Temporeiche Musical Revue in der Rheinbacher Stadthalle
99 Luftballons entführten in die knallbunten Achtzigerjahre
Rheinbach.Kostüme in knallbunten Bonbonfarben, der magische Rubic-Würfel, die unvermeidliche Discokugel sowie eine wohlbekannte Einbauküche mit Pril-Aufklebeblumen dominierten das Bühnenbild. So sahen also die achtziger Jahre aus! Wer erinnert sich nicht mit einer morbiden Mischung aus Fremdscham und wohligem Schauer an diese Ära, in der die Welt einerseits politisch stehenzubleiben schien und andererseits eine Vielzahl von neuen Trends und Stilrichtungen in der modernen Pop-Kultur entstanden. Diese Jahre der Schulterpolster, Karottenjeans und Bundfaltenhosen ließ die „Familie Malente“ aus dem Ensemble des Kleinen Theaters Bad Godesberg jetzt in einer nachsichtigen Version bei ihrer Musical-Revue „99 Luftballons“ im Stadttheater Rheinbach wieder aufleben.
Die Elterngeneration steckte gedanklich zwischen Nachkriegsdeutschland und aufmüpfigen Rock’n’Roll fest und brachte die damaligen Jugendlichen mit ihrer empfundenen Rückständigkeit schier zur Verzweiflung. Der Familienurlaub in Bad Reichenhall und anderen „Orten des Grauens“ hätte man sich am liebsten gespart und wäre stattdessen mit dem Interrail-Ticket als Symbol unendlicher Freiheit aufs Geratewohl durch ganz Europa gekurvt. Doch dafür gab es natürlich keine Erlaubnis vom gestrengen Vater. Das einzig Tröstliche: Den anderen Jungs und Mädchen aus der Clique ging es haargenau so.
Druck auf den Rückspulknopf
Die vier Schauspieler drückten den Rückspulknopf ihres „Video 2000“-Videorecorders und versetzten die Zuschauer in der Zeit der neonbunten Farben und der Musik der „Neuen Deutschen Welle“. Immer wieder schlüpften sie in neue Rollen und ließen so die Belegschaft der Lindenstraße und der Schwarzwaldklinik, aber auch die Familienclans aus Dallas und Denver wieder auferstehen. Da wurde wieder in die Hände gespuckt und fleißig gewerkelt am Bruttosozialprodukt. Und das dabei verdiente Geld konnte man dann mit der Telefonrechnung locker wieder loswerden, vor allem dann, wenn E.T. im Kühlschrank saß und „nach Hause telefonieren“ musste. So klatschten die Zuschauer fröhlich mit zu den Hits von Nena, Modern Talking, Geier Sturzflug und Madonna und klopften sich spontan vor Lachen auf die Schenkel, wenn sie sich selbst oder einen einstigen Leidensgenossen in den gut und schnell gespielten Sketchen auf der Bühne wiedererkannten. Wer kennt nicht eine alles überwachende Mama, den mit dem Büro verheirateten Vater oder die lustmolchige Hausmeisterin in Kittelschürze auf Studentenfang?Gut erkannt auch, dass die Fernsehwerbung das damalige Lebensgefühl durchaus mitgeprägt hat und bisweilen noch bis heute nachwirkt. Ohne Berührungsängste griffen Peter und Vico Malente (alias Knut Vanmarcke und Dirk Voßberg) ebenso wie Nicole Seeger und Anne Reuter diese Flimmerkisten-Prägung auf nonchalante Art auf und riefen so manches längst vergessene Produkt wieder in Erinnerung. Ein rundum gelungener Spaß mit unbeschreiblichen Frisuren, schrägen Kostümen und jede Menge Musik vom Schlager über Pop bis zum Punk.
