Bad Neuenahr aus der Sicht einer Behinderten
Oft steht sie vor zu hohen Stufen
Rollstuhlfahrerin Ingeborg Heuser sieht in Bad Neuenahr unpassierbare Hindernisse und gute Ansätze
Bad Neuenahr. Gerne würde sie in dem Modegeschäft bummeln, gerne den Arzt um die Ecke konsultieren, an der Ahr Richtung Sinzig spazieren fahren. Doch Ingeborg Heuser verkneift sich diese Wünsche und ist traurig. Seit sechs Jahren an einen Rollstuhl gefesselt, steht sie nicht selten vor unüberbrückbaren Hindernissen oder fühlt sich nicht sicher in ihrem Gefährt. „Früher bin ich gerne an der Ahr entlang mit dem Rollstuhl gefahren. Doch die Radfahrer rasen dort so dicht an einem vorbei, fahren einen fast über den Haufen. Schon ein paar Mal war es wirklich nur haarscharf. Das tu ich mir nicht mehr an. Es ist echt gefährlich, und ich habe Angst“, sagt die Bad Neuenahrerin. Auf dieser wunderschönen Stecke sei der Weg für alle Erholungssuchenden - ob zu Fuß, mit Skateboards, Rollschuhen, Inlinern oder Rollstühlen - einfach zu schmal. Es wäre schön, wenn die dort breitere Wege anlegen könnten.“ Viele für „normale“ Spaziergänger unbemerkte Hindernisse oder gar Barrieren erlebt Ingeborg Heuser täglich. Sie wohnt in der Nähe des Bahnhofs, und gerade über den hat sie sich sehr geärgert. „Als Rollstuhlfahrerin kann man nicht in die Züge kommen, wenn man nicht starke Freunde dabei hat oder auf die Hilfe anderer Bahnbenutzer angewiesen sein will“, sagt die Seniorin, die sich keineswegs als solche fühlt und gerne noch viel unternimmt. Bahnfahren gehört nicht dazu. Denn der Spalt zwischen Bahnsteig und Einstieg ist so breit, dass sie die Lücke nicht allein überbrücken kann. Kein Zugang, keine ausfahrbare Treppe ermöglicht ihr das Bahnfahren. Als sie ihre Tochter in Stuttgart besuchen wollte, ließ sie sich bis zum Bahnhof nach Siegburg bringen, wo sie einen Zug direkt bis ins Schwabenland bestieg. „Ich mag nicht immer andere Leute fragen, dass sei mir helfen“, möchte sie nicht ständig Bittsteller sein. Ihr Lebensgefährte hilft ihr, wo er kann. Aber Ingeborg Heuser will natürlich auch ein selbständiges Leben führen und manche Dinge allein erledigen. Doch da sind ihr viele Grenzen gesetzt.
Nicht jede Rampe ist behindertengerecht
So fallen etliche Geschäfte und Arztpraxen in Bad Neuenahr für Ingeborg Feuser aus. Während die meisten inzwischen barrierefrei zu erreichen sind, gibt es bei manchen Probleme für Behinderte. Denn: Selbst Ärzte, die Rampen an den Praxen anbringen lassen, sucht sie manchmal nur ungern auf: „Ich habe nicht die Kraft, um diese steilen Rampen hochzufahren. Und jedes Mal die Angestellten zu fragen, das ist mir peinlich. So suche ich mir eben die Geschäfte, Ärzte und Apotheken aus, die ebenerdig oder mit nur leichten Steigungen zu erreichen sind.“ Der Zustand der öffentlichen Toiletten in der Stadt ist Anlass für Lob und Tadel. Denn während die meisten offen und sauber sind, nennt Ingeborg Heuser gleich zwei öffentliche Behinderten-WC, die ständig verschlossen sind. Die am Platz am Rathaus ist nun schon seit vielen Jahren zu, wie ein Zettel an der Tür verrät, und die am Bahnhof ist zwar geöffnet für Männlein und Weiblein, die gut zu Fuß sind, doch die Behindertentoilette ist verschlossen. „Da braucht man einen speziellen europaweit einsetzbaren Schlüssel, den ich natürlich auch habe. Aber heute bin ich mit dem anderen Rollstuhl unterwegs, der Schlüssel ist in der Tasche am anderen Wagen.“ Warum die Männer- und Frauen- Türen auf, die zum Behinderten-WC zu ist, ist ihr ein Rätsel. Demnächst sollen Behindertentoiletten nicht mehr mit dem Schlüssel, sondern mit Münzen zu öffnen sein, erzählt Ingeborg Heuser: „Was dann wird, weiß man noch nicht. Wir sind gespannt.“
Mancher Bordstein wird zu Stolperfalle
Wir gehen durch die Innenstadt. So mancher Bordstein wird zur Stolperfalle. Vorwärts mit den kleinen Rädern schaffen wir es nicht, Wir kippen den Rollstuhl und kommen doch hoch. „Bin ich alleine, fahre ich dann rückwärts mit den großen Rädern voran. Oder ich muss eben einen Umweg machen bis zur nächsten abgeflachten Stelle“, erklärt die Bad Neuenahrerin. Wie sehr die Architekten in der heutigen Zeit auch an Behinderte denken und mit ihnen planen, sieht man an den neueren Gebäuden. Ob Moses oder die Zugänge am Geschäftshaus gegenüber - überall ebenerdige Eingänge, glattes Pflaster und leicht zu öffnende Türen. Ingeborg Heuser kommt überall auch alleine zurecht. Und öffentliche Gebäude? Rathaus und Post sind an den Fronten verbarrikadiert für Rollstuhlfahrer, doch Schilder an den schmucken Fronten weisen Behinderten den Weg. Von hinten sind diese Häuser nach einem kleinen Umweg zu erreichen. Das gilt auch für Banken und Sparkassen. Oft sind die barrierefreien Zugänge nicht sofort zu finden, doch wer sich genauer umsieht, kann alle Schalter, Büros und die meisten Geschäfte auch ohne fremde Hilfe erreichen. Die Boutiquen, Läden und Praxen der City sind mit ihren oft schmucken Fassaden zwar schön anzuschauen, aber für Rollstuhlfahrer oft nicht zu erreichen. Stiegen direkt vor der Eingangstür oder steile Stufen im Haus ohne Fahrstuhl eignen sich nur für „gesunde“ Fußgänger. „Da kann man den Leuten noch nicht mal einen Vorwurf machen. Die alten Häuser wurden eben so gebaut: mit Treppen vor der Tür als Schutz vor Hochwasser oder aus optischen Gründen. Da ist dann oft überhaupt kein Platz, um eine Rampe zu errichten. Oder einen Hintereingang mit schiefer Ebene, ganz zu schweigen von einem Fahrstuhl“, nimmt die bescheidene Neuenahrerin die Hausbesitzer sogar noch in Schutz. Doch bei allem Verständnis: Kundin oder Patientin kann sie in diesen Häusern nie werden.
Probleme bei öffentlichen Verkehrsmittel
Und was kann und sollte die Stadt ändern, um noch barrierefreier zu werden? Auch hier ist die politisch interessierte Behinderte zurückhaltend: „Es hat sich schon viel gebessert, sehen Sie allein die vielen abgeflachten Bürgersteige, die behindertengerechten Toiletten und breiteren Zugänge. Früher wurden Behinderte zu Hause fast versteckt. Heute bemüht man sich überall um Barrierefreiheit. Hilfsmittel für Behinderte und auch die Rollstuhle werden immer weiter entwickelt und sind wirklich toll. Hier hinkt der Öffentliche Personennahverkehr stark hinterher. Züge sind ohne fremde Hilfe nicht zu erreichen, ganz zu schweigen von den Bussen. Da kommt kein Behinderter rein. Es zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben, seit ich vor sechs Jahren den Unfall hatte: Man ist so oft auf die Hilfe anderer angewiesen. Und das ist schlimm.“
