Ein starkes Erdbeben erschüttert den Himalaya - Nepal ist auf Hilfe und Spenden angewiesen
Beben am Dach der Welt
Kathmandu. „Die Katastrophe ist viel schlimmer, als man sie in den Medien darstellen kann.“ Bewegende Worte, die der südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner gefunden hat. Durch seine zahlreichen Himalaya-Expeditionen kennt er Nepal, die Mentalität der Menschen, die dort leben, und die Infrastruktur des Landes wie kaum ein anderer. Die Katastrophe, von der er spricht, ist ein verheerendes Erdbeben, dass das Dach der Welt am vergangenen Samstag erschütterte.
Das Epizentrum des Bebens in der Himalaya-Region, das mit einer Stärke von 7,8 zuschlug, lag etwa 80 Kilometer nordwestlich der nepalesischen Landeshauptstadt Kathmandu im Bezirk Gorkha und traf damit das am dichtesten besiedelte Gebiet Nepals. Nach UN-Angaben leben dort 6,6 Millionen Menschen. Diesem gewaltigen Beben folgten viele Nachbeben, die zum Teil ebenfalls sehr heftig waren. Nun sind Erdbeben im Himalaya nicht selten, da hier die Indische Platte von Süden gegen die Eurasische Platte mit Afghanistan und Tibet im Norden drückt. An der Nahtstelle von Pakistan über Nepal bis nach Myanmar bebt häufig die Erde - so verehrend wie am vergangenen Wochenende aber seit über 80 Jahren nicht mehr.
Verehrende Zerstörung
Das ganze Ausmaß der Zerstörung ist noch immer nicht abzusehen, da viele Bergdörfer ohnehin sehr abgelegen liegen und auch unter optimalen Bedingungen nur mit tagelangen Fußmärschen erreichbar sind. Denn Nepal - das ist gleichermaßen Fluch wie Segen dieses wunderschönen, bizarren Landes - befindet sich nach westlichen Infrastruktur-Standards noch im Mittelalter.
Die Zahl der Opfer nimmt seit Samstag stündlich zu. Ging man in ersten Meldungen von 450-500 Toten aus, waren es Anfang der Woche bereits über Tausend. Bei Redaktionsschluss überschritt die Zahl der Erdbebentoten die 5.000. Der für den Katastrophenschutz zuständige Abteilungsleiter im Innenministerium, Rameshwor Dangal, meldete allein für Nepal über 5.050 Opfer, hinzukommen mehr als 70 weitere Tote im benachbarten Indien und über 20 aus dem chinesischen Tibet. Über 10.000 Menschen sind verletzt, doch weil die Krankenhäuser heillos überfüllt sind, müssen viele Verletzte auf der Straße versorgt werden. Ärzte und Pfleger arbeiten rund um die Uhr und die Regierung hat die Überlebenden zu Blutspenden aufgerufen.
Hilfe für Überlebende
Langsam beruhigt sich die Erde rund um die höchsten Gipfel der Erde. Nun heißt es, sich um die Überlebenden dieser schrecklichen Naturkatastrophe zu kümmern. Wer kann, gräbt mit bloßen Händen in den Trümmern nach Familienangehörigen und Freuden. Eine verzweifelte Aktion. Denn die Schuttberge sind gewaltig und die Chancen, noch Lebende unter den Steinmassen zu finden, werden von Stunde zu Stunde geringer. Andere kümmern sich um die Verbrennung der Toten, was hinduistisch-rituelle Hintergründe hat, aber auch Epidemien und Seuchen verhindern soll. Aus Angst vor einstürzenden Gebäuden trauen sich viele Menschen nicht in ihre Häuser zurück, sodass zahlreiche Parks und öffentliche Plätze in Kathmandu Zeltstädten gleichen, in denen Hunderttausende schlafen - auch bei strömendem Regen und unter freiem Himmel.
Kulturdenkmäler in Schutt und Asche
Und als wäre die humanitäre Situation nicht schon schlimm genug, haben die Erdstöße auch das historische Zentrum Kathmandus und andere Bauwerke und Pilgerstätten zerstört, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen und die kulturell wie wirtschaftlich von unschätzbarem Wert waren. Im Tal von Kathmandu befinden sich innerhalb nur weniger Kilometer sieben Weltkulturdenkmäler: vier kunstvoll gebaute Tempel und drei Paläste, die einst von Königsfamilien bewohnt wurden und die sich auf dem Durbar-Platz in Kathmandu, wo nahezu nichts mehr steht, auf dem Durbar-Platz in Bhaktapur und dem Durbar-Platz in Patan befinden. Auch andere Sehenswürdigkeiten liegen in Schutt und Asche, so der 61 Meter hohe, neunstöckige Dharahara-Turm, der durch das Erdbeben in sich zusammenfiel und von dem nun nur noch ein wenige Meter hohes Gerüst übrig geblieben ist.
Dies alles wieder aufzubauen, Straßen und Häuser zu errichten, zum Alltag zurückzukehren und eine funktionierende Infrastruktur zu etablieren - dies alles kann Nepal unmöglich alleine schaffen. Schon wenige Tage nach dem Erdbeben wurde klar, dass die Regierung des Landes mit der Situation hoffnungslos überfordert ist. Denn Nepal ist ein bitterarmes Land, das selber nur über sechs Hubschrauber verfügt. Und so bat Premierminister Sushil Koirala das Ausland denn auch dringend um Unterstützung.
Internationale Hilfe
Mittlerweile kommen Hilfsgüter aus aller Welt in Nepal an. Das Nachbarland Indien schickte 16 Helikopter. Auch Deutsche Hilfsorganisationen wie das THW, das Deutsche Rote Kreuz oder I.S.A.R. Germany haben Material, Menschen und Suchhunde in den Himalaya geschickt. Das alles wird dringend benötigt. Allein in Kathmandu fehlt es an Strom, an Benzin, an Wasser und an Essen. In die entlegeneren Gebiete im Gebirge kommen die Retter nur sehr schwer voran. Die Hilfsorganisationen berichten, dass Erdrutsche und armbreite Risse viele Straßen des unpassierbar machen, und einzelne Flugzeuge mit Hilfsgütern mussten sogar wieder umkehren, weil der einzige internationale Flughafen Nepals komplett überlastet war.
Alle helfen. Die Mobilfunkkonzerne die Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica O2 bieten ihren Kunden im Erdbebengebiet die kostenfreie Nutzung von Telefon und Internet an. Auch Angehörige von Nepal-Reisenden und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vor Ort könnten die Dienste kostenfrei nutzen, wie Sprecher der Unternehmen mitteilten. Anfallende Kosten würden entweder im Nachhinein erstattet oder erst gar nicht in Rechnung gestellt. Auch die Deutsche Post DHL entsandte ein Nothilfeteam, um mit logistischem Know-how die Koordination der humanitären Hilfsmaßnahmen in Kathmandu zu unterstützen.
„Die Lage ist unvorstellbar schlimm“, sagte Bergsteigerlegende Reinhold Messner in einem ZDF-Interview. „Wir alle haben eine Verantwortung für dieses Land und ich werde heute noch überweisen.“ Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière erklärte: „Das Erdbeben in Nepal, das so viele Tote verursacht hat, ist eine schlimme Katastrophe. Die internationale Gemeinschaft muss die Region jetzt unterstützen.“
Wenn auch Sie den Menschen im Erdbebengebiet helfen möchten, können Sie beispielsweise an Caritas International spenden, Spendenkonto: 202, Bankleitzahl: 660 205 00, IBAN: DE88660205000202020202, BIC: BFSWDE33KRL, Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe, Stichwort: Erdbebenhilfe Nepal.
Der Mittelpunkt der nepalesischen Tourismusinustrie ist der Mount Everest. Foto:
