Schüler der Bad Neuenahrer Privatschule Carpe Diem mächtig beeindruckt
Jüdischen Bürgern ein Gesicht gegeben
Bad Neuenahr. „Für mich waren die Ausführungen von Israel-Kennerin Annemarie Müller-Feldmann ein nachhaltiges Erlebnis“, kommentierte Moritz Bode den Besuch des jüdischen Friedhofes in der Kurstadt mit der nahezu 88-jährigen Bad Neuenahrerin Antiquarin. Im Rahmen der Projektwoche der Privatschule Carpe Diem hatten sich Schüler aus den Stufen sechs, sieben und neun auf die Spuren der ehemaligen jüdischen Neuenahrer Gemeinde begeben. Bereits 1858 lebten 37 jüdische Bürger im damals noch kleinen Neuenahr. Die Projektgruppe informierte sich an den Stolpersteinen in der Stadt, welche Familiennamen zu lesen waren, eruierten, wie viele Neuenahrer Juden im Dritten Reich ausgegrenzt, deportiert und ermordet wurden. Betroffen machte die Schüler zu lesen, dass Lieselotte Friesem am Tag der Verhaftung ihrer gesamten Familie eigentlich ihren 12. Geburtstag feiern wollte. Viele jüdische Menschen aus Neuenahr wurden 1942 zuerst in das Durchgangslager Izbica deportiert. Von dort wurden sie in die verschiedenen KZs gebracht. Die Schüler stöberten in der Projektwoche im Archiv nach frühen Presseberichten aus dem 20. Jahrhundert. Sie lasen Berichte zum Neubau und Einweihung der ehemaligen Synagoge in Neuenahr. Und fanden heraus, dass in Bad Neuenahr 1910 ein Israelisches Krankenhaus dank Spendengelder geschaffen worden war, das ärmeren jüdischen Kurgästen offen stand.
"Jüddejäßche“
Die Schüler verweilten am Gedenkstein der vernichteten Synagoge in der ehemaligen Tempelgasse. Lehrer Hermann-Joseph Löhr wusste, dass die Tempelgasse im Volksmund der 1920er Jahre "Jüddejäßche“ getauft worden war. Nach der Pogromnacht am neunten November 1938 und dem Zerstören der jüdischen Synagoge wurde die Tempelgasse umbenannt in ihren heutigen Namen Wadenheimer Straße.
Über den jüdischen Friedhof
Die Schüler freuten sich, dass die Stadtverwaltung durch die kleinen Hinweistäfelchen unter den heutigen Straßennamen auch auf die Geschichte hinweist. Müller-Feldmann führte die Projektgruppe über den jüdischen Friedhof nahe des Nachtigallenweges in Neuenahr. Er wurde 1894/95 angelegt. Der Friedhof blieb in der Zeit des Nationalsozialismus nahezu unbeschädigt. Selbst das eiserne Gittertor, das im II. Weltkrieg zu Rüstungszwecken beschlagnahmt worden war, blieb unversehrt und wurde nach 1945 zurückgegeben. Annemarie Müller-Feldmann hatte bei ihrem Israelaufenthalt von 1948 bis 1962 die hebräische Sprache gelernt. Sie verstand es gekonnt, mit ihren Berichten anhand der von ihr entzifferten Grabsteine den jüdischen Menschen ein Gesicht zu geben. Schüler Eric Kleefisch ergänzte: “Frau Müller-Feldmann übersetzte nicht nur die Inschriften der Grabsteine, die in hebräischer Schrift graviert sind, sondern sie erzählte uns von den regelmäßigen Kontakten mit Nachfahren der verstorbenen Neuenahrer Juden, die in Israel und den Vereinigten Staaten leben und sich telefonisch über den Zustand der Gräber ihrer Vorfahren informieren." Schuldirektor Luca Bonsignore dankte der Trägerin des Bundesverdienstkreuzes nachdrücklich für ihr Engagement und ihre Bereitschaft, den Carpe Diem Schülern das Leben der jüdischen Gemeinde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts authentisch wiederzugeben.
