Zusammenschluss „Familie sayn“ muss Werkstatt schließen
Aus der Traum von „Bendorf Bicycle“
Bendorf. Als die Fahrradwerkstatt „Bendorf Bicycle“ im Mai 2015 ihre Pforten in der Bendorfer Rheinau öffnete, da war es wieder einmal der soziale, gute Gedanke, der vom Zusammenschluss „Familie sayn“ ausging. Menschen wurden um Fahrradspenden gebeten, diese Wünsche wurden mit über vierhundert gespendeten Fahrrädern für Groß und Klein aus dem ganzen Umkreis übertroffen. Wir konnten Bedürftige und Flüchtlinge „mobil machen“, freut sich die Initiatorin Dr. Ute Stuhlträger-Fatehpour.
Der gelernte KFZ-Schlosser Mike Strecker begleitete die Werkstatt mit seiner Frau Anja nun zweieinhalb Jahre im Ehrenamt. Eine Zeit, die Anfangs Mut brauchte, schlussendlich aber mit Vertrauen belohnt wurde.
Beide konnten dann den Besuchern in der Werkstatt neben einem Fahrrad auch wieder Mut geben, denn hier stand nicht nur der Wunsch nach einem Fahrrad im Raum, sondern auch der Wunsch, mit Menschen sprechen zu können, die ein offenes Ohr haben. Hafezz Ohaneis, syrischer Flüchtling, hat über Monate hier „mit angepackt“, aber auch gerne immer wieder Übersetzungshilfe geleistet und sich mit Hilfe aufgeschriebener Wörter die deutsche Sprache besser gelernt. Auch Philipp Hahn hat seit April diesen Jahres ein freiwilliges Praktikum in der Ehrenamts-Werktstatt gemacht, ebenso ein afghanischer junger Mann der Realschule plus, der hier sein Berufspraktikum ableistete. Aus Weitersburg war Kurt Thomanek gern gesehener Gast, der dort Bedürftige mit Rädern unterstützt hat, aber auch gerne sein Wissen in Bendorf vertiefen konnte.
Hier wurde also nicht nur repariert, hier wurde auch „gemenschelt“, hier wurden Sorgen und Nöte Ernst genommen und in einem großen Netzwerk versucht, wichtige Kontakte herzustellen. „Das ist sicher oftmals unterschätzt worden“, meinen Anja und Mike Strecker, die es sehr bedauern, dass die Einrichtung aufgrund veränderter Brandschutzbedingungen – auch nach dem Umzug in eine Halle an der Koblenz-Olper-Straße – nun leider geschlossen werden muss. „Für uns als Zusammenschluss wäre das Modell aufgrund hoher anstehender Kosten nicht finanzierbar gewesen“, so Dr. Ute Stuhlträger-Fatehpour, die von diesem Projekt bis zuletzt entflammt war und sich gewünscht hätte, dass das kleine aufkeimende Pflänzchen - aus dem inzwischen eine standhafte Pflanze geworden ist - in professionelle Hände hätte übergeben und weiter etabliert werden können.
Ob offiziellen Stellen und Einrichtungen der Mut gefehlt hat? Kaum einschätzbar. Klar ist, dass die Bendorfer Fahrradwerkstatt ohne Unterstützer wie Andreas Normann, der an beiden Standorten der Werkstatt die Räumlichkeiten als Hilfe kostenfrei bereit stellte, gar nicht hätte entstehen können. „Mit deutlich über dreihundert Räder haben wir inzwischen Bendorfer erfreuen können“, so Dr. Ute Stuhlträger-Fatehpour. Angeschoben wurde das Projekt anfangs aus dem Flüchtlingsfond des Bistums Trier, in den letzten zwei Jahren wurden die Kosten dann aber durch „Familie sayn“ getragen.
Auch die Initiative Paul e.V. aus Höhr-Grenzhausen hat tatkräftig unterstützt, ebenso das Jobcenter mit Jessica Bühler und Oliver Michels als Leiter des Amtes für Soziales der Stadt Bendorf.
„Schön zu sehen und zu erleben, dass das soziale Netzwerk innerhalb von Bendorf funktioniert“, freut sie sich und erinnert sich an ein gemeinsames Malprojekt des Wilhelm-Remy-Gymnasiums und der Realschule plus Bendorf. Beide Schulen haben hier erstmals zusammen gewirkt, daraus ist auch eine Hausaufgabenhilfe hervor gegangen.
„Was geschieht nun mit den restlichen Rädern?“. Bis zum Schluss Ende Oktober ist Mike Strecker bemüht, weitere Räder an Menschen auf de Warteliste zu vermitteln. „Leider werden wir aber nicht mehr alle Wartenden berücksichtigen können“.
Die Fahrradwerkstatt der Initiative „Carmen“ hat bereits Fahrräder abgeholt, auch eine befreundete Fahrradwerkstatt aus Borken in Nordrhein-Westfalen wird Werkzeug und Ersatzteile erhalten. „Wir hoffen, dass der positiv begonnene Gedanke in der Region weiter getragen wird; schade, dass es hier in Bendorf keine Motivation gab, die Werkstatt professionell weiter zu führen“.
Es war für die Betreiber und Aktiven eine unvergesslich schöne – wenn auch nicht immer leichte – Zeit. Ob Verkehrserziehung mit Polizei und Fahrschulen, ob gemütlicher Kaffee-Plausch, ob Netzwerk oder strahlende Kinder- und Erwachsenenaugen beim Abholen der Räder, alles berührt die Aktiven spürbar beim Abschiedsbesuch. „Wir denken gerne zurück, dass die Menschen sogar neue Ersatzteile gekauft und uns vorbei gebracht haben, dass sie uns mit Geschichten oder Verpflegung überrascht haben. Es war eine tolle Zeit“.
-PS-