Chinesische Schüler lernen in Bad Neuenahr
Privatschule Carpe Diem exportiert deutsche Bildung ins Reich der Mitte
Bad Neuenahr-Ahrweiler. Heute mit jungen Chinesen zusammen lernen, morgen zusammen mit ihnen arbeiten. Deutsche Bildung könnte zu einem Exportschlager nach China werden und zugleich mittelständischen deutschen Betrieben wichtige Türen öffnen. China hat einen der größten Wachstumsmärkte der Welt. Darauf setzt nun auch die Privatschule Carpe Diem in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Bereits jetzt lernen hier sieben chinesische Schüler in der schuleigenen Oberstufe. Das deutsche Abitur gilt in China inzwischen als seltenes und deshalb wertvolles Markenzeichen. Künftig will die Privatschule noch mehr chinesische Mädchen und Jungen aufnehmen. Schulleiter Luca Bonsignore und Lehrer Hermann-Joseph Löhr gehörten zum Tross der Chinareise, die Wirtschaftsministerin Eveline Lemke nach Shanghai, Peking und Fuzhou (Hauptstadt der rheinland-pfälzischen Partnerprovinz) und Honkong führte. Zurück kamen die beiden Bad Neuenahrer Pädagogen mit vielen wertvollen Erkenntnissen und konkreten Plänen. So wird die Mittelschule Nummer 67 in Peking Partnerschaftsschule für Carpe Diem. Dies soll dann das Fundament für einen regen kulturellen Austausch bilden. Die Pekinger Schule bietet Deutsch ab der siebten Klasse als verbindliches Fach an. Vier Stunden je Woche lernen die Schüler die deutsche Sprache. Sie werden die Möglichkeit bekommen, in ihren Sommerferien für drei Wochen nach Bad Neuenahr zu kommen und hier Deutschland zu erleben. Carpe Diem bietet ihnen eine Sommerschule an, verbunden mit einem Kulturprogramm, zu dem auch der Besuch eines Fußballspiels gehören könnte. „Seit der Weltmeisterschaft steht die deutsche Nationalmannschaft bei jungen Chinesen hoch im Kurs. Statt Tischtennis wollen die Jungen dort Fußball lernen“, hat Schulleiter Bonsignore registriert. Außerdem soll es ein klassisches Austauschprogramm geben. „Wir wollen Chinesisch auch als dritte Fremdsprache anbieten. Die Kontakte zum Konfuzius-Institut in Bonn werden nun geknüpft, um dafür Sinologen zu bekommen.“ Das dritte Projekt von Carpe Diem: Chinesische Schüler kommen für ein Jahr nach Bad Neuenahr-Ahrweiler, um hier die neunte Klasse zu wiederholen, um anschließend in ihrer asiatischen Heimat die Oberstufe zu absolvieren, dort das deutsche Sprachdiplom zu erwerben und das chinesische Abitur zu machen. Mit dieser Qualifikation können sie dann wieder an deutschen Universitäten studieren. Der deutsch-chinesische Bildungstransfer, so die Idee, könnte vor allem dem deutschen Mittelstand helfen, den chinesischen Markt ohne die sonst üblichen Sprachbarrieren zu erschließen. „Dass in der Delegation der Wirtschaftsministerin auch eine Schule vertreten war, stieß bei den Repräsentanten vieler Firmen auf großes Interesse“, berichten Bonsignore und Löhr. Sie können sich sehr gut vorstellen, dass deutsche Unternehmen mit ihrer Schule kooperieren und Praktika für chinesische Schüler anbieten. Was deutsche Lehrer und Schüler umgekehrt von den Chinesen lernen können, ist für die Privatschule Carpe Diem bereits jetzt Alltag: „Die chinesischen Schüler sind unglaublich diszipliniert und konzentriert. Sie vergessen ihre Hausaufgaben nie.“ Allerdings müssen sie auch eine große Anpassungsleistung vollbringen. Sie sind es gewöhnt, in Klassengrößen von bis zu 60 Schülern unterrichtet zu werden und mit ständigen Überprüfungen konfrontiert zu sein. Im Dialog mit dem Lehrer zu stehen, ist ihnen fremd. Was das chinesische Schulsystem ebenfalls vermissen lässt: freies Denken, Reflektieren und problemorientiertes Arbeiten - wichtige Voraussetzungen für kreative Lösungen. Eigenschaften, die junge Chinesen brauchen, um an deutschen Universitäten zurechtzukommen. Die Privatschule Carpe Diem ist sich aber auch dessen bewusst, dass der Bildungsaustausch an Grenzen stößt. So werden Geschichte und Sozialkunde im Fächerkanon für die chinesischen Schüler eine untergeordnete Rolle spielen. Der Schwerpunkt wird auf den Naturwissenschaften liegen.