömt aus den Dispensern und verwirrt die männlichen Tiere, sodass sich die Männchen und Weibchen nicht mehr zur Paarung finden und somit auch kein Nachwuchs entstehen kann. Das umweltfreundliche Verfahren senkt die Population der Traubenwickler auf natürlichem Weg und völlig ohne den Einsatz von Insektiziden.
„In Mayschoß macht man das bereits seit 13 Jahren mit herausragendem Erfolg, deshalb wissen wir, dass die Sache funktioniert“, kann Monreal alle Skeptiker beruhigen. Für eine gleichmäßige Pheromonwolke über allen Rebflächen im Ahrtal sei jedoch die Zusammenarbeit möglichst aller Winzer an einem Tag Voraussetzung, so Monreal weiter. Sobald die Weinbauexperten mit dem Eintreffen der Traubenwicklermotten rechnen, was meistens noch vor Ostern der Fall ist, werden die Pheromonampullen möglichst in einem Rutsch in die Reben gehängt.
Knapp 500 Winzerinnen und Winzer aus dem gesamten Ahrtal machten sich dafür am Karsamstag am frühen Morgen in 32 Gruppen ans Werk, um in jeder zweiten Rebzeile an jeden fünften Weinstock einen braunen Dispenser mit dem Sexuallockstoff aufzuhängen. Eine gute Kondition war dabei Grundvoraussetzung, „denn die Arbeit in den steilen Weinbergen geht in die Beine“, wusste Monreal. Nach gut sechs Stunden war alles erledigt, und für alle Beteiligten gab es ein leckeres Abschlussbuffet.
Die „Hormonbehandlung“ ist zwar derzeit noch erheblich teurer als die konventionelle Schädlingsbekämpfung mit chemischen Insektiziden, doch da es für diese umweltschonende und kundenfreundliche Art der Schädlingsbekämpfung großzügige Förderungen der Europäischen Union und des Landes Rheinland-Pfalz gibt, rechnet sie sich am Ende für die Ahrwinzer auch finanziell. Schließlich stellt die Raiffeisen Rhein-Ahr-Eifel Handelsgesellschaft der Anwendergemeinschaft am Ende rund 200.000 Euro in Rechnung, die dann auf die einzelnen Winzer und Weinberge aufgeteilt werden. Pro Hektar gibt es 80 Euro Zuschuss aus Brüssel und Mainz.
Eine logistische Herausforderung
Dafür übernimmt Raiffeisen auch die logistische Organisation der Lockstoffverteilung, „eine ziemlich herausfordernde und komplizierte Sache“, berichtet Geschäftsstellenleiter Ingo Josten. Schließlich sei es nicht gerade einfach, 500 Leute an einem Termin unter einen Hut zu bekommen, auf das gesamte Gebiet zu verteilen und auch noch mit den notwendigen Wirkstoff-Ampullen in ausreichender Zahl zu versorgen. „Aber es hat geklappt, weil alle voll mitgezogen haben.“
Die Ampullen verdampfen den Lockstoff nun kontinuierlich über das Jahr bis in den September, beim Rebschnitt im Spätherbst werden die verbrauchten Ampullen wieder abgehängt und entsorgt.
Der Duftstoff wirkt ganz speziell und ausschließlich für den Traubenwickler, einen der gefährlichsten Schädlinge im Weinbau, der je nach Generation Blüten und Beeren schädigt. Diese Beeren erleiden zudem starke Pilzbefälle, was im weiteren Reifeverlauf eine erneute Schädigung durch Obstfliegen begünstigt. Für die Winzer entstehen so Jahr für Jahr immense Ernteeinbußen bei Traubenwicklerbefall.
Dennoch sei kein Winzer scharf darauf, mit Insektiziden im Weinberg zu arbeiten, versichert Weinbau-Präsident Hubert Pauly. Zumal das „Verwirrungsverfahren“ ziemlich sicher sei und dazu noch gesünder für Winzer, Reben und Kunden. „Jeder Winzer tut alles dafür, sein Produkt so sauber wie möglich an den Mann zu bringen“, weiß er aus langjähriger Erfahrung.
Wirtschaftsministerin Lemke war begeistert
Ministerin Lemke war anhand dieses Beispiels überzeugt, dass Ökologie in der Landwirtschaft durchaus durchsetzungsfähig sei, sie brauche aber ihre Zeit, um althergebrachtes Denken aufzubrechen. Doch wenn die Winzer sich etwas auszuprobieren trauten und damit eigene positive Erfahrungen sammelten, sei das der optimale Weg, einen sehr gesunden und unbehandelten Wein auf den Markt zu bringen.
Damit auch die Nichtfachleute über die neueste Entwicklung im Ahrtal ins Bild gesetzt werden, werden demnächst noch etwa 20 Informationsschilder an verschiedenen stark frequentierten Stellen im Ahrtal aufgestellt, teilte der Kreisbeigeordnete Horst Gies (CDU) mit. „Damit ist das Ahrtal einmal mehr Vorreiter und Vorbild für andere Weinbauregionen in ganz Deutschland und in Europa“, sagte er voraus, dass über kurz oder lang auch in anderen Regionen diese moderne Art der Schädlingsbekämpfung ihren Durchbruch erzielen werde.
