„Trauma-Hilfe-Zentrum im Ahrtal“ zog über sechs Monate nach der Gründung eine erste Bilanz
Ahrtal: Mehr als 4.000 Menschen von traumatischen Störungen betroffen
Schon jetzt über 1.000 Beratungen und Unterstützungen durch das THZ
Lantershofen/Ahrtal. Dramatische Ereignisse wie die Flutkatastrophe des vergangenen Jahres hinterlassen in der Regel nicht nur Tote, Verletzte und enorme Sachschäden, sondern bei vielen Betroffenen auch zum Teil schwerwiegende, psychische Erkrankungen und Traumatisierungen. Um hier entsprechend professionell entgegenzuwirken, wurde im Dezember 2021 das „Trauma-Hilfe-Zentrum im Ahrtal“ (THZ) unter Leitung der Dr. von Ehrenwallschen Klinik in Kooperation mit der DRK-Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie ins Leben gerufen (BLICK aktuell berichtete). Jetzt, mehr als sechs Monate später und ein Jahr nach der Flutkatstrophe, zogen die THZ-Verantwortlichen ein erstes Fazit.
Sehr große Nachfrage
Fest steht: der Behandlungs- und Beratungsbedarf ist derart hoch, dass das Trauma-Hilfe-Zentrum fast „nur“ der berühmte Tropfen auf den heißen Stein ist. „Es wurden bereits jetzt mehr als 1.000 Menschen beraten und unterstützt, die durchschnittliche Wartezeit beträgt derzeit rund vier Wochen - die Nachfrage ist sehr groß. Wir gehen davon aus, dass im Ahrtal etwa 4.000 Menschen durch die Flut unter posttraumatischen Störungen leiden“, betonte Dr. Christoph Smolenski, Geschäftsführer der Dr. von Ehrenwallschen Klinik, in seinem Grußwort. Diese und viele weitere Fakten konnte Chefärztin Dr. Katharina Scharping, die gemeinsam mit weiteren Ärztinnen, Psychologinnen, Pflegekräften und Soziotherapeut*Innen das THZ leitet, in ihrem anschließenden Vortrag bestätigen.
Das THZ mit Lotsenfunktion im medizinischen Bereich
„Es war schnell klar, dass wir ein niederschwelliges Angebot für alle Altersklassen brauchen - ambulant im THZ, aber auch aufsuchend, für Betroffene und Helfer. Dabei war der Andrang von Tag eins an sehr hoch. Wir verzeichneten durchgängig von der Flutkatastrophe schwer betroffene Bürger/innen mit mindestens psychotherapeutisch, manchmal auch psychopharmakologisch behandlungsbedürftiger Symptomatik. Dabei kam es wiederholt zu stationären oder teilstationären Behandlungen sowie zu einer Zunahme komorbider Suchterkrankungen und suizidaler Krisen mit notwendiger Klinikeinweisung“, so Dr. Katharina Scharping, die auch die Lotsenfunktion des THZ im medizinischen Bereich mit Anfragen von Betroffenen und Hausärzten, die nach einer Facharztanbindung oder einer Medikamentenempfehlung fragen, hervorhob. Oftmals, so Scharping, würden fünf Beratungen im THZ nicht ausreichen, der Bedarf an wohnortnahen Therapieplätzen sei hoch und leider nicht ausreichend gedeckt. Fast immer sei eine Vermittlung in weiterführende Behandlung erforderlich.
Helfen als Sucht
Ein weiteres, sich immer mehr potenzierendes Einsatzspektrum sind psychisch erkrankte und traumatisierte Fluthelfer. „Die Helferszene verändert sich ständig, es kommt zu primärer und sekundärer Traumatisierung, zu Burn Out mit depressiven Symptomen, zu eskalierenden Konflikten zwischen ‚Opfern und Helfern‘ sowie zwischen verschiedenen Helfergruppen - bis hin zu Morddrohungen und Mobbing in sozialen Netzwerken“, so Dr. Scharping. Auch das Thema „Helfen als Sucht“ sei bei manchen Helfenden zu beobachten. Das im THZ zur Verfügung stehende, kostenlose Angebot für Betroffene ist vielseitig und Patienten-orientiert und reicht von speziellen Angeboten für Kindergärten über Selbstschutz, Stressbewältigung, supervisorische Begleitung, Gruppenagebote, Vermittlung von Informationen, Qi Gong, Fortbildungen, und Gruppenangeboten für Helfer bis hin zur Erhebung des individuellen Therapiebedarfs. „Unser Dank gilt der Bevölkerung für das entgegengebrachte Vertrauen. Oft kann man mit ‚wenig‘ viel bewirken“, so Dr. Katharina Scharping abschließend.
Weitere Informationen zum Trauma-Hilfe-Zentrum im Ahrtal, das in den Räumlichkeiten des „Studienhaus St. Lambert“ in Lantershofen untergebracht ist, finden sich auch online unter www.thz-ahrtal.de.
