Weinwirtschaft im Wandel
Wirtschaftsministerin Eveline Lemke sprach auf dem Ahr-Rotweintag in Dernau
Dernau. Noch ist die Weinwirtschaft im Ahrtal stabil. Das konstatierte der Ahr-Rotweintag vergangenen Freitag, der nunmehr zum neunten Mal in Folge im Dernauer Gemeindehaus stattfand. Allerdings sind weiterhin erhebliche Anstrengungen nötig, um den gegenwärtigen Status zu halten. Deswegen seien Investitionen, wie sie beispielsweise die Dagernova vor Ort für Eventhalle, Vinothek, moderne Kellertechnik und die erneuerte Traubenannahme aufgewendet habe, weiterhin vonnöten, mahnte Landrat Dr. Jürgen Pföhler die gut 150 anwesenden Haupt- und Nebenerwerbswinzer.
Diese hatten allgemein begrüßt, dass der Ahr-Rotweintag nun nicht mehr am arbeitsreichen Samstag, sondern an einem Freitagabend ausgerichtet wird. „Der Zuspruch gibt uns recht, dass wir den richtigen Termin gefunden haben“, sagte Hubert Friedrich, Leiter des Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Mosel (DLR), das die Veranstaltung traditionell zusammen mit dem Bauern- und Winzerverband, dem Weinbauversuchsring Ahr und dem Ahrwein e.V. ausrichtet. Denn selten war der Ahr-Rotweintag so gut besucht.
Das ist auch gut so, denn Diskussionen über die zukünftige Ausrichtung des Weinbaus an der Ahr sind angesichts des Wandels in der Branche weiterhin unerlässlich. Zwar habe „die Weinwirtschaft im Ahrtal in den vergangenen zehn Jahren einen atemberaubenden Aufstieg erlebt“ und „der Region ein hohes Renommee verschafft“, betonte Pföhler. Aber es gibt auch Alarmzeichen. So wurden die 559 Hektar Rebfläche an der Ahr 1989 noch von 336 Betrieben bewirtschaftet, 2010 lediglich von 175, berichtete Ahrweinbaupräsident Hubert Pauly. Im gesamten Rheinland-Pfalz sei die Lage sogar noch dramatischer: Die 63.000 Hektar Weinberge waren 2010 nur noch in den Händen von 4.500 Winzern, nachdem es vor 21 Jahren noch 11.800 gewesen seien. Die Durchschnittgröße pro Betrieb betrage im Land demnach rund 8,6 Hektar, nach 3,2 Hektar im Jahre 1989.
Pflanzrechte und Fördergelder
Große Sorge bereite vor allem die Entwicklung bei den Pflanzrechten: „300.000 Hektar sind mit viel EU-Geld in Europa gerodet worden“, so Pauly, um Rebflächen anzulegen. Das sei eher eine Autorisierung als eine beabsichtigte Liberalisierung des Marktes. Er machte deutlich, dass es die althergebrachten Rechte zu verteidigen gelte, man aber auch neue Methoden im Weinbau anwenden müsse, um sich im Wettbewerb zu behaupten. Das könnten beispielsweise Tragschrauber zur Analyse des Düngebedarfs sein, wie sie gegenwärtig vom Fraunhofer Institut probeweise an der Ahr eingesetzt würden. Er wies zudem auf die Versammlung am 19. Februar am gleichen Orte in Dernau zum Thema Pheromone hin. Zwar wäre deren Ausbringung mit Kosten von rund 200 Euro pro Hektar verbunden. Doch würde die Maßnahme einen großen Wettbewerbsvorteil einbringen.
Die EU ist nicht nur beim Thema Pflanzrechte aus Sicht der Ahrwinzer gefordert. Gleiches gilt beim Thema der Fördergeldvergabe. Zwar gingen von ca. 100 Mio. Euro EU-Mittel rund 60 Mio. Euro nach Rheinland-Pfalz, so Pauly. Ein Problem seien aber langfristige Maßnahmen wie der Erhalt der Trockenmauern vor allem im Bereich Walporzheim, der mit vielen Millionen Euro zu Buche schlägt, musste auch die Landeswirtschaftsministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Eveline Lemke (Die Grünen) aus Bad Bodendorf konstatieren. Für solche „Daueraufträge“ seien die Fördertöpfe oftmals nicht konzipiert, eher für einmalige Projekte. „Es muss überlegt werden, wie man künftig an Fördergelder herankommt“, fordert sie die Anwesenden zum Handeln auf, darunter auch Helmut Caspary, als Abteilungsleiter im Landwirtschaftsministerium höchste fachliche Stelle im rheinland-pfälzischen Weinbau sowie die Bundestagsabgeordnete Mechthild Heil und die Landtagsabgeordneten Horst Gies (beide CDU) und Marcel Hürter (SPD).
Gleiches trug in der Gegenrichtung Landrat Pföhler auch der Ministerin an. Sie müsse helfen gerade angesichts der Sanierungsnotwendigkeit der Walporzheimer Weinbergsmauern. Die Winzer könnten dies nicht stemmen, seien sie in der Freiluftbewirtschaftung ohnehin schon einem hohen finanziellen Risiko ausgesetzt, beispielsweise durch Hagelschlag, der eine ganze Ernte vernichten könne.
Doch nicht nur der Weinanbau für sich gesehen, sondern auch seine Bedeutung für den Tourismus in Rheinland-Pfalz und an der Ahr sei beträchtlich. So gäbe es die - sozusagen karnevalistische - Zahl von 11.011 Gästebetten im Ahrtal. Wein sei daher als touristischer Faktor auch ein Luxusgut; schätzungsweise jeder zehnte Arbeitsplatz im Lande hänge vom Weinbau ab, jeder fünfte vom Tourismus. Sie betonte die Bedeutung des Ahrsteigs, einem von 77 Premiumwanderwegen in Deutschland.
Diesbezüglich seien „noch nicht alle Marketingmöglichkeiten durch die Winzer ausgeschöpft“. Vorbild müsse hier der Rheinsteig sein.
Fachlicher Teil
Doch nicht nur um politische und finanzielle Aspekte ging es beim Ahr-Rotweintag. Dem allgemeinen schloss sich nämlich der fachliche Teil an. Christopher Jung, von der DLR Mosel stellte Neuerungen und Weiterentwicklungen bei den bekannten RMS-Systemen vor. Er erläuterte neue Arbeitsfelder wie die Ernte und den großflächigen Einsatz solcher Systeme mittels Überzeilentechnik. Hieraus ergebe sich eine deutliche Steigerung der Flächenleistung.
Ein weiterer Fokus seines Vortrags lag darin, die Mechanisierungsmöglichkeiten im Bezug auf die Anbausituation im Ahrtal darzustellen. Bedingt durch die kleine Rebfläche, die hohe Nachfrage und die Historie, fänden sich im Anbaugebiet Ahr meist schmalere Zeilenabstände, die die Bewirtschaftung mit einem „normalen RMS“ im Lohnverfahren schwierig gestalteten. Daher gäbe es spezielle, schmale Raupensysteme, die auch Zeilen unter 1,60 m bearbeiten könnten. Dieser Durchbruch beruhe auf zwei wegweisenden Neuerungen, die in den vergangenen beiden Jahren von den Produzenten vorangetrieben worden seien.
Als Ersatz für den erkrankten Dr. Wilfried Zipse vom DLR Mosel widmet sich Jung auch dem Thema „Aktuelles aus dem Pflanzenschutz“. Dies betrifft Neuerungen beim Hubschraubereinsatz, eine neue Sachkunde-VO sowie Änderungen beim Vitimeteo-Peronospora-Prognosesystem und damit verbundener Rebschutzstrategie. Zudem stellte er neue Mittel gegen Peronospora und Oidium vor und erläuterte Aktuelles zum Resistenzmanagement. Die notwendigen Änderungen in der Pflanzenschutzdokumentationspflicht rundeten den Vortrag ab.
Über die „Aktivitäten des Ahrwein’s e.V.“ berichtet Oliver Piel vom gleichnamigen Verein. Nachdem im vergangenen Jahr neue Wege zur Vermarktung der hiesigen Erzeugnisse gegangen worden seien, gäbe es auch im Jahr 2013 aktuelle Veranstaltungen, um den Ahrwein noch bekannter zu machen. Für Winter und Frühling nannte er die Ahrwein-Präsentation in Köln am 10. März, den Burgunder-Abend am 12. April, das Frühburgunder-Forum am 13. April, den Tag der offenen Weinkeller am 20. April, das Wein-Wander-Wochenende am 27. und 28. April und das Wein-Wander-Event am 9. Mai.
Zum Abschluss des Rotweintags stellt der Weinbauversuchsring Ahr in einer Weinprobe einige edle Tropfen von der Ahr vor, die verkostet werden konnten. Gleichzeitig bot sich die Gelegenheit zum persönlichen Austausch und Klärung von Fragen mit den Referenten.
BÜN
