Offene Kinder- und Jugendarbeit soll hier einziehen
„Haus der Familie“ wird aufgewertet
Stadtrat beschließt Konzept zur Fortentwicklung von städtischen Einrichtungen
Bad Neuenahr-Ahrweiler. Fast einstimmig bei nur einem „Nein“ von Werner Jahr (SPD) beschloss der Stadtrat von Bad Neuenahr-Ahrweiler in seiner jüngsten Sitzung ein weitreichendes Konzept zur inhaltlichen und räumlichen Fortentwicklung von städtischen Einrichtungen. Damit soll vor allem das „Haus der Familie/Mehrgenerationenhaus“ erheblich aufgewertet und noch attraktiver für Menschen aller Altersgruppen gemacht werden.
Positiver Nebeneffekt: Dank zahlreicher sachlicher, inhaltlicher und personeller Synergien wird auch noch jede Menge Geld für den ohnehin klammen Stadtsäckel gespart, freute sich Bürgermeister Guido Orthen.
Das „Haus der Familie“ und das „Haus der Jugend“ werden demnach künftig unter einem Dach beheimatet sein, mittelfristig soll auch noch die Stadtbibliothek in den Gebäudekomplex in der Weststraße 6 integriert werden, wahrscheinlich ist dafür aber noch ein Anbau notwendig. Das „Haus der Familie“ soll so ein umfassendes Angebotsspektrum von Begegnung, Beratung und Bildung für alle Generationen vorhalten.
Generationen-Etage als Mittelpunkt
Im Erdgeschoss soll rechts die evangelische Kindertagesstätte „Arche Noah“ mit zukünftig vier Gruppen untergebracht werden, während links die Basis der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ihren neuen Platz finden soll. Neu ist die verbindende „Generationen-Etage“, die künftig das gesamte erste Obergeschoss einnehmen soll. Im zweiten und dritten Obergeschoss wird weiterhin die Katholische Familienbildungsstätte zu finden sein. Das Angebot der Stadtbibliothek möchte man zu einem späteren Zeitpunkt in einem baulich noch zu errichtenden Teilbereich unterbringen, das bisherige Bibliotheksgebäude am Kurpark könnte dann einer anderen Nutzung zugeführt werden, so Orthen.
Die „Generationen-Etage“ stelle eine der drei städtischen Säulen im künftigen Konstrukt des „Hauses der Familie“ dar, erläuterte Fachbereichsleiter Gregor Sebastian. Sie soll das Herzstück des Mehrgenerationenhauses sein und mit ihren Partnern, dem Offenen Treff und den zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten für die Verbindung zu und zwischen allen Säulen in der Gesamteinrichtung sorgen. Ihr soll vorrangig die Koordination und Organisation der generationsübergreifenden Angebote obliegen, ohne dass die einzelnen Säulen ihre Eigenständigkeit aufgeben müssten. Hier sollen auch selbst organisierten Gruppen, Verbänden und Institutionen Räume zur Verfügung gestellt werden, in denen sie als Interessengemeinschaft agieren könnten. Weiterhin soll dort die Gelegenheit zum ehrenamtlichen Engagement und zur Bürgerbeteiligung eröffnet werden. Vor allem bildungsferne und bildungsbenachteiligte Menschen sollen Informationen und soziokulturelle Bildungsmöglichkeiten mit niederschwelligen Angeboten zugänglich gemacht werden.
Neuausrichtung der Jugendarbeit
Auch die Neuausrichtung in der Jugendarbeit ist Teil des Gesamtkonzeptes. Bedürfnisse und Interessen junger Leute hätten sich in den letzten Jahren geändert, so Orthen. Diesem Wandel stelle sich die städtische Jugendarbeit, die sich mit ihren Angeboten noch stärker als bisher dezentral auf das gesamte Stadtgebiet ausrichten wird - und das auch vom neuen Basisstandort aus: Noch vor den nächsten Herbstferien soll der Umzug aus dem bisherigen „Haus der Jugend“ in der Peter-Friedhofen-Straße im Stadtteil Ahrweiler in die neuen Räumlichkeiten im „Haus der Familie/Mehrgenerationenhaus“ abgeschlossen sein.
Im ersten Schritt drehe sich zunächst alles vorrangig um die Offene Kinder- und Jugendarbeit. Die Stadt halte dafür schon jetzt ein freiwillig nutzbares und überwiegend kostenfreies Angebot bereit. Zielgruppe seien alle Kinder und Jugendlichen im Stadtgebiet, vom Grundschüler bis zum jungen Menschen Mitte 20. Das dezentrale Konzept richte sich vorrangig an den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen aus. Daraus ergäben sich vier inhaltliche Schwerpunkte: die Arbeit an der „Basis“ im „Haus der Familie“, die stadtteilorientierte Arbeit, die schulnahe Jugendarbeit und die Ferienangebote. Die einzelnen Programme finden künftig in unterschiedlichen Einrichtungen statt, die über das gesamte Stadtgebiet verstreut sind.
Schaltstelle für die dezentrale Arbeit
Die „Basis“ befindet sich jedoch ab den Herbstferien im Erdgeschoss des „Hauses der Familie“. Wo bis vor einiger Zeit noch der Hort untergebracht, war, stehen dann neben einer Küche und einem Mitarbeiterbüro auch drei Gruppenräume zur Verfügung. Ausgestattet mit Kicker, Billard und PC-Arbeitsplätzen sollen dort Gruppen mit bis zu 40 Personen an Freizeitangeboten teilnehmen. Besonderer Vorteil für die jungen Nutzer: die flexiblen Nutzungszeiten und -möglichkeiten der Räume. Gleichzeitig soll die „Basis“ den Mitarbeitern als Schaltstelle für die Organisation ihrer dezentralen Arbeit dienen. In dem Jugendbüro werden unter anderem auch die Berechtigungsscheine für das Jugendtaxi ausgestellt.
War die Offene Kinder- und Jugendarbeit in früheren Jahren vor allem auf das Angebot im „Haus der Jugend“ im Stadtteil Ahrweiler ausgerichtet, so richte sich der Blick schon seit Ende 2010 auch in die anderen Ortsteile. Diese stadtteilorientierte Arbeit wolle man eine noch verstärken. Demnach sollen kind- bzw. jugendgerechte Projekte auch im Mehrgenerationenhaus, in Pfarr- oder Gemeindesälen, Bürgerhäusern, in Vereinsräumen oder in Festhallen angeboten werden.
Engere Zusammenarbeit mit den Schulen
Intensiviert werden soll auch die Zusammenarbeit mit den Schulen. Schulnahe Angebote, dazu zählen auch Teamtraining sowie themenorientierte Projekte oder Veranstaltungen, sollen an den jeweiligen Schulen direkt stattfinden. Angedacht sind auch schulübergreifende Maßnahmen mit Klein- oder Großgruppen. Veranstaltungen wie Teamtrainings könnten beispielsweise in der „Basis“ oder in anderen Räumen im Mehrgenerationenhaus ablaufen.
Weiteres Standbein der Offenen Kinder- und Jugendarbeit sind die beliebten Ferienangebote. Insgesamt über 40 verschiedene Ferienaktionen für Kinder zwischen 6 und 16 Jahren listet die Broschüre „Ferienalarm“ wird dieses Jahr auf. Als Veranstaltungsorte dienen auch hier zumeist das Mehrgenerationenhaus sowie die verschiedenen Schulen, Sportstätten und Räumlichkeiten in den Stadtteilen.
Vernetztes Handeln im Fokus
Bei der neuen Vorgehensweise rücke auch vernetztes Handeln immer stärker in den Fokus, wünscht sich der Bürgermeister. Alleine aufgrund der direkten Nähe zur „Basis“ im Mehrgenerationenhaus werden Kooperationen mit der katholischen Rosenkranzgemeinde und der evangelischen Kirchengemeinde angestrebt. Beide Einrichtungen sind ebenfalls für etablierte Institutionen, die für Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bekannt seien.
Deshalb heiße die Devise:
„Parallelstrukturen vermeiden.“ So könnten künftig beispielsweise Räumlichkeiten gemeinsam genutzt, Veranstaltungen miteinander durchgeführt oder auch Referenten ausgetauscht werden. Die städtischen Fachkräfte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit haben den bevorstehenden Wechsel vom Stadtteil Ahrweiler in den Stadtteil Bad Neuenahr bereits im Blick. Der Umzug soll bis zu den Herbstferien 2013 vollzogen sein. Bis dahin gibt es viel zu tun: Schließlich muss vorher das Haus der Jugend ausgeräumt und die neuen Räume im Haus der Familie/Mehrgenerationenhaus bezugsfertig sein. Begleitet wird der Umzug von einer Jugendgruppe, die das hauptamtliche Team tatkräftig unterstützen wird.
Auch eine inhaltliche Verbesserung
Für die CDU-Fraktion sicherte Dr. Annette Gies volle Unterstützung zu. „Wir beschreiten damit einen Weg, der sich gesellschaftlichen und finanziellen Veränderungen stellt und durch effiziente und dezentrale Momente auch eine inhaltliche Verbesserung darstellt“, sagte sie. Das „Haus der Familie“ solle zu einer Zentrale für kulturelle und soziale Institutionen der Stadt werden und so gleichzeitig seine wirtschaftliche Existenz sichern und das Ziel der vernetzenden Arbeit vorantreiben. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit werde die Jugendlichen in den einzelnen Stadtteilen abholen, wo sie ihren Lebensmittelpunkt haben. Dabei sei es der CDU besonders wichtig, dass kein Stadtteil zu kurz kommen werde.
Mit der Ausweitung und Bündelung der Ferienangebote werde einem weiteren zentralen Anliegen der Christdemokraten Rechnung getragen.
Wolfgang Schlagwein (Grüne) wies darauf hin, dass mit der Aufgabe des „Hauses der Jugend“ auch die Pfadfinder heimatlos würden und man alles dafür tun müsse, denen neue Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Auch er plädierte für eine dezentrale Jugendarbeit, war aber der Ansicht, dass dafür auch mehr Jugendräume überall in den Stadtteilen notwendig seien. Zumal es in Ahrweiler keine klare Alternative zum demnächst geräumten Haus gebe.
„Wer zu dezentraler Jugendarbeit A sagt, muss zu dezentralen Räumlichkeiten auch B sagen“, erklärte Wolfgang Schlagwein.
Deshalb stellte er den Antrag, der nach einer Ergänzung durch Bürgermeister Orthen einstimmig angenommen wurde. Wo die Jugendbeteiligung dies ergibt, sollen in den Ortsteilen also dezentrale Jugendräume vorgehalten werden - soweit dies finanziell vertretbar ist und damit keine Parallelstrukturen aufgebaut werden.
Niederschwellige, aber hochwertige Angebote
Die Neuausrichtung werde den Veränderungsprozessen gerecht, die das Verhältnis der Generationen tief greifend und nachhaltig beeinflussten, fand auch Hellmut Meinhof (FDP). Damit werde letztlich auch ein besserer Zugang zu qualifizierten Beratungsangeboten hergestellt. Elisabeth Graff (SPD) lobte besonders das „niederschwellige, aber hochwertige Angebot im Mehrgenerationenhaus“ und sah die Veränderungen positiv auch im Hinblick auf die im kommenden Jahr auslaufenden finanziellen Förderungen von Bund und Land. Ihr Fraktionskollege Werner Jahr votierte als einziger gegen das neue Konzept, weil er fand: „Die Infrastruktur der Jugendarbeit wird dem schnöden Mammon geopfert, und die erhofften Synergie-Effekte sind Wunschträume, die sich nicht verwirklichen lassen werden.“
Für die FWG signalisierte Gregor Sebastian hingegen volle Zustimmung, weil das „Haus der Familie“ innerhalb der Stadt einen Umdenkprozess angestoßen habe, der ein Zusammenleben der Generationen untereinander sowie eine Integration von Menschen mit Migrationshintergrund mittlerweile selbstverständlich mache. Man müsse allerdings die künftige Nutzung genau beobachten und gegebenenfalls an neue Bedürfnisstrukturen anpassen. Zudem beantragte er, die Stadtverwaltung möge in weiteren Beratungen über die Liegenschaften „Haus der Jugend“ und Stadtbibliothek auch darstellen, wie eine weitere Nutzung in städtischem Eigentum aussehen könne. Das sagte Bürgermeister Orthen zu.
