Schweigegang in Rheinbach zu den Novemberpogromen 1938
80 Jahre nach der „Reichskristallnacht“
Protest gegen alle Gewalt zu allen Zeiten
Rheinbach. Das Gedenken wird mit einem Gottesdienst um 17 Uhr in der Gnadenkirche. Anschließend findet dort der Schweigegang durch die Rheinbacher Innenstadt mit Stationen des Gedenkens statt. Das Gedenken gilt Juden, aber auch Sinti und Roma, politisch Andersdenkenden, geistig und körperlich Behinderten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas und anderen, die systematisch verfolgt, interniert und ermordet wurden. Der erste Schweigegang ist aus den Protesten gegen den zweiten Golf- = ersten Irakkrieg entstanden. Als geeigneten Tag haben wir der 9. November der Tag der Reichspogromnacht gewählt. Es wird statt „Reichspogromnacht“ der Begriff der Nazis „Reichskristallnacht“ verwendet, um an die perfide Sprache des faschistischen Systems zu erinnern, dem sich Deutschland verschrieben hatte. Das Gedenken an den 9. November 1938 war von vornherein selbstverständlicher Teil des Schweigeganges, seine wesentliche Intention aber der Protest gegen alle Gewalt zu allen Zeiten, überall. Insbesondere der Protest gegen die jeweils akute Gewalt, egal wo sie aus welchem Grunde immer stattfindet – zum Zeitpunkt des ersten Schweigeganges, sprich die Gewalt, die vom Zweiten Golfkrieg ausging. Priorität sollte stets der Protest gegen eine Gewalt haben, je näher und stärker wir als Deutsche, Europäer oder Bewohner von Demokratien Teil der Ursache sind. Begeben wir uns nahe an die Schuld der Deutschen, so ist der Holocaust, den die Juden als Shoa, „die Katastrophe“ und die Sinti und Roma als Porajmos, „das Verschlingen“ bezeichnen, die größte denkbare Schuld. Juden, Sinti und Roma, politisch andersdenkende, geistig und körperlich Behinderte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas wollte man in ihrer Existenz vernichten. In der Vergangenheit haben wir die nichtjüdischen Opfer des Holocaust stets erwähnt, aber in ihrem Leiden nicht ausdrücklich gewürdigt. Deshalb ist es wünschenswert, sich in diesem Jahr stärker mit dem Schicksal der Sinti und Roma befassen. Im nächsten Jahr vielleicht mit der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, der Euthanasie, danach mit den politisch Verfolgten, die Homosexuellen, Zeugen Jehovas oder in anderer Reihenfolge – jedenfalls mit einem Schwerpunkt.
Sinti und Roma
Sinti und Roma stammen ursprünglich wohl aus dem Dreieck im Norden Indiens, Pakistans und Afghanistans. Diesen Raum verlassen sie vor etwa 1200 Jahren. Vorurteile ihnen gegenüber gehören zu ihrem Sein. Bis auf kurze Unterbrechungen ist ihre Geschichte gekennzeichnet von Diskriminierung, Verfolgung, Ermordung. Nach ihrer Ankunft in Europa zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert waren sie zunächst geduldet, wurden aber schon bald auf Betreiben der Stände und Zünfte als Konkurrenten ausgegrenzt, verfolgt, vertrieben und getötet. Wie die Juden waren sie Sündenböcken der Gesellschaft. So wie es den Antisemitismus seit Jahrhunderten in Europa gab und gibt, so gab und gibt es den Antiziganismus. Antiziganismus und Antisemitismus wurden stets von der Mitte der Gesellschaft getragen und gipfelten im deutschen Nazireich. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert wurden Sinti und Roma von „Amtswegen“ verfolgt. Dazu wurde um die Jahrhundertwende das „ bayerische Amt für Zigeunerangelegenheiten“ in München gegründet. Es war Vorbild für die „ Zentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ in der Weimarer Republik, die zur „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ gegründet wurde - später hat sich das BKA der Bundesrepublik den Begriff zu eigen gemacht. Von 1933 bis 1945 gingen Sinti und Roma durch die gleiche Hölle wie die andern Verfolgten inklusive der medizinischen Versuche in denen sie gezwungen wurden, Giftgas zu atmen. Sie wurden mit Krankheitserregern „geimpft“ und ohne Narkose operiert. Ärzte selbst suchten das „Versuchsmaterial“ aus und wurden dabei von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert.
Sinti und Roma wurden wie die Juden aus wahnhaft rassischen Vorstellungen in den Nürnberger Gesetzen in ihrem Menschsein herabgesetzt, eingestuft in die Fallgruppen der „Berufsverbrecher“, „Gewohnheitsverbrecher“, „Gemeingefährlichen“ und „Gemeinschädlichen“ unter „Asoziale, Prostituierte und Zigeuner“. Seit 1937 wurden Sinti und Roma in mindestens zehn über Deutschland verteilten „Zigeunerlagern“ interniert. Später kamen sie in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Mauthausen in Österreich. Letzte Stadion derer, die bis dahin Auspeitschungen und Folter überlebt hatten war das KZ Auschwitz-Birkenau, wo sie nahezu vollständig ermordet wurden. Auch die Sinti und Roma wurden wie die Juden aus allen besetzen Gebieten Europas wie Vieh in die Konzentrationslager gebracht. Wer nicht zur Arbeit „taugt“, wird gleich erschossen, erschlagen oder vergast. Während Hilfsmaßnahmen für überlebende Juden und die aus politischen und religiösen Gründen Verfolgten auf Drängen der Besatzungsmächte schon unmittelbar nach dem Krieg einsetzten und ab 1947 ihnen ihr geraubtes oder durch Zwangsverkäufe verlorenes Vermögen nach und nach zurückgezahlt wurde, erwirkte der Zentralrat der Sinti und Roma erst nach 1982 – nach fast 40 Jahren – eine Änderung der Wiedergutmachungspraxis, die bis dahin immer noch diskriminierend verlief. 1956 kommt der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil zu der Entscheidung, alle „staatlichen Verfolgungsmaßnahmen vor 1943 seien legitim gewesen, weil sie von „Zigeunern“ durch „eigene Asozialität, Kriminalität und Wandertrieb“ selbst veranlasst gewesen seien“. Wir sind verantwortlich, aber nicht Schuld an dem, was unsere Eltern und Großeltern getan haben. Aktuell aber trägt jeder von uns Schuld am Leiden der Palästinenser.
Palästina
Mit der versuchten Vernichtung der jüdischen Kultur in Deutschland und der Notwendigkeit den Verbliebenen eine sichere Heimat zu geben wurde der Staat Israel in Palästina gegründet, womit wir Deutsche eine weitere Schuld auf uns geladen haben und die dadurch immer noch mehr wird, dass die UNO nicht einen Teil des Verbrecherlandes dafür genutzt hat, sondern denen die Heimat genommen hat, die keinerlei Schuld am Holocaust tragen. In der Resolution der UN-Generalversammlung vom 29. November 1947 sollte Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat geteilt werden. Der jüdische ist entstanden und hat es mit aller Gewalt erfolgreich verhindert, dass ein Palästinensischer Staat einsteht. Die Eroberung und Kolonisierung der Westbank ist mit brutaler Gewalt des militärischen Israel soweit fortgeschritten, dass es diesen zweiten Staat nie geben wird. Träumen doch die jüdischen Siedler im gewaltsam eroberten Gebiet von der völligen Auslöschung palästinensischen Lebens dort und schwafeln von einem Judenstaat von Euphrat bis zum Roten Meer. Das sei das Land, das Gott Abraham und seinen Nachkommen zugesprochen haben soll. Israel begeht täglich Landraub. Aktuelles Beispiel: Das palästinensische Beduinendorf Khan al-Ahmar an einer strategisch bedeutsamen Stelle im Westjordanland will Israel räumen. Benjamin Netanjahu nannte die Kanzlerin eine „wahre Freundin Israels und eine wahre Vorkämpferin für den Frieden“. Welchen Frieden oder meinte er Stille? Die Grabesstille über dem Land der Palästinenser?
Peter Schürkes
und Willi Oberheiden
