Allgemeine Berichte | 03.11.2015

Sankt Martin und die Flüchtlingskrise

Ein Beitrag von Gregor Schürer

Am 11. November sitze ich mit meiner Familie nachmittags am Kaffeetisch, es gibt leckere Weckmänner, die Erwachsenen trinken dazu Kaffee, die Kleinen Kakao. Unvermittelt fragt das groß gewordene Kind: „Du Papa, Du schreibst doch jedes Jahr eine Geschichte zu Sankt Martin und versuchst, einen Bezug zum Hier und Jetzt herstellen nach dem Motto „Was hat uns Martin von Tour heute zu sagen.“ Also, was würde er sagen angesichts der Flüchtlingskrise?“

Fast hatte ich diese Frage erwartet.

Um nicht zu sagen befürchtet. Wäre sie nicht gekommen, hätte ich dieses Jahr nichts geschrieben, hätte mich gedrückt mit „Sankt Martin 2015.“

Weil alles, was man dazu sagt, gleichzeitig richtig und falsch ist, je nach Standpunkt. So aber muss ich etwas sagen. Wissend, dass dies extreme Reaktionen hervorrufen kann. Entweder die, als Gutmensch beschimpft zu werden, einen Shitstorm der Empörung auszulösen ob so viel Zuneigung für Verfolgte.

Oder die, als Rechter oder gar als Nazi bezeichnet zu werden, wenn man Zweifel daran anmeldet, dass Deutschland allein die Welt retten und alle Flüchtlinge aufnehmen kann.

Zwischen diesen Polen bewegt man sich in diesen aufgewühlten, besonderen Zeiten. Ich versuche es trotzdem und beginne den folgenden Monolog:

„Zunächst ein wenig Geschichtsunterricht. In deutscher Geschichte, genauer gesagt in Familiengeschichte. Meine Mutter wurde 1933 in Danzig-Oliva geboren.

Sie war noch ein Kind, als sie gemeinsam mit ihrer Mutter und den älteren Schwestern - der Vater und die Brüder waren als Soldaten an der Front - Ende des Zweiten Weltkrieges flüchten mussten. Nicht zum Spaß haben sie die gemütliche Wohnung in Stadtteil Oliva verlassen, trugen nur das mit sich, was man in Koffern und am Leib tragen konnte. Aufgenommen wurden sie im Schwäbischen, wo sie letztlich strandeten und landeten, nicht gerade mit Begeisterung, obwohl mir meine Oma nie etwas Negatives darüber erzählt hat. Man rückte eben murrend zusammen, weil man musste. Also, nach Flüchtlingen muss man nicht lange suchen, die findet man meist in der eigenen Historie. Was aber hätte Sankt Martin in der heutigen Situation getan?

Nicht alle Kleider herschenken

Sicher keine Zäune errichtet. Oder gar die Klosterpforte abgeschlossen. Er hätte versucht zu helfen, bis ans Ende seiner Kräfte und vermutlich auch darüber hinaus.

Martin lehrt uns zu teilen wie das Schaf, das die Vorschrift des Evangeliums erfüllt. „Zwei Kleider hat das Schaf; eines schenkte es dem, der keines hatte. So sollt auch ihr handeln.“ Martin sagt allerdings nicht, dass man beide Kleider herschenken soll, es ist legitim, eines für sich zu behalten. Er selbst hat ja auch nur die eine Hälfte des Mantels dem Bettler geschenkt, aber die andere behalten, um sich selbst zu wärmen. Sicher können und sollen wir viel leisten und erdulden, aber eben nicht alles. Und genauso sicher können wir mehr, als uns viele glauben machen möchten.

Eigeninteressen statt Solidarität

Ganz bestimmt hätte Martin den Politikern die Leviten gelesen, so wie er zu Lebzeiten dem Kaiser Maximus die Stirn geboten hat. Was die Verhantwortlichen in Europa derzeit für ein Bild abgeben, ist eine Schande für unseren Kontinent. Eigeninteressen statt Solidarität, gemein und einsam statt gemeinsam. Das hat mit gelebtem Christentum rein gar nichts zu tun und ich wünschte mir, ein Sankt Martin käme um die Ecke, würde auf seinem Pferd gen Brüssel reiten und das genau so den Regierungschefs ins Gesicht sagen.“ Hier endet meine Wutrede. Ich ernte Schweigen, Und fahre fort:

„Schließen will ich mit einem Appell. An die Liebe, den Glauben, die Mitmenschlichkeit, die Brüderlichkeit, nennt es, wie ihr es wollt. Der Heilige Mann aus Tour hat sich in all seinem Handeln stets auf keinen geringeren als Jesus Christus berufen. Im Evangelium nach Matthäus heißt es „ Was immer ihr einem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“. Davon ließ er sich inspirieren, davon sollte sich jede und jeder für sich selbst inspirieren lassen. Und tun, was sie oder er für richtig hält. Ich jedenfalls gebe gerne etwas ab, denn ich habe genug.“

Erneute Stille am Tisch. Bis eine piepsige Stimme fragt: „Gilt das mit dem Abgeben auch für deinen Weckmann?“ Vor lauter Aufregung habe ich meinen noch gar nicht angerührt. Ich zögere keine Sekunde und teile ihn mittig. Aber so, dass auch ich eines der beiden Rosinenauge kriege.

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Kommentare
13.11.201510:56 Uhr
Andreas Franken

Eine schöne Geschichte mit einer tollen Botschaft: Du sollst mit Bedürftigen teilen, darfst dabei aber auch an dich selbst denken. Ein sympathischer Standpunkt in der elenden Flüchtlings-Debatte.

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