Bürger werden aktiv:
Lohrsdorfer zeigen Flagge
„Wir wollen Ruhe“ oder „Schluss mit Krach“
Lohrsdorf. Die Gesichter unterschiedlichster politischer Couleur lachen schon gut einen Monat vor der Bundestagswahl, und Tausende LKW und PKW krachen weiter tagtäglich durch Lohrsdorf. Genau an jene prominenten Gesichter richten die Lohrsdorfer nun ihre Wut und zeigen jetzt buchstäblich Flaggen. Der Grund: Die lang ersehnte Ortsumgehungsstraße ist von der rot-grünen Landesregierung aus dem Bundesverkehrswegeplan gestrichen worden. Das wollen sich die Lohrsdorfer nicht gefallen lassen und gehen jetzt auf die Barrikaden.
Auf die Politik ist man in Lohrsdorf derzeit nicht unbedingt gut zu sprechen. Die Anwohner werfen den Politikern Untätigkeit im Hinblick auf den Ausbau der B 266 durch den Ort vor - und haben guten
Über 23 000 Fahrzeuge täglich
Grund dazu: Der Verkehrslärm von mehr als 23 000 Fahrzeugen pro Tag, von denen besonders die LKW den Eindruck hinterlassen, als würden sie direkt durch Wohn- und Schlafzimmer brettern, hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Und Pläne in Sachen Bau einer Umgehungsstraße gibt es schon lange - genauer gesagt seit 60 Jahren. Bisher wurde der Bau aber trotz vieler Aktionen immer wieder auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Landesregierung hat ihn sogar in ihrer Prioritätenliste zum Bundesverkehrswegeplan 2015 lediglich als „weiteren Bedarf“ eingestuft. Und Innenminister Roger Lewentz bleibt bei seiner Linie und antwortete in einem Schreiben an den Ortsvorsteher Hans-Jürgen Juchem: „Aus Sicht der Landesregierung war es folgerichtig, dieses Vorhaben nicht anzumelden.“ Eine „ökologisch verträgliche Trassenführung“ sei bisher nicht erkennbar. Dass die Straße so plötzlich aus dem Bundesverkehrswegeplan verschwunden ist, liegt an einem angeblich schützenswerten Gebiet („FFH-Gebiet“), das von der Trasse bei einer Ahr-Querung berührt würde. Aber was hat jetzt Priorität? Die Lohrsdorfer sind sich einig. „Wir sind es wert, dass auch auf uns Rücksicht genommen wird, und nicht auf den dunklen Wiesenkopf-Ameisenbläuling, einen kleinen Schmetterling, den hier noch niemand gesehen hat und der, so er bei uns heimisch wäre, sicher nichts gegen eine Ahrquerung einzuwenden hätte.“
Dem Protest Luft machen
Für die Lohrsdorfer gibt es jetzt nur einen Weg: Dem Protest Luft machen. Damit dieser wirksam ist, zieren jetzt insgesamt rund 25 schwarze Fahnen mit Totenköpfen und Protestsprüchen viele Häuserfassaden direkt an der Bundesstraße. Jeder soll sie sehen. „Wir wollen, dass Rheinland-Pfalz den Bau der B 266 wieder in den Bundesverkehrswegeplan einsetzt. Wir wollen, dass einer von den vielen Plänen aus den Jahrzehnten des Wartens endlich umgesetzt und gebaut wird. Wir wollen, dass endlich der Lärm und der Gestank aufhören und man die Straße sicher überqueren kann. Wir wollen nachts wieder ruhig schlafen. Dazu sind die künstlichen Hindernisse, die in jüngster Zeit als Verhinderungswälle aufgebaut wurden, wegzuräumen“, lautet der Tenor der rund 30 Anlieger der Ortsdurchgangsstraße, die sich am Samstag am Straßenrand eingefunden hatten, um die Fahnen zu postieren. „Schluss mit dem Krach“ und „60 Jahre Planung sind genug!“ steht auf den schwarzen Tüchern geschrieben, die aus den Fenstern der Anliegerhäuser hängen. Auf anderen steht „Wir wollen endlich Ruhe“ oder „Umgehung jetzt“. Darüber hinaus wurden Unterschriften gesammelt, der Bundesverkehrsminister angeschrieben und ebenso die Landesregierung: bislang ohne Erfolg.
Bei den Anwohnern macht sich Politikerverdruss breit: „Die [Politiker] machen hier einfach, was sie wollen“, sagt eine empörte Anliegerin. Eine andere: „Bei mir gehen die Türen im Haus wie von Geisterhand selber auf, die Vitrinen im Wohnzimmer vibrieren, das Geschirr im Schrank klappert.“ Weiter für Unmut sorgt, dass die Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler schon bald über eine von Walporzheim bis Lohrsdorf durchgehende Umgehung des Verkehrs verfügen wird, im östlichen Stadtteil der Verkehr sich aber weiter durch das Nadelöhr des Straßendorfes zwängen soll.
Flagge zeigen
Lohrsdorfs Ortsvorsteher Hans-Jürgen Juchem gibt sich kämpferisch: „So nehmen wir das nicht hin. Jetzt müssen wir Flagge zeigen und dagegen.“ Und Landtagsmitglied Horst Gies, der ebenfalls zu Gast war, betonte: „An die Menschen im Ort denkt niemand. Wenn alle Seiten zusammenarbeiten, dann kann man etwas bewegen.“ Das Unglück auf der B9 habe wieder einmal gezeigt, wie gefährlich solch viel befahrene Straßen sein können. Unisono: Das Warten müsse ein Ende haben, immerhin werde seit sechs Jahrzehnten um die Ortsumgehung gekämpft.
