Allgemeine Berichte | 25.03.2014

Dietrich Schabow erläuterte Bendorfs jüdische Geschichte

Durch Wissen Frieden schätzen

Dietrich Schabow nahm seine Gäste mit auf einen Rundgang. U. Stuhlträger-Fatehpour

Bendorf. Die Passion von Historiker Dietrich Schabow ist die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Bendorfs. Seine Forschungen sind umfassend, seine Kontakte vielfältig - er ist ein hochgeschätzter Kenner auf diesem Gebiet.

Für den Zusammenschluss „Familie sayn“ referierte er nun über die Jüdischen Heil- und Pflegeanstalten in Sayn. Er kann durch seine umfassenden Begegnungen mit Familien der Betroffenen auch „hinter die Kulissen blicken“ und Zusammenhänge noch fesselnder und überzeugender beleuchten. Im Raum neben der früheren Synagoge - im heute sogenannten „Knabenheim“ in Sayn - trafen sich knapp 30 Interessierte, darunter fast die Hälfte Jugendliche. Auch die Tochter eines früheren Gärtners der Heilanstalt war mit dabei.

Dietrich Schabow verschaffte einen Eindruck über die Geschichte der Psychiatrie und „dass erst in der Aufklärung ein Bewusstsein über die Bedeutung der Betreuung von Kranken entstanden ist.“ In Bendorf gab es vier Pflegeanstalten, wobei man in Sayn für jüdische Patienten ausgerichtet war. Interessant neben den historischen Fakten auch der Bericht über die Art und Weise der Behandlung, der jüdischen Gemeinde in Bendorf und die hohe Zahl der Belegung in Sayn. Damit war die Pflegeanstalt damals auch ein wichtiger Wirtschaftsstandort, viele Beschäftigte kamen hier aus der Umgebung.

Aufschlussreiche Bilder und Dokumente

Dietrich Schabow untermalte seinen Vortrag mit aufschlussreichen Bildern und Dokumenten. „Es gab ein selbstverständliches, wertschätzendes Miteinander zwischen Juden und Christen, selbstverständlich spielten die jüdischen Kinder mit christlichen Kindern“. Obwohl die Nürnberger Rassengesetze 1935 bereits wirkten, erfuhren die Zuhörer, dass trotzdem noch ein Miteinander in Sayn gelebt wurde, soweit das möglich war. „Trotz eines Verkaufsverbotes an Juden konnte der Betreffende an die Hintertür kommen und bekam Lebensmittel“.

Schabow zeichnete ein Bild der Personen Wiegand, Behrendt, Jacoby und Rosenau als Leiter der Anstalt. Auch darüber, wie sie hier im gesellschaftlichen Leben in Bendorf integriert und wertgeschätzt wurden, teils öffentliche Ämter inne hatten. Die Lebensgeschichte der Patienten, darunter auch Jakob van Hoddis, wurde wach gehalten. Damals wurden immer mehr Juden aus dem ganzen Land hierher „abgeschoben“, bis die Klinik völlig überbelegt war. „Viele waren nicht wirklich psychiatrisch krank, sondern haben sich nur kritisch ehrlich über das NS-Regime geäußert“.

Rundgang durch das heutige Haus

Auch das Thema der Deportationen wurde beleuchtet. Dietrich Schabow nahm seine Gäste mit auf einen Rundgang durch das heutige Haus, in die Synagoge und zum Mahnmal.

Nach seiner Aufstellung meldete sich aus Amerika die Tochter des vorletzten jüdischen Leiters Jacoby. Sie besuchte Sayn mit ihrer Tochter. „Mam, they have not forgotten us“ („Mutter, sie haben uns nicht vergessen“). Eine tröstlich-versöhnliche Stimmung. Die Jugendlichen diskutierten auch nach dem Vortrag weiter. Teils hatten sie in der Schule in der Woche zuvor noch die Gelegenheit, eine Zeitzeugin eines Konzentrationslagers zu erleben. Die Betroffenheit sprach aus ihnen. „Nur im Wissen um die Geschichte können wir uns schützen, die Fehler nicht nochmals zu begehen.“

PS

Die Besucher lauschten gespannt den Ausführungen des Historikers.

Die Besucher lauschten gespannt den Ausführungen des Historikers.

Dietrich Schabow nahm seine Gäste mit auf einen Rundgang. Fotos: U. Stuhlträger-Fatehpour

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