Allgemeine Berichte | 10.05.2017

Künstler Willi Reiche aus Wachtberg eröffnete für seine faszinierenden beweglichen Objekte ein neues Domizil

Alles dreht sich: Kunstmaschinenhalle „Auf Plattborn“ wurde eingerichtet

Kurios: die Kunstmaschine „Spy ‚n‘ Spy“.HG

Remagen/Wachtberg. „Auf Plattborn“ ging es sehr dynamisch zu. Mit dem so bezeichneten Flurstück oberhalb der Remagener Rheinhänge verbinden viele Menschen die Straußenfarm. Die älteren unter den Zeitgenossen denken zumeist an Heinz Erven, Pionier des biologischen Landbaus, der dort auf einem großen Gelände sein „Paradies“ gestaltete, das bis heute fortgeführt wird. Aufs Hochplateau ist nun mit Kunst ein neuer Anziehungspunkt hinzugekommen. Doch zur „Kunstmaschinenhalle“, die sie beherbergt, zog es am Eröffnungstag nicht nur die Besucher. Die Objekte selbst, die es zu bestaunen galt, waren ebenfalls in Bewegung.

Schon neben der Halle sahen die Gäste an einem geschwungenen Metall-Körper seitlich, Ärmchen gleich, schlanke Rohre sich vorschieben und Wasser in eine Wanne spritzen. Das „Seepferdchen“ in Aktion ist anrührend und grazil anzuschauen. Wie zum Kontrast rotieren benachbart übereck mächtige Räder und Zylinder in einem Rahmengestell. Sie tun es vor der Kulisse hängender Wasserschläuche, die dicht an dicht einen regelrechten Vorhang bilden. „Ganz große Bühne - kleiner Strahl“ nennt der Künstler Willi Reiche aus Wachtberg-Pech dieses Spektakel treffend.

Kreatives Recycling

Die beiden Apparaturen bilden zusammen mit rostbraunen Skulpturen aus Ackergeräten nur das Vorspiel zu weiteren 22 eindrucksvollen Konstruktionen, die er erdacht und gebaut hat. Sie unterzubringen, war eine Aufgabe für sich. Doch kann Reiche ihnen nun in seiner 230 Quadratmeter großen „Kunstmaschinenhalle“ ein Domizil bieten, in dem sie sich nicht ins Gehege kommen. Jeder Kunstmaschine steht der benötigte Raum zur Verfügung. Jede kommt in diesem geordnet wirkenden Schauraum zur Geltung, was die Eröffnungsgäste weidlich ausnutzten. Sie konnten sich nicht sattsehen, besonders, wenn die Kunst in Bewegung war.

Weit über 100 Interessierte folgten dem Ruf zur ehemaligen Lagerhalle aus Holz zwischen Obstbäumen. Volle Parkplätze und zahlreiche Autos am Straßenrand zeugten davon. Wer ankam, war augenblicklich gefesselt von den originellen kinetischen Objekten, hineingezogen in die Bewegung, absorbiert von Vielfalt und Material der verwendeten Elemente. Die stammen aus des Künstlers umfangreichen Materialfundus und führen dank seines kreativen Recyclings ein Weiterleben nach ihrer Pflichterfüllung in ganz anders gearteten Zusammenhängen.

Sie greifen innerhalb eines perfekten Mechanismus reibungslos ineinander, entweder angetrieben durch Muskelkraft oder durch Elektromotoren, die per Druck auf einen „Push-Button“ in Betrieb gesetzt werden. Dann kreiseln bei „Spy ‚n‘ Spy“ eine Zeit lang Leisten und hölzerne Hutformen mit Sonnenbrillen. „Weil Spione immer Sonnenbrillen tragen und sich die Schuhsohlen ablaufen?“, mag da der Betrachter in amüsiertes Grübeln kommen.

Unter dem Motto „Kick or Kiss“ fährt vor Federbüscheln ein weiblicher Schuh auf einen Männertreter zu, um ihn zu „küssen“. Eine sensenartige Schneide verhalf wohl der beweglichen Skulptur „Guillot“ zu ihrem Namen. 250 Zentimeter in der Breite und 275 Zentimeter in der Höhe messend gehört die imposante Maschine schon zu den größeren Exemplaren. Eine riesige Spülbürste, Räderwerk, eine Stoffdruckwalze und ein kleines Fass gehören dazu. Zuvorderst des Arrangements befindet sich ein Stück gusseisernes Gitter. Als eine Art Absperrung, die an die ehemals öffentlichen Hinrichtungen mit der Guillotine erinnert? Immer wieder werfen die absurden Maschinen durchaus ernste Fragen auf.

Faszinierende „Zeitmaschine“

Faszinierend auch die „Zeitmaschine“, in der sich ein Tankstutzen, Räder, Bohrer sowie Teile aus Druck- und Waschmaschinen bewegen. In einer Metallwanne schäumt einlaufendes Wasser, während links neben ihr ein Quirl aufrecht die Luft verwirbelt. Gegenüber aber lassen sich per Hand drei Zylinder der „Gebetsmühle“ drehen. Kaum, dass man derart multireligiös unterwegs ist, steht ein leicht anzügliches, leise stöhnendes „Blaskonzert“ an. Es verfügt zur Visualisierung und veritablen Winderzeugung über 13 Gebläse und zwei Ventilatoren samt aufgezogenen Söckchen.

Nicht minder staunt der Betrachter angesichts der superedlen Maschine „The Piano is Still Baking“, wenn sich deren silbern glänzende Großbäckerei-Rührquirle und Knethaken vor einem gusseisernen Klavier-Rahmen langsam um die eigene Achse drehen. Zudem frappieren etwa „Gequirlte Alge“ und ein von der Decke hängender „gestrandeter Saurier“. Mephistos verhaltenes Glühen aus einem aufgesetzten Vier-Zylinder-Auspuff lässt zudem ahnen, dass die Maschinerie des Bösen unaufhörlich weiter läuft.

Jahrgang 1954

Künstler Reiche, Jahrgang 1954, studierte in Bonn Kunstgeschichte, war Geschäftsführer der Grafischen Werkstatt in Wachtberg-Pech und hat nach einer Werkperiode künstlerischen Möbelbaus 1998 mit den Kunstmaschinen begonnen. Das technische Know-How und die handwerklichen Fertigkeiten hat er sich komplett selbst angeeignet. Seine Objekte erinnern unwillkürlich an die bewegten Skulpturen eines Jean Tinguely. Sie teilen das Schöne und Rätselhafte. Doch anders als Tinguely inszeniert Reiche nicht abgründig, sondern skurril, humorvoll und technisch perfekt.

Die Kunstmaschinenhalle öffnet nach Terminvereinbarung unter E-Mail info@willi-reiche.de und Telefon (02 28) 32 60 49. HG

Künstler Willi Reiche mit „Guillot“.

Künstler Willi Reiche mit „Guillot“. Foto: unknown

Elegantes Kreiseln: „The Piano is Still Baking“.

Elegantes Kreiseln: „The Piano is Still Baking“. Foto: unknown

Kurios: die Kunstmaschine „Spy ‚n‘ Spy“.Fotos: HG Foto: unknown

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