Politik | 23.02.2015

Auftaktveranstaltung „Flüchtlingsnetzwerk BNAW“ in der Kreisstadt

Konfessionsübergreifende Wege zur praktischen Hilfe vor Ort

Bürgermeister Guido Orthen bei seiner Einführungsrede. wite

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Das Elend vieler Flüchtlinge ist längst nicht mehr nur Thema in den Nachrichtensendungen, sondern auch zunehmend im lokalen Raum. So auch in der Kreisstadt, wo viele Menschen bereit sind, Flüchtlingen zu helfen. Doch wie kann eine solche Hilfe konkret aussehen und wie kann man sich aktiv einbringen? Auf diese und andere Fragen lieferte die Auftakt-Veranstaltung „Flüchtlingsnetzwerk BNAW“ im Rathaussaal der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler durchaus Antworten. Dass immer mehr Menschen hier die Situation bedrohter und geflüchteter Menschen erkannt haben, zeigte die überaus gute Resonanz bei dieser Veranstaltung - mehr als 150 Interessenten hatten sich im großen Rathaussaal eingefunden. „Von einem Tag auf den anderen mussten diese Menschen oftmals all das zurücklassen, was sie sich über viele Jahre erarbeitet haben. Viele haben hierbei alles verloren - nicht nur Ihr Hab und Gut - sie mussten auch den Verlust ihrer Heimat hinnehmen, „ schilderte Stadtbürgermeister Guido Orthen eingangs sehr fundamentiert und engagiert die für Flüchtlinge dramatische Situation. Was die Menschen in dieser Situation benötigen, sei zunächst eine sichere Bleibe und „ein Dach über dem Kopf.“ Die Stadt könne dies alles nicht alleine bewältigen. Neben den Aufgaben und Bemühungen brauche man daher auch „die praktische Solidarität vieler“, so Orthen weiter. Daher fühle man sich bei dieser hehren Aufgabe nicht alleine gelassen. „Denn es gibt viele Menschen in unserer Stadt, die Flüchtlingen helfen wollen.“ Nur sei vielen nicht klar, an wen sie sich mit ihrer Hilfsbereitschaft wenden können. „Daher sind wir sehr froh, dass sich unter der Leitung der beiden großen Kirchen diese konfessionsübergreifende Initiative zusammengetan hat“, so das Stadtoberhaupt weiter.

Einladung beider Kirchen

Zu der Veranstaltung eingeladen hatten die Katholische und die Evangelische Kirchengemeinde gemeinsam. Bei diesem Treffen konnten sich alle hilfsbereiten Bürger darüber informieren, in welcher Weise sie sich für Flüchtlinge engagieren können. Hier erhielten die interessierten Bürger eine Fülle von Informationen von Fachleuten, die sich bei Fragen der Flüchtlingshilfe auskennen. Initiatoren sind neben den beiden Kirchengemeinden auch der Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr, Ökumenische Flüchtlingshilfe und Diakonisches Werk. Unterstützend zur Seite steht bei diesem Vorhaben die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler. „Viele Menschen zeigen Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge, doch wissen sie meist nicht, an wen sie sich wenden können“, sagte auch Pastor Jörg Meyrer von der Katholischen Kirchengemeinde Sankt Laurentius in Ahrweiler. „Praktische Hilfe für Flüchtlinge vor Ort braucht daher Koordination“, ergänzte Friedemann Bach von der Evangelischen Kirchengemeinde. „Nehmt einander an. Manche haben bereits vor 70 Jahren als Flüchtling selbst diese schlimmen Erfahrungen machen müssen,“ so Bach weiter. Es gelte, Ängste und Vorbehalte abzubauen. „Und es gibt keine Alternative hierzu, etwas Gutes zu tun - für jene, die schon da sind, und für die, die noch kommen“, schloss Friedemann Bach seine Ausführungen. „Auf der einen Seite gibt es viel Not, auf der anderen viel Hilfsbereitschaft. Bei uns ist wieder jemand angekommen - wie können wir da helfen und wie machen wir das?“ schilderte Jörg Meyrer die Gefühle zahlreicher Menschen. Beide Seelsorger sehen daher das Treffen im Rathaussaal als Startschuss für den Aufbau des konfessionsübergreifenden „Flüchtlingsnetzwerks BNAW“. Dieses soll in der Kreisstadt zu einer Plattform für Menschen werden, die sich für Flüchtlinge engagieren möchten.

Flüchtlingsproblematik

Eva Pestemer vom Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr erläuterte die gesamte Flüchtlingsproblematik tiefgreifend. So sind aktuell auf der Welt 50 Millionen Menschen auf der Flucht - der höchste Wert seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die meisten Menschen sind bei ihrer Flucht in den Anrainerstaaten der Krisengebiete gelandet, so beispielsweise 1.600.000 in Pakistan und 1.100.000 im Libanon. Zum Vergleich: Frankreich hat 230.000 und Deutschland 200.000 bedrohte Menschen aufgenommen. Die wohlhabende Schweiz taucht in dieser Statistik gar nicht auf. Die meisten Migranten (insgesamt 23 Prozent) kommen aus Syrien und der Arabischen Republik. Die Asylantragszahlen in Deutschland sind von 28.018 im Jahr 2008 auf aktuell 202.834 angestiegen. Dies ist Spiegelbild der weltweit wachsenden kriegerischen Auseinandersetzungen. Der Jugendmigrationsdienst (JMD) der Caritas Rhein-Mosel-Ahr e.V. arbeitet auch im Bereich junger Migranten von 12 bis 27 Jahren, die noch keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten haben. Tätigkeitsfelder sind dort vor allem die unabdingbaren Bereiche Sprache und Bildung. Die Migrationsberatung für Erwachsene (MBE) unterstützt Flüchtlinge, die einen Aufenthaltstitel bekommen haben. Der Jugendmigrationsdienst (JMD) der Caritas Rhein-Mosel-Ahr e.V. arbeitet auch im Bereich junger Migranten von 12 bis 27 Jahren, die noch keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten haben. Tätigkeitsfelder sind dort vor allem die unabdingbaren Bereiche Sprache und Bildung. Die Migrationsberatung für Erwachsene (MBE) unterstützt Flüchtlinge, die einen Aufenthaltstitel bekommen haben.

Patenschaftsprojekt

Im Februar wurde das neue Willkommens-Patenschaftsprojekt der Caritas gestartet. Wichtiges Ziel ist es, die Ehrenamtlichen fachlich zu begleiten und zu koordinieren. Etwa die persönliche Begleitung sowohl bei den unterschiedlichen Behördengängen als auch den Alltagserledigungen. Neben den zuständigen Behörden bei Kreis, Städten und Verbandsgemeinden ist es für Eva Pestemer auch Aufgabe der Zivilgesellschaft, hier etwas zu tun und Menschen mit einer Fluchtgeschichte in ihrer schwierigen Situation zu unterstützen. Koordinatorinnen der Willkommenspatenschaften für Flüchtlinge sind Eva Pestemer und Ania Siwik, Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr e.V., Tel. (0 26 51) 98 69-143 oder -145, pestemer-e@caritas-mayen.de, siwik-a@caritas-mayen.de. Die erste Qualifizierung für die neuen Paten findet statt am Freitag, 27. Februar, 17 bis 20 Uhr, Im Klosterforum Laacher See, 56653 Maria Laach. Es wird um Anmeldung gebeten.

Konkrete Bereiche im Netzwerk

Das Netzwerk vermittelt die konkreten Bereiche, in denen sich engagierte Bürger ehrenamtlich für Flüchtlinge vor Ort einsetzen können. Dabei geht es unter anderem um das Bereitstellen von Wohnraum oder um die Weitergabe von Einrichtungsgegenständen und Bekleidung. Eine weitere Rolle spielt die Begleitung von Flüchtlingen im Alltag und beim Erlernen der Sprache. An diesem Abend konnten sich die interessierten Menschen an den verschiedenen Thementischen umfassend informieren: Wohnungen/Wohnraum, Bildung/Sprache (Schlüssel zur Integration), Material (Kleidung, Möbel), Begleitung sowie „OrgaTeam“. Neben den Hilfsorganisationen waren auch das Sozialamt der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler und das Jobcenter mit einem Stand vertreten. Beim Jobcenter wurden insbesondere Grundlagen und Höhe die Kosten für Unterkünfte erläutert. Etliche Personen erklärten sich an diesem Abend spontan bereit, ihren Beitrag zur Eingliederung bedrohter Menschen zu leisten - etwa für Sprachhilfen sowie bei der Begleitung in den verschiedenen Lebensbereichen, Behördengängen und Fahrten. Eingebunden werden sollen die vorhandenen Strukturen, beispielsweise Petras Lädchen oder die Kleiderkammer.

Beratungsmöglichkeiten

Neben den bekannten Ansprechpartnern und Anlaufstellen hat das Netzwerk folgende Beratungsstellen für Migrantinnen und Migranten im Landkreis Ahrweiler: sowie Ökumenische Flüchtlingshilfe Rhein-Ahr (ÖFH), Tel. (0 26 41) 3 02 95 55 oder (01 78) 8 68 22 24 - H.J. Dedenbach.

Die ÖFH betreut und berät Flüchtlinge und Asylsuchende, die vor Folter, Bomben, Bürgerkrieg, politischer Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen in die Bundesrepublik flüchteten und vom Bundesamt für Migration dem Landkreis Ahrweiler zugewiesen wurden. Mit seiner Arbeit verfolgt der Verein das Ziel, Flüchtlingen und Asylbewerbern eine ganzheitliche Unterstützung anzubieten und sie nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu befähigen, sich langfristig für ihre Belange selbst einzusetzen. Der Verein ist der einzige seiner Art im Landkreis und bietet den Flüchtlingen Schutz und eine erste Möglichkeit, sich in der neuen Gesellschaft zu orientieren - und zwar bedarfsgerecht, besonders für Kinder und Frauen. Das Angebot der Ökumenischen Flüchtlingshilfe richtet sich an alle Asylsuchenden und Flüchtlinge, die neu ankommen und an diejenigen, die ohne Flüchtlingsanerkennung bleiben müssen und besonders schutzbedürftig sind. Für Asylsuchende und Flüchtlinge gibt es nämlich außer einer einfachen Versorgung keinerlei Anlaufstelle in Sozial- und Rechtsfragen. Hinzu kommt, dass Flüchtlinge häufig in einfachsten Unterkünften unter prekären Bedingungen, sozial isoliert und ohne ausreichende Verbindung mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln zur Gesundheitsversorgung und sozialen Einrichtungen, wie Kindergärten, Schulen, Behörden etc. untergebracht sind. Der evangelische Pfarrer im Ruhestand Klaus Neufang ist bereits seit der Gründung im Jahr 1996 Vorsitzender des Vereins. Weiterhin kann man sich informieren bei den beiden Kirchengemeinden: Evangelische Kirchengemeinde unter Tel. (0 26 41) 95 06 30 sowie Sankt Laurentius, Tel. (0 26 41) 3 47 37.

Bürgermeister Guido Orthen bei seiner Einführungsrede. Foto: wite

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