Allgemeine Berichte | 14.03.2017

Eröffnung der Koblenzer Literaturtag „ganzOhr“

Autor eroberte die Herzen im Sturm

Benedict Wells las aus seinem Debüt „Becks letzter Sommer“, dem Gegenstand von „Koblenz liest ein Buck“

Umlagert waren nach der begeisternden Lesung die Verkaufs- und Signiertische.  BSB

Koblenz. Ab dem 1. April heißt es erstmalig „Koblenz liest ein Buch“. Dieses Buch trägt den Titel „Becks letzter Sommer“, ein Roman des 1984 in München geborenen Bestsellerautors Benedict Wells. Die Idee zu einem Projekt dieser Art ist nicht neu. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts wird es als US-Import in verschiedenen Städten Europas realisiert, um die Freude am Lesen zu fördern und die Menschen stärker für Literatur zu begeistern. Das in Koblenz frisch aus der Taufe gehobene und bis zum 30. Juni laufende Literaturerlebnis ist einer Reihe kreativer Köpfe aus dem Kultur- und Schulverwaltungsamt der Stadt Koblenz, der Buchhandlung Reuffel, der Stadtbibliothek und vielen unterstützenden Partnern zu verdanken. Dr. Margit Theis-Scholz, Kulturdezernentin der Stadt Koblenz, stellte das Projekt bei der jetzt erfolgten Eröffnung der zehnten Koblenzer Literaturtage „ganzOhr“ im Theater Koblenz vor. Die das Literaturfestival traditionell eröffnende Matinee bot mehr als vierhundert Gästen schon vor Projektstart die Gelegenheit, in „Becks letzter Sommer“ hineinzuschnuppern.

Um aus seinem 2008 veröffentlichten und 2015 verfilmten Debütroman zu lesen, war Benedict Wells nach Koblenz gekommen. Mitgebracht hatte er seinen Freund, den Gitarristen und Sänger Jacob Brass. Er füllte die Lesepausen mit balladenhaften eigenen und Coversongs. Theaterintendant Markus Dietze hate nicht zu viel versprochen, als er Wells dem Publikum als „jungen, entspannten Autor“ ankündigte. Mit seinem natürlichen und erfrischenden Auftreten gewinnt der Schriftsteller schnell alle Sympathien. Das weich rollende „R“ und ein im Lesestoff immer wieder vorkommendes „Jessas“ legen seine Heimatwurzeln sofort und unüberhörbar frei. In den Dialogen allerdings gibt er jedem seiner Helden eine eigene Stimme. Den Roman, in dem Musik und Liebe die Hauptrollen spielen, hat Wells, wie er erklärt, aufgebaut wie eine Schallplatte – mit einer A- und einer B-Seite, insgesamt sieben „Tracks“, wie Wells die Kapitel nennt, die er mit Bob Dylan-Songs betitelt.

Stillstand in der Lebensmitte

Mit Track Nummer 1, „Things have changed“, beginnt er die Lesung und stellt seinen Protagonisten, den 37-jährigen Robert Beck vor. Der hält, offensichtlich im Gegensatz zu seinem Erfinder, so gar nichts von Bob Dylan. Er arbeitet als Deutsch- und Musiklehrer an einem Gymnasium und hadert gleichermaßen mit dem Alter wie dem Stillstand in seinem Leben. Früher war er jugendlich, dynamisch und Leadsänger einer Band, jetzt ist er gelangweilt von seinem Beruf, ist dick geworden und denkt über Yoga und gesunde Ernährung nach. Frischer Wind in Becks Leben kommt, als er seinen 17-jährigen litauischen Schüler, „das komische Kind“ Rauli Kantas, einen Song auf seiner eigenen, sündhaft teuren E-Gitarre spielen lässt und dabei dessen außerordentliches Talent erkennt. Ein Tütchen Haschisch fällt aus dem Parka des Jungen. Beck, jetzt „bekifft“, sieht die Chance, seinem Leben eine Wende zu geben, indem er für Rauli Lieder schreibt und ihn managt. Für echten Schwung sorgt die sich plötzlich entwickelnde Liebesbeziehung zu Kellnerin Lara. Die „Elfenfrau“ verwandelt Beck, der „vor hundert Millionen Jahren mal großen Erfolg bei Frauen hatte“, gefühltermaßen zurück in einen Jugendlichen.

Autor zeigt auch Selbstkritik

Die Sicht auf die Dinge entspringt deutlich der Jugend des Schriftstellers. Er weiß das, und er steht dazu: „Ich habe das geschrieben, als ich 21 war.“ Damit entschuldigt er eine Textstelle, in der er Beck die knapp über 50-jährige Freundin eines Kollegen beschreiben lässt: „Ihre Falten im Gesicht waren so tief, als hätte man mit einem Messer lange Striche in Ton geritzt.“ Sein Schreibstil macht einen lockeren und gut verdaulichen Eindruck. An vielen Stellen sind seine Formulierungen derart erheiternd, dass das lachende Publikum mit Zwischenapplaus reagierte. Mit philosophisch gefärbten Einsprenklern, Floskeln wie „die Welt ist für die Mutigen gemacht“, will Wells seiner Geschichte offensichtlich mehr Tiefgang geben. Einen Tiefgang, den sie eigentlich schon durch die spannend und vielschichtig geformten Figuren erfährt. Geradezu mystisch erscheint die eher flüchtige Begegnung mit einem älteren Mann mit Hut und rauchiger Stimme – ist das womöglich der verpönte Bob Dylan? Dieser Typ gibt Beck jetzt auch noch Ratschläge fürs Leben. Alles nur geträumt? Eine weitere Verrücktheit ist Wells Erfindung des an Hypochondrie leidenden Schlagzeugers Charlie, eines alten Bandkollegen und Becks einzigem Freund. Das große Abenteuer erlebt Beck, als er mit Charlie und Rauli einen Roadtrip nach Istanbul unternimmt, auf den Vorleser Wells nur einen kleinen Vorgeschmack lieferte. Schließlich soll der Zuhörer ja neugierig bleiben. Die melancholische Würze erfährt Wells Geschichte mit der Trennung von Lara, der Entlassung seiner Schüler in eine Welt, die ihre Träume „nach und nach zurechtstutzen wird“, und vor allem mit Becks Erinnerungen an den verstorbenen Vater. In seinen Augen ein langweiliger und emotionsloser Mensch. Wie um ihn zu verstehen, durchläuft Beck im Traum in der Figur des Vaters dessen Leben im Schnelldurchgang.

Musik verstärkte die Stimmung

Die sanften Lieder des Saiten-Poeten Brass passten gut zur Stimmung. Wenn er John Lennons „Jealous Guy“ singt und pfeift, ist er in der Klarheit der Töne erstaunlich nah am Original. Eines der berührendsten Stücke ist das von Brass selbst komponierte „Rodeo“. Gitarre pur, Romantik pur, Stimme pur – glücklicher Herzschmerz pur. Irgendwann Lieder hielt es Wells nicht länger auf dem Stuhl. So lange und fasziniert hatte er das Theater und das große Publikum darin angesehen - „Wahnsinn!“, meint er und denkt vielleicht: „Jessas!“ Schnell hielt er den Anblick mit der Kamera sicherheitshalber fest.

Der am Ende der Lesung im Stehen dargebotenen Applaus des Publikums zeigte: Wells hatte die Koblenzer Herzen im Sturm genommen. Entsprechend war der Andrang, den das Musiker-Schriftsteller-Duo danach erlebte. Jeder wollte die beiden sehen und sprechen, sich Musik-CDs und Bücher signieren lassen. Die Freude, mit der die Künstler ihre Zeit für ihre neu gewonnen Freunde hingaben, stand ihnen klar ins Gesicht geschrieben. BSB

Kaum ein Zuhörer, der sich nicht sein persönliches „Beck“-Exemplar vom Autor signieren lassen wollte.

Kaum ein Zuhörer, der sich nicht sein persönliches „Beck“-Exemplar vom Autor signieren lassen wollte.

Kulturdezernentin Dr. Margit Theis-Scholz stellte das Projekt „Koblenz liest ein Buch“ dem Publikum vor.

Kulturdezernentin Dr. Margit Theis-Scholz stellte das Projekt „Koblenz liest ein Buch“ dem Publikum vor.

Theaterintendant Markus Dietze (von links) als Hausherr übernahm es, Benedict Wells und Jacob Brass dem Koblenzer Publikum vorzustellen.

Theaterintendant Markus Dietze (von links) als Hausherr übernahm es, Benedict Wells und Jacob Brass dem Koblenzer Publikum vorzustellen.

Umlagert waren nach der begeisternden Lesung die Verkaufs- und Signiertische. Fotos: BSB

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