Wolfgang Schlagwein im Gespräch mit Blick aktuell
Kreistagskandidatur bleibt offen
Energiewende braucht vollen Körpereinsatz - Votum für Weinbergsmauern
Bad Neuenahr/Kreisgebiet. Im Mai 2014 sind Kommunalwahlen. Bündnis 90/Die Grünen wollen ihre Kandidaten für den Kreistag im Februar wählen. Im Vorfeld sprach Blick aktuell mit dem Grünen-Urgestein Wolfgang Schlagwein, dem langjährigen Grünen-Fraktionsvorsitzenden im Kreistag Ahrweiler und Deutschen Solarpreisträger 2010 zu diesem sowie weiteren aktuellen Themen.
Blick aktuell: Sie haben als Gründungsmitglied und Vorstand viele Jahre in einem Verein zur Vermarktung regionaler Bio-Produkte mitgewirkt. Wie steht es aus ihrer Sicht heute um Regionalvermarktung? Welche Chancen und Möglichkeiten bieten hierbei der ökologische Land- und Weinbau?
Wolfgang Schlagwein: Erst einmal stellen wir fest: Der Verlust landwirtschaftlicher Flächen zu Gunsten immer mehr Siedlungs- und Verkehrsflächen setzt sich fort, trotz rückläufiger Bevölkerung. Alleine der Neubau der A 1 wird hektarweise Wiesen und Äcker verschlingen. Und mit nicht einmal vier Prozent ökologisch bewirtschafteter landwirtschaftlicher Fläche ist der Ahrkreis Schlusslicht in RLP. Bäuerliche Landwirtschaft erfährt zu wenig Wertschätzung. Noch geringer geschätzt wurden lange Zeit Regionalvermarktung und Öko-Landbau. Das galt als Nischenbeschäftigung für Außenseiter. Da gibt es Parallelen zu den Erneuerbaren Energien. Die Importe für Bio-Produkte steigen, das zeigt doch die Möglichkeiten.
Blick aktuell: Bietet der Tourismus nicht eine besondere Chance?
Wolfgang Schlagwein: Natürlich. Ahrtal-Tourismus will ja verstärkt auf regionale Identität setzen. Es ist einen neuen Versuch wert. Aber es wird nicht einfach. Ich habe mal mehrere Jahre einen wöchentlichen Bauernmarkt in Bad Neuenahr organisiert, ich weiß, wovon ich rede.
Blick aktuell: Die Landesregierung hat große Teile des Kreises Ahrweiler zur historischen Kulturlandschaft erklärt. Das müsste Sie doch freuen?
Wolfgang Schlagwein: Wenn die alte Landesregierung die historische Kulturlandschaft schon etwas früher entdeckt hätte, wäre sie am Nürburgring nicht um 300 Millionen Euro ärmer geworden. Nun entdeckt die neue Landesregierung Kulturlandschaft, um Windenergie auszusperren. Das wird nicht funktionieren. Ich kann nicht mit einem strittigen Thema wie Kulturlandschaft ein anderes, nicht minder strittiges Thema wie Windenergie befrieden. Außerdem pflegt allein eine neue Schraffur auf der Landkarte keine Kulturlandschaft. „Historisch“ heißt ja gerade, dass sich die alte Wirtschaftsform nicht mehr rechnet. Nehmen wir die historischen Weinbergsmauern bei Ahrweiler. Deren Sanierung können die Winzer alleine heute nicht mehr bezahlen. Da hätten wir vom Land dann gerne auch finanzielle Unterstützung, nicht nur eine farbige Karte mit ministerieller Verbotsverordnung.
Blick aktuell: Im Jahr 2010 wurden Sie für ihr Engagement im Energiebereich mit dem „Deutschen Solarpreis“ ausgezeichnet. Wie weit ist aus ihrer Sicht die Energiewende im Landkreis Ahrweiler gediehen?
Wolfgang Schlagwein: Beim Thema Energieeffizienz und Energiecontrolling hat der Kreis ja schon einiges vorgemacht. Und wenn wir den Zuwachs Erneuerbarer Energien im Kreis in 2011 und 2012 verstetigen, können wir das 100Prozent-Stromziel des Kreistages auch erreichen. Ausgerechnet jetzt droht die große Kohle-Kraft-Koalition der Energiewende und, auf dem Umweg über Berlin, dem zentralen Projekt der rot-grünen Landesregierung in Mainz das Standbein wegzutreten. Dann wären wir hier im Kreis vorerst auf uns allein gestellt. Aber das ist keine neue Erfahrung. Ich kann nur immer wieder wiederholen: Wir müssen die Energiewende vor Ort selber in die Hand nehmen. Mit den Ahrtalwerken zeigen wir das ja.
Blick aktuell: Bei ihrem Kreis-Parteitag hat sich die CDU kürzlich ebenfalls klar für eine Energiewende auf Kreisebene ausgesprochen. Wie bewerten Sie diese Aussage?
Wolfgang Schlagwein: Wie klar es war, weiß ich nicht, ich war nicht dabei. Sie haben wohl für sich in Anspruch genommen, den mutigen Schritt in die Energiewende getan zu haben. Nur wendet Angela Merkel in Berlin schneller, als die CDU vor Ort nachkommt. Wenn sie hier im Kreis jetzt trotzdem an der Energiewende festhalten, werden sie ihren Mut brauchen. Uns Grünen hat das vor 20, 30 Jahren auch Mut abverlangt. In der Bundestagswahl hat er uns sogar verlassen. Statt als Energieberater sind wir lieber als Steuerberater aufgetreten. Es gilt immer noch: wer Energiewende will, muss mit vollem Körpereinsatz spielen. Notfalls auch gegen eigene Regierungen in Mainz oder Berlin.
Blick aktuell: Es häufen sich Fahrgastbeschwerden über die Deutsche Bahn an Rhein und Ahr. Welches Verbesserungspotenzial gibt es für den Öffentlichen Personen-Nahverkehr im Kreis Ahrweiler insgesamt?
Wolfgang Schlagwein: Ich habe vor Jahren mein Auto abgeschafft. Ein mehrheitlich Auto fahrender Kreistag interessiert sich aber wenig für diese Themen, obwohl der Landkreis Aufgabenträger ist. Dass es auch anders geht, zeigt die Kreisstadt mit ihrer Gästekarte, die den Gästen jetzt freie Fahrt mit Bussen und Bahnen im ganzen Kreis bietet. Für hiesige Verhältnisse ist das ein geradezu revolutionärer Schritt.
Blick aktuell: Der Kreis verfügt über eine durchaus gute und dichte Verkehrs-Infrastruktur. Ist die aber noch bezahlbar?
„Als wir mit den Grünen anfingen, hatten wir nichts zu melden, aber viel zu sagen. Heute haben wir mehr zu melden, aber weniger zu sagen. Bevor wir gar nichts mehr zu sagen haben, ist es Zeit, zu gehen. An einer Chorgründung für Politsprech bin ich nicht interessiert, zu sagen hätte ich noch einiges.“
Wolfgang Schlagwein: Unser Verkehrssystem ist hoffnungslos unterfinanziert. Es fehlen Milliarden, um den Bestand zu erhalten. Nicht immer mehr, sondern erhalten, was wir haben, ist das Gebot. Das gilt übrigens auch für die Bahnstationen im Kreis. Deshalb hat die Modernisierung der vorhandenen Bahnhaltepunkte wie „Ahrweiler Markt“ Vorrang. Und wenn schon neue Haltepunkte, dann dort, wo es den größten Effekt hat.
Bei der Vermarktung des ehemaligen Bundeswehrstandortes Heerstraße in Bad Neuenahr sprach jemand von der Bahn als „südlicher Grenze“ des Geländes. Wie wäre es, die Bahn statt als Grenze mal als Standortfaktor zu sehen? An dieser Stelle würde ein Bahnhaltepunkt vor der Haustür tausende Quadratmeter Bürofläche tagtäglich für Pendler erschließen.
Blick aktuell: Das HOT in Sinzig kämpft in diesen Tagen ums Überleben. Wie wichtig ist dieses Projekt?
Wolfgang Schlagwein: Die Arbeit mit den Jugendlichen strahlt kreisweit aus. Deshalb hält das Bundesfamilienministerium mit Restmitteln aus der auslaufenden Förderperiode die bisherige Jugendsozialarbeit im HOT erstmal bis Juni 2014 über Wasser. Um sie darüber hinaus fortsetzen zu können, setzt das Ministerium eine Interessenbekundung des Jugendamtes für die neue 7-jährige Förderperiode voraus. Wir hoffen, dass das Jugendamt dies in Zusammenarbeit mit dem HOT rechtzeitig tut. Jugendsozialarbeit, wie das HOT sie leistet, ist eine Pflichtaufgabe des Landkreises.
Blick aktuell: Wird Wolfgang Schlagwein nochmals für Kreistag oder Stadtrat kandidieren?
Wolfgang Schlagwein: Als wir mit den Grünen anfingen, hatten wir nichts zu melden, aber viel zu sagen. Heute haben wir mehr zu melden, aber weniger zu sagen. Bevor wir gar nichts mehr zu sagen haben, ist es Zeit, zu gehen. An einer Chorgründung für Politsprech bin ich nicht interessiert, zu sagen hätte ich noch einiges.
Blick aktuell: In der Kandidatenliste für den Landtag wären Sie der erste Nachrücker als MdL. Einen Platz dahinter folgt Katharina Binz, die neue Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Die halbe Wahlperiode ist vorbei. Wie ist die Situation?
Wolfgang Schlagwein: Es wäre für die Grünen im Kreis AW sehr wichtig gewesen, mit einem Landtagsabgeordneten und einem Regionalbüro vor Ort präsent zu sein. Gerade für die Kommunalwahl 2014. Uns ist da ja auch allerhand versprochen worden. Wir müssen uns langsam damit abfinden, dass daraus nichts mehr wird.
Das Gespräch führte Willi Tempel.
