Politik | 21.12.2015

Am Alten, so es gut ist, halten… oder:

Wie lässt sich lebensfroh unsere Stadt gestalten ?

Anmerkungen zum Leserbrief von Georg Schaab im BLICK aktuell 51 /2015

Mit Interesse haben die Mitglieder der Bürgerinitiative „lebenswerte Stadt“ den Leserbrief von Ernst Georg Schaab im letzten „Blick“ gelesen und begrüßen seine Ausführungen ausdrücklich. Denn sie legen offen, dass es derzeit in der Stadt angesichts der vielen Neubauten, Abrisse, Planungen und Umgestaltungen eine lebendige und kontroverse Diskussion um Architektur gibt. Dieses Faktum allein ist bereits eine Bereicherung und neu. Die Auseinandersetzung legt offen: Stadtgestaltung ist mehr als das Verwalten der Summe aller Häuser. Stadtgestaltung beeinflusst Wohlbefinden des einzelnen: fühlt er sich geborgen oder unwohl? Es beeinflusst die Bevölkerungsstruktur: für wen bau ich da, wie groß und wer kann es sich leisten, hier zu leben? Das wiederum beeinflusst Handel und Wandel. Architektur gestaltet also Lebensraum. Nicht nur, aber maßgeblich. Nicht umsonst spricht man auch von Bau-Kultur. Herr Schaab meint, die muss man sich aber auch leisten können. Diese Aussage beinhaltet implizit die kühne These: Zu mehr als zum Mittelmaß reicht es nicht und gutes Bauen ist einfach zu teuer.

Die Bürgerinitiative behauptet das Gegenteil: Mittelmaß kann ganz schön teuer werden, wenn sich nach wenigen Jahren (und das kommt nicht selten vor) rasch hochgezogene Dreizimmereigentumswohnungen als arg renovierungsbedürftig entpuppen, weil die ersten massiven Schäden auftreten und sich die Renditefixiertheit rächt. Sie rächt sich im Übrigen, Herr Schaab sollte das wissen, auch an den Geschäftsleuten, denn wer will eine gesichtslose Allerweltsstadt besuchen, die farblos geworden ist, weil sie die Zeugen ihrer eigenen Historie geschichtsvergessen opfert? Das, was sie ausmacht, opfert. Das, was sie unverwechselbar macht. Das, was ihr Stadtbild prägt.

Mit der Behauptung, dass gutes Bauen doch viel zu teuer sei, muss sich die BI allerorten herumschlagen. Warum nur soll es bitte teurer sein, Wert zu legen auf eine Echtheit der Materialien, auf eine Ehrlichkeit der Architektur, auf Regionalität und guten Bezug zum Umfeld eines Hauses oder zum Ort? Witzig weist Herr Schaab darauf hin, dass das Schönheitsempfinden heute unbedingt geschult werden muss: Butzenidyll und altdeutsche Kuschelromantik, das Kaschieren von Modernität und billige Täuschungsdekoraktion sind die Gegner einer guten Architektur. Aber wer schult heute den Geschmack? Antwort: Bausparerzeitungen und Baumarktauslagen. Und, Herr Schaab sagt die Wahrheit: der eigene Geiz. Nur: wer zeigt, wie es besser gehen könnte? Wer weist fachgerecht und kompetent darauf hin, wie es anders sein könnte: geschichtsbewusst und regional? Wer widerspricht jungen Bauherren und zeigt auf, dass vielleicht genau an diesem Ort und in dieser Häuserzeile eben Pseudobauhaus nicht passt und Schlumpfbarock gruselig ausschaut? Wer legt ihnen dann Alternativen vor, die die Allgemeinheit bereichern und die Attraktivität des gesamten Ortes steigern? Wer bricht den Bauherrenselbstdarstellungsdrang auf und ermutigt die Menschen für ihren Ort, für ihre Heimat und für unser aller Zukunft zu denken? Wer überlegt mit Bauinvestoren, wie man den Einheitsentwurf aus Schublade 3 unter Erhalt einer alten Villa verwirklichen kann?

Und nochmals: nein, das ist keine Frage des Geldes, sondern der Grundeinstellung.

Ja. Eine gelingende Baukultur erwächst nicht wilder Meckerei. Auch nicht der weitverbreiteten Scheu vor Konflikten. Auch nicht der allgemeinen Gleichgültigkeit. Gelingende Stadtgestaltung braucht Wissen. Braucht Phantasie und Wachsamkeit für unsere kulturellen Reichtümer hier im Ahrtal. Sie braucht Mut und eine Grundhaltung, die die Gemeinschaft und das Gesamte nicht aus dem Blick verliert. Dazu gehört ein würdigender Umgang mit dem Alten und ein feinfühliger mit dem Neuzugestaltenden. Und es braucht, danke für den Hinweis, Herr Schaab, eine positive, lebensfrohe, weiterführende und einladende Grundstimmung. Und genau dazu leistet die Bürgerinitiative ihren Beitrag. Voller Elan, Einsatzfreude, Engagement. Und dafür scheuen wir uns auch nicht, in Schusslinien zu geraten und lassen uns auch mal auf Stammtischniveau beschimpfen.

Für den Vorstand der BI,

Markus Hartmann

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