Ein Gastbeitrag von Andy Neumann, Schriftsteller und Kriminalpolizist, zum Jahrestag der Flut im Ahrtal
5 Jahre, 135 Tote, 1 Totalversagen, 0 Entschuldigungen.
Ich muss zugeben, so schwer habe ich mich selten mit einem Text getan. Im Grunde war es fraglich, ob ich überhaupt etwas schreiben sollte.
Denn es gibt für mich weniges, was schrecklicher ist als ständige Wiederholungen. Und das ist, was wir aktuell wieder erleben. Erleben müssen. Oder erleben dürfen, je nach Betrachtungswinkel: eine breite Aneinanderreihung von Wiederholungen! Alles, was aktuell zur Flutkatastrophe bei uns im Ahrtal in Zeitungen zu lesen, im Fernsehen zu sehen oder im Radio zu hören ist, haben wir in den vergangenen fünf Jahren schon mehr als einmal gesagt. Jede Kritik wurde geäußert, jeder Erfolg gefeiert, jede Stimmung wiedergegeben, jede Befürchtung geteilt, jede Geschichte erzählt. Ein fünfter Jahrestag so ganz ohne weitere Beiträge – aus meiner Sicht wäre das gar keine so schlechte Option gewesen.
Denn, und das übersehen wir gern: am Tag nach dem Jahrestag, wenn alles (schon wieder) gesagt, alles (erneut) kritisiert oder gelobt und die allgemeine Betroffenheit ein weiteres Mal kurz geweckt wurde, was bleibt denn dann? So leid es mir tut, die nüchterne Antwort lautete bisher stets: „Business as usual“!
Denn verändert, so selbstkritisch sollten wir schon sein, hat sich bisher nichts. Dieses jährliche Ritual - die tradierten Beiträge positiver Erinnerungskultur, die Hochglanzbroschüren voller vermeintlich bahnbrechender Erfolge der vergangenen Jahre, politische Redebeiträge, die uns versichern, „nicht zu vergessen“, dabei aber tunlichst nichtauf die Punkte eingehen, die man nur allzu gern vergessen möchte – dieses Ritual hat nicht einen einzigen der Kardinalfehler, keine der unverzeihlichen Sünden aus den ersten Wochen und Monaten nach der Katastrophe auch nur im Mindesten beeinflusst.
Immer noch stellen wir fest, dass der mangelnde Wille, das Ahrtal durch sonderrechtliche Möglichkeiten in die Position zu bringen, irgendetwas wirklich „schnell und unbürokratisch“ umzusetzen, dieses Versprechen zu einer glatten Lüge machte, die bis heute nachwirkt, wie Sie dieser Tage sicherlich an zahlreichen Stellen nachlesen können.
Immer noch (und, das immerhin ist neu: für immer!) bleibt der unbegreiflichen Anzahl von 135 umgekommenen Mitmenschen eine gerichtliche Aufarbeitung der Frage, ob politische Verantwortungslosigkeit ab einem gewissen Punkt strafbar sein kann, sein sollte, sein muss, versagt.
Und immer noch – fünf Jahre nach der Flut und vier Jahre, nachdem ich dies zum ersten Mal gefordert hatte – hat sich niemand vor die Menschen gestellt und klar, deutlich und kompromisslos gesagt: All das, was vor, während und nach der Flut hundsmiserabel gelaufen ist; das persönliche Versagen, die Inkompetenz, die erbärmlich schlechte Vorbereitung, die löchrige Krisenkommunikation, die erschreckend dilettantische,übergeordnete Einsatzbewältigung; all das tut mir unendlich leid. Wir haben als Staat versagt, und zwar so richtig. Und ich möchte mich bei den Menschen im Ahrtal aufrichtig dafür entschuldigen!
Wie gesagt, ich hasse Wiederholungen. Bei diesem einen Punkt lohnt es sich aber. Denn es gibt einen neuen Parameter, welcher der Forderung nach einer Entschuldigung ein weiteres und, was mich betrifft, ein letztes Mal ihren Sinn verleiht. Wir haben einen neuen Ministerpräsidenten!
Und ja, selbstverständlich wäre es an Malu Dreyer gewesen, diese Entschuldigung auszusprechen. Wenige hatten mehr Möglichkeiten, während ihrer Amtszeit auf all das einzuwirken, was die Lage an diesem Tag so verheerend und in den vergangenen 5 Jahren so sperrig, so schleppend machte. Doch Frau Dreyer duckte sich weg, vom Tag der Forderung an bis zu ihrer Verabschiedung vom Amt der Ministerpräsidentin. Ihr Nachfolger, Alexander Schweitzer, hatte (und hat) die nötige Größe als Mensch, um das Versäumnis seiner Vorgängerin nachzuholen. Doch auch er brachte es, als er im Amt war, nicht über sich. Und auch wenn man sich die Gründe ganz gut herleiten und vielleicht sogar verstehen kann: diese Chance hat er aus meiner Sicht dennoch vertan.
Doch nun haben wir einen Ministerpräsidenten, der einer anderen Partei entstammt. Der Partei, für deren früheren Landrat und seine zweifelhafte Rolle (was ich wirklich gern schreiben würde, wäre leider justiziabel) sich auch noch niemand entschuldigt hat; diesen Menschen selbst eingeschlossen. Einen Ministerpräsidenten, der keine Rücksicht darauf nehmen muss, dass eine Entschuldigung von der Opposition als „Schuldeingeständnis“ angesehen und politisch ausgeschlachtet würde - ein Argument, das ich im politischen Raum stets zu hören bekam, als es noch um die Forderung an Frau Dreyer ging. Einen Ministerpräsidenten schließlich, der als Oppositionsführer, aber auch in jüngeren Interviews keinen Zweifel daran gelassen hat, dass er diese Entschuldigung aussprechen würde bzw. möchte. Und, last but not least, einen Ministerpräsidenten, von dem alle, die ihn näher kennengelernt haben, dasselbe sagen: ein guter Mann, ein Mann mit Format, ein Mann mit Herz.
Man möge mir also verzeihen, dass mir – bei allem, was man zum wiederholten Male zum Jahrestag dieser schlimmsten aller Katastrophen hätte schreiben können – nur diese eine Wiederholung wichtig ist.
Andy Neumann. Foto: privat