„Textile Kunst“ setzte mit Webarbeiten Andrea Dreselys meditative Akzente im Studienhaus Sankt Lambert
Das Erwachen des Sinnkerns
Lantershofen. Andrea Dresely ist selbst überrascht. 100 textile Arbeiten aus ihrer Hand haben vorübergehend eine Heimstadt im Studienhaus St. Lambert gefunden. Doch die moderne Architektur ist so großzügig und klar strukturiert, dass ihr diese Akzentuierung gut tut und an keiner Stelle der Eindruck des Überladenen entsteht. Natürlich trugen die Kunstwerke selbst dazu bei. In ihrer edlen Schlichtheit lenkten sie Aufmerksamkeit auf wenige Motive, die prägnant, aber nie aufdringlich erscheinen. Gleiches gilt für die Farben. Im Foyer lagen große handgewebte Teppiche, sahen sich die Gäste Wandbehängen gegenüber, nahmen sie angesichts kleiner Formate auf hellem Grund farbig gefüllte Kreise wahr. An der verglasten Front sind Dreselys „Lichtbilder“ angebracht. Die abendlichen Vernissage-Besucher mochten es bedauern, dass diese transparenten Collagen aus Seide, da abhängig vom natürlichen Licht, nur tagsüber leuchten. Die Studierenden und Dozenten aber erlebten, wie sie dem Rhythmus der Natur folgen, am Abend verlöschen, um allmorgendlich aufs Neue zu „erblühen“. Dafür ist in der Aula, die außer Teppichen auch Paramente, also Sakralgewänder und Stolen, zeigte, deren Farbkraft ungebrochen.
Ergründen der Wahrheit
Wer am Aschermittwoch der Eröffnung beiwohnte, konnte feststellen, wie wertschätzend die „Textile Kunst“ der in Ravensburg geborenen und bei Augsburg lebenden Künstlerin Andrea Dresely in Lantershofen präsentiert wird. Ernsthaft, gleichwohl ohne Pathos, näherten sich die Redner den gezeigten Objekten. Regens Monsignore Michael Bollig betonte einleitend, „dass Theologie und Kunst zwei Verbündete im Ergründen der Wirklichkeit und Wahrheit unseres Lebens sind“. Dies sei der Grund sich seitens des Studienhauses im Rahmen von Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst auseinanderzusetzen. „Sie will erarbeitet, entdeckt, vielleicht sogar erobert werden“, sagte er. Solche Mühe lohnt, denn das Ungegenständliche, oft Kennzeichen solcher Ausdrucksform, „eröffnet für den Betrachter einen weiten Raum, der die Dimensionen des Gegenständlichen sprengt und uns hinausführt in die Tiefe des Suchens nach Wahrheit, nach Sinn und Begreifen“. So sehr Regens Bollig diese Suche nach dem Echten, Wahren ein Anliegen ist, so eindringlich warb er für die Kunst als einen Weg zur Erkenntnis: „Kunst will uns befreien zu den ungeahnten Möglichkeiten, die in uns stecken und die im Alltag so schnell abstumpfen oder ungenutzt zu verkümmern drohen.“ Ein andermal formulierte er: „Es geht um das Erwachen des Sinnkerns, es geht um das Sich-Öffnen auf anderes hin, um ein Sich-Finden im Gegenüber“. Auf die Arbeiten der Künstlerin, die an der TH Stuttgart Architektur studierte und eine Textilwerkstatt mitbegründete, ging Spiritual Christian Hartl näher ein. Man könne Kreis und Quadrat, Formen die sich signifikant durch Dreselys Werk ziehen, in ihren Arbeiten einfach, als solche wahrnehmen. „Aber wir können uns vom flammenden Gold des zentralen Teppichs auch an das Gold des Sonnenlichtes erinnern lassen“, regte der Laudator ebenso an, wie er die kleinen Rundkompositionen wechselnder Farbstellung als „eine gleichbleibende Landschaft im sich verändernden Sonnenlicht“ interpretierte. Gerade die wenigen Motive einer reduzierten Formsprache lassen Raum, etwas dahinter Liegendes zu erspüren. Dabei können manchmal auch die Füße helfen. So überraschte die Künstlerin die Gäste, indem sie ihre Pumps abstreifte und die Gänge des Labyrinth-Musters auf einem ihrer Teppiche abschritt.
Geheilte Verwundung
Ihr „Kreuzweg in Farbe“, das „Herzstück der Ausstellung“, so Spiritual Hartl, ging dann wieder über die Augen. Alle 16 Stationen, welche sämtlich ohne Figuren auskommen, wiederholten die zentrale Kreuzesform, deren Balken von einem großen Rund hinterfangen werden. Die Farben wechselten, damit die Stimmungen, zumal befördert durch „Deuteworte“ wie „Staunen“, „Stammeln“, „Hingeben“. Da teilt sich mit, wie Jesu Leidensweg helfen kann, mit den eigenen Nöten und Sorgen umzugehen, ohne an ihnen zu zerbrechen. Das macht in jeder Kreuzweg-Station überdies ein senkrecht durch die Mitte führender Spalt im Gewebe anschaulich. „Dieser Riss, diese Verwundung, sucht der Querbalken des Kreuzes zu heilen. Das mag ebenso zum Nachdenken anregen, wie die Form des Kreuzes, die einem Baum ähnelt oder einer Monstranz“, sagte Hartl. Anlässlich der aktuellen Ausstellung gibt es übrigens in Heftform gedruckte Auszüge aus Christian Hartls Buch „Kreuzweg Leben“ mit Gebeten des Autors und Zitaten von Kardinal Julius Döpfner. „Das Kreuz ist Leid, das aber zur Erlösung führt“, lautet auch die Überzeugung Andrea Dreselys, die mit dieser Botschaft auch ein schwarzes Messgewand ausstattete. Wenn der Priester die Arme zum Gebet hebt, bricht darunter Farbenvielfalt hervor und schließt die Erfahrung von Auferstehung und Leben auf.
1719: Betreten erlaubt: Die Künstlerin zeigt den überraschten Besuchern einen ganz konkreten Zugang zu ihrer Kunst.
