Allgemeine Berichte | 17.06.2013, 13:01 Uhr

Den „Blickwinkel“ geschärft

Einen kreativer Beitrag zur Debatte über Inklusion

Sieben Künstler sind mit ihrer Ausstellung in der Berliner Landesvertretung Rheinland-Pfalz zu sehen

Im Vorgriff auf ihre Berliner Präsentation „Blickwinkel“ stellten die Beteiligten in Remagen ein zentrales Ausstellungsstück vor: Dieter Wessinger (v. l.), Bianca Vogel, Chris Wickenden, Herbert Höcky, Christoph Noebel, Christina Fuchs, Molly Noebel und Irene Eigenbrodt. -HG-
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Region/Berlin. Erst in Remagen, dann in Mainz und nun in die Landeshauptstadt: Für die Ausstellung „Blickwinkel“ ging es stetig aufwärts. Sieben Künstler aus der Region und einer aus London präsentieren ihre „Blickwinkel“ vom 4. bis 31. Juli in der Berliner Landesvertretung Rheinland-Pfalz.

Vorab wurde exemplarisch ein Ausstellungsstück in Remagen gezeigt: Gekippte Stufen, ein Ausleger in luftiger Höhe und ein steil aufsteigender Quader – würde diese Konstruktion als Zugang zu öffentlichen Einrichtungen, Ämtern, Museen, Bahnsteigen angeboten, gäbe es einen Aufschrei. Aber vergleichbare Hürden begegnen behinderten Menschen ständig, etwa wenn ihnen Treppen oder hohe Bordsteine die barrierefreie Bewegung verwehren. Herbert Höcky hält mit seiner Skulptur „Gratwanderung“ die Unüberwindbarkeit vor Augen. Über die Kunst erfährt der Betrachter, wie sich gigantische Hindernisse auftürmen, wie sich Ausgrenzung anfühlt. Gemeinsam mit dem Bildhauer und den ebenfalls in Remagen lebenden Bildenden Künstlern Irene Eigenbrodt, Christoph und Molly Noebel sind in Berlin Dieter Wessinger (Bad Neuenahr) und Chris Wickenden (Köln) vertreten.

Ausgrenzung durch Ignoranz

Höckys raumgreifendes Objekt wird im Foyer der Berliner Landesvertretung präsentiert, die grafischen Arbeiten der Künstlerkollegen finden ihren Platz im Raum Gutenberg. Parallel dazu zeigt der Filmproduzent und Regisseur Niko von Glasow (London) Fotos seiner Ganzkörper-Portraitserie Contergan-geschädigter Menschen unter dem Titel „NoBody’s perfect“, deren Akteure sich im gleichnamigen Film, ein Folgeprojekt, selbst spielen.

Die Arbeiten der Künstler aus der Region berühren die Ein- beziehungsweise Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung. Auf einer Texttafel ihrer Ausstellung heißt es: „Ignoranz und Intoleranz, vermischt mit Eitelkeit und Geltungssucht, bilden das Bollwerk für Ausgrenzung und Ungerechtigkeit. Gerne werden beeindruckende Reden geschwungen und unzählige Gesetze entworfen, doch folgen darauf Taten, die dem Fortschritt des Menschen dienen? Zerstören Pragmatismus und der Glauben an Alternativlosigkeit nicht die zentralen Begriffe von Solidarität, Gemeinschaft und Inklusion?“

Natürliches Recht auf gesellschaftliche Teilhabe

Angeregt zur Ausstellung wurden die Künstler durch die seit 2009 rechtsverbindliche UN-Resolution, Behinderte nicht länger als „krank“ (wie bislang durch die WHO) zu stigmatisieren, sondern in ihnen Menschen zu sehen mit einem natürlichen Recht auf gesellschaftliche Teilhabe in allen Lebensbereichen. Damit verschiebt sich der Blickwinkel auf das Problem. Es betrifft nicht mehr nur die Menschen mit Behinderung, sondern erfordert Bewusstseins- und Handlungsänderung in der Gesellschaft hin zur vollen Einbeziehung, zur Inklusion. „Genau darauf wollen wir in der Ausstellung hinweisen, auf die realen Stufen und Treppen und die Notwendigkeit, die Barrieren im Kopf zu beseitigen, um anders zu denken und zu handeln“, sagt Bianca Vogel (Sinzig), eine der Portraitierten in von Glasows Fotos und Darstellerin im Film. Sie, die mit Contergan-Schädigung zur Welt kam und gleichwohl eine der erfolgreichsten deutschen Dressurreiterinnen wurde, wird die Einführung in Berlin halten. Vogel weiter: „Wir weisen auf die Forderung der Behinderten hin, dass wir endlich auf Augenhöhe leben wollen, dass wir keine Verhandlungen führen müssen und dass wir endlich nicht mehr in die Rolle der Bittsteller hineingedrängt werden.“

Gesellschaft hat Bringschuld

Christina Fuchs (Remagen), stellvertretende Vorsitzende der Landesvertretung des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK), bekräftigt: „Die Gesellschaft hat eine Bringschuld und drückt den Behinderten eine Holschuld auf.“ Gemeinsam mit dem BSK hatte Christoph Noebel das Thema bereits 2011 mit einer Ausstellung in seiner Remagener Galerie Artspace K2 aufgegriffen. Im Jahr darauf erfolgte die Fortsetzung im Mainzer Abgeordnetenhaus des rheinland-pfälzischen Landtages. Die aktuelle Berliner Präsentation mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck als Schirmherrn will, so Noebel, “im Gegensatz zu den vorangegangenen Ausstellungen eine kompaktere Sicht auf das Problem physischer und geistiger Barrieren werfen, um möglichst breit gefächerte Assoziationen zu dieser Thematik zu wecken.“ Übrigens haben die Künstler die Forderung nach Inklusion für sich voll eingelöst. Es machen Behinderte und Nicht-Behinderte mit und keiner dividiert da etwas auseinander, weil sie sich als Ausstellungsteilnehmer und Kreative eben auf gleicher Augenhöhe begegnen. Ansonsten gilt, da gibt sich Bianca Vogel kämpferisch, „man muss nach vorne angreifen, um die Rechte der Behinderten voranzubringen“.

Zur Eröffnung der Ausstellung in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung, Berlin, am 4. Juli werden zahlreiche Politiker und Prominente des öffentlichen Lebens erwartet. Nach einem Grußwort der Landesvertretung wird Bianca Vogel als Vertreterin des BSK thematische und künstlerische Zugänge weisen. Weitere Mitglieder des BSK und die Künstler sind anwesend.

Im Vorgriff auf ihre Berliner Präsentation „Blickwinkel“ stellten die Beteiligten in Remagen ein zentrales Ausstellungsstück vor: Dieter Wessinger (v. l.), Bianca Vogel, Chris Wickenden, Herbert Höcky, Christoph Noebel, Christina Fuchs, Molly Noebel und Irene Eigenbrodt. Foto: -HG-

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