50-jähriges Jubiläum der Neugründung des Leutnantsgliedes der St.-Sebastianus-Bürgerschützengesellschaft Ahrweiler

Dankesabend für die Revolutionäre von ´65

07.10.2015 - 08:54

Ahrweiler. Es war gar keine schlechte Zeit in Deutschland, damals im Jahre 1965. Die Bevölkerung erfreute sich an den Folgen des weiter währenden Wirtschaftsbooms und das Schreckensregime der Nationalsozialisten war ganz weit weg. Der Bundesrepublik war die Demokratie gelungen. Doch nicht überall. In der St. Sebastianus-Bürgerschützengesellschaft herrschte damals der Zeitgeist von gestern. Ein rigides Kastensystem regelte das Zusammenleben und elitäres Gehabe war der Zement in den Fugen einer fragilen Gesellschaft. 36 junge Ahrweiler hatten davon die Nase voll und nahmen sich vor, alte Zöpfe abzuschneiden. Sie wollten das eingestaubte Leutnantsglied neu beleben- und gleich neu gründen. Und dies war verbunden mit seinerzeit undenkbaren Wünschen, Forderungen und auch unerfüllten Sehnsüchten. Die j Männer setzten sich für gleiche Mitgliedsbeiträge egal aus welcher Schicht man stammt, einheitliche Uniformierung und auch eine aktive Teilnahme, zum Beispiel beim Schützenfest, ein. Außerdem forderten die Männer das Recht, die Offiziere aus ihren eigenen Reihen zu wählen. Das sorgte für einen gewaltigen Aufschrei in den Reihen des damaligen Verwaltungsrat und schon hatte die junge Männer ihren Namen weg: Man nannte sie die Rebellen.



Demokratisierung sicherte die Zukunft


Den Revolutionären ist in der historischen Nachbetrachtung etwas gelungen, was längst überfällig war. Sie haben die Gesellschaft demokratisiert. Und dies war auch der Grund, die Neugründung des Leutnantsgliedes im Jahre 1965, also vor genau 50 Jahren, gebührend zu feiern. Dies geschah am vergangenen Samstag, also am Tag der Deutschen Einheit. Kaum ein anderes Datum reflektiert wohl besser die Aspekte einer freien und demokratischen Gesellschaft.

Nach einem stimmigen Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Laurentius mit Pfarrer Jörg Meyrer fanden sich zahlreiche Gäste im Bürgerzentrum ein um ihre Rebellen hoch leben zu lassen. Nahezu zwei Jahre haben die Vorbereitungen für die Jubiläumsfeier gedauert, wie der Zugführer de heutigen Leutnantsglied Ralf Wershofen beschreibt. Aber das war es wert. „Die Truppe von damals veränderte unsere Bürgerschützengesellschaft. Sie demokratisierte sie“, wie Wershofen in seiner Begrüßung den Rebellen des Leutnantsglied von 1965 attestierte. Es sei der Verdienst der mutigen Männer der 60er-Jahre, das heute Schützenbrüder quer durch alle Berufsgruppen zusammensitzen und Geselligkeit ohne Vorbehalt teilen. „Nun soll mal einer sagen unsere Schützengesellschaft wäre keine große Familie,“ freute sich Wershofen und begrüßte die vielen Gratulanten, die die friedliche „Rebellion“ von damals mitfeierten. Ralf Wershofen verbindet seit jeher eine enge Verbindung zum Leutnantsglied. Sein Vater, Willi Wershofen, war seinerzeit einer der Gründungsmitglieder. Einige Ehrengäste besuchten die feierliche Veranstaltung, darunter auch Bürgermeister Guido Orthen, seines Zeichens Schirmherr des „Geburtstages“. Orthen lobte in seiner Laudatio den wichtigen Stellenwert der Neugründung. „Es ging mit Euch ein Ruck durch das Ahrweiler Schützenwesen“. Der Schirmherr hatte auch ein sehr passendes Geschenk dabei: Eine Flasche „Rebellenblut“, einem süßen Brombeerwein, von dem „jeder einmal nippen dürfte“, wie Orthen angesichts der vielen versammelten Gäste beruhigte. Übrigens: Auch Damen war der Eintritt gewehrt, was bei Veranstaltung der Schützengesellschaft überaus unalltäglich ist und die Wichtigkeit dieses Jubiläums ohne große Worte unterstrich. Auch der König der Bürgerschützen Willi Busch lobte in seiner Laudatio das „Ungeheuerliche“ was die junge Männer von 1965 gewagt hatten. Busch attestiere den Gründungsmitglieder, von denen übrigens heute noch 15 noch leben, die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft gesichert zu haben. Heutige Mitgliederzahlen von rund 700 Schützen sprechen dabei für sich.

Landrat Dr. Jürgen Pföhler sprach in seinem Grußwort von den Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und wie diese dank des neuen Leutnantsgliedes in der Gesellschaft umgesetzt worden. In Anbetracht dieses „wundervollen Jubiläums“ überreichte Pföhler feierlich die Ehrenurkunde des Kreises. Der Präses der Gesellschaft, Pfarrer Jörg Meyrer, lobte in seiner Rede den mutigen Einsatz der Rebellen, Neues zu wagen und unterstrich die wichtige Rolle, die diesem Schritt innewohnte „Welch ein Glück für unsere Gesellschaft,“ so Meyrer in seinem Grußwort. Meyrer fand weitere schöne Worte: „Die Zeit der Neuerungen bleibt den Jungen vorbehalten, die Alten suchen mit ihnen den Weg in die Zukunft.“ Apropos Jugend: Weitere warmherzige Worte und Geschenke (auch in flüssiger Form) überbrachten David Kortmann, Junggesellenschützenkönig, Janek Koch, König der Aloisius-Jugend und die noch recht frisch proklamierte Burgundia Theresa Ulrich, die mit einer liebevollen Prise Humor von den Winzerfest-Erfahrungen mit dem Leutnantsglied berichtete.


Humor, Historie und jede Menge Fachwissen


Ein absolutes Highlight des Abends kam von Hans-Georg Klein. Klein recherchierte in alten Quellen über den historischen Werdegang des Leutnantsgliedes und das brachte jede Menge interessanter Fakten aus den Archiven ans Tageslicht. So konnte Klein berichten, dass es in der Gesellschafts-Geschichte insgesamt drei Leutnantsglieder gab, zuerst datiert auf das Jahre 1819. Und dies waren Zeiten unsäglicher Kargheit und Knappheit. Dennoch waren die Schützen verpflichtet, anfallende Gebühren aller Art aus eigener Tasche zu bezahlen. Das war nicht nur gefährlich für das eigene Wohl, denn Nahrung war ohnehin knapp. Sondern auch für die Attraktivität des Leutnantsgliedes, denn die Kosten waren ein Hemmschwelle zum Beitritt. Das belegen die Mitgliederahlen. In 130 Jahren (zwischen 1827 bis 1957) traten gerade mal 46 Männer dem Glied bei. „Das ist erschreckend wenig“, unterstrich der Chronist Hans-Georg Klein. Außerdem waren dem Leutnantsglied einige Privilegien untersagt. So war der Wein den Mitgliedern nicht gestattet; für die Männer aus den unteren Berufsschichten gab´s lediglich Bier. Dieser Zustand hielt bis 1965. Einer Gruppe junger Männer hatte genug von diesem Kastensystem und wandten sich in einem Schreiben an den damaligen Verwaltungsrat um einen neuen Zug zu gründen. Das war ein Skandal. Aber nach vielem „Hin und Her“, nickten die Entscheidungsträger den Vorschlag ab. Massiver Grund für die Entscheidung war der enorme Mitgliederschwund. Im Jahre zählte die Gesellschaft nur 208 Mitglieder- heute unvorstellbar. So musste der Verwaltungsrat reagieren und genehmigte den „Rebellen“ ihren „unverschämten“ Antrag. Mit diesem interessanten Exkurs durch die Geschichte, untermalt von einer Diashow, endete der offizielle Teil. Natürlich wurde auch noch das „Lied des Leutnantsgliedes“ angestimmt, welches von dem 2009 verstorbenen Josef Küls auf die Melodie des Bozener Bergsteigermarsches getextet wurde. „Hier läuft es mir immer kalt den Rücken runter“, erklärte Zugführer Ralf Wershofen seine emotionale Bindung zu dem Lied. Das Stück kam an diesem Abend in einer besonderen Version daher: Die Big-Band des Peter-Joerres-Gymnasiums unter der gewohnt fachmännischen Leitung von Jürgen Bunse gestaltete das Musikstück in einer tollen Swing-Version. Die Big-Band sorgte für den musikalischen Rahmen des „Rebellen-Abends“ und auch das Ambiente stimmte. Pracht- und liebevoll erleuchtet nahmen die Gäste an gedeckten Tafeln Platz, die man in solcher Form auch nicht in den besten Hotels der Stadt finden wird. Am Ende des Jubiläumsabend wurde ein besonderes Andenken präsentiert. Die Festschrift, maßgeblich redaktionell gestaltet von Werner Surges, wurde an die Anwesenden verteilt und diese wird sicher einen Ehrenplatz in den Bücherschränken der Traditionsstadt Ahrweiler finden.

Kurzum: Ein Abend voller Emotion für eine Truppe junger Männer, ohne die es die St. Sebastianus-Schützengesellschaft in dieser Form wohl nicht geben würde.


Die „Rebellen“ von 1965


Zu den Gründungsmitglieder des neuen Leutnantsgliedes von 1965 gehörten: Walter Binsenbach, Werner Dederich, Edmund Flohe, Hans Fuhs, Richard Füllmann, Michael Geschier, Willi Grohs, Rolf Groß, Jakob Heinen, Rolf Hörsch, Paul Knieps, Richard Knieps, Wolfgang Kronen, Josef Küls, Theo Lingen, Heinz Mies, Werner Mombauer, Rolf Müller, Fritz Ott, Richard Remshagen, Felix Schäfer, Erhard Schüller, Paul Schülter, Richard Seeliger, Wolfgang Segschneider, Ottmar Thomas, Willi Wershofen und Bernd Wirtz.

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Kommentare
Theobold aus dem schönen Miesenheim:
Herr Esser, ich muß Ihnen einmal den Spiegel vorhalten, vielleicht erkennen Sie dann Ihr eigenes Treiben. Ihre wahre politische Einstellung lassen Sie heute zum Beispiel wieder mit äußerst zweifelhaften Aussagen in „Ihrem“ Facebook Acount Mariss Tiner (nur Ihr Profilbild verrät sie, warum übrigens...
juergen mueller:
Ich gehe einmal davon aus, dass Herr S.Schmidt ein Sympathisant oder sogar Mitglied der AfD ist, worauf man aus seinen Kommentaren schließen könnte, da er genau die Wortwahl benutzt, wie sie sich die AfD zu eigen macht. Ihm steht natürlich, sollte dies auch nicht der Fall sein zu, seine Meinung, wie...
Ludwig aus Andernach Eich:
Sehr geehrter Herr S.Schmidt (oder wer immer sich hinter diesem Namen verbirgt), die Wortwahl „diffamierend“ wird doch gerade von dieser „Partei“ inflationär bewußt genutzt. Haben Sie die Pressemitteilung nicht gelesen? Auf alle Fälle sind mittlerweile die sogenannten „Spaziergänge“ auch in Andernach...
Gabriele Friedrich:
Gerade alte Menschen abzuzocken und zu beklauen finde ich als ungeheuere Schweinerei. Ich hoffe, man findet das Paar. Vor allem der Mann ist ja auffällig mit seiner krummen Figur....

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juergen mueller:
30 000 Euro in drei Jahren - das sind 10 000 pro Jahr. Besser als nichts. Aber - Frage: WAS sind 10 000 Euro für die Arbeit einer Institution, deren Arbeit man nicht hoch genug bewerten kann? Und Kampf gegen Demenz? 10 000 Euro jährlich. Ein Jahr hat 12 Monate, das macht genau 833,33 Euro pro Monat,...
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