Künstlerforum Remagen lädt zu Ausstellung ein
Berührend, aber nicht bedrückend
„Home Stories“ zeigt Bereiche des Lebens, die gerne ausgeblendet werden
Remagen. Mit einem mutigen Thema ging am letzten Sonntag die Wanderausstellung „Home Stories“ mit den Werken von Anne von Hoyningen-Huene, Till Rachold und Dieter Wessinger im Künstlerforum Remagen an den Start.
Über analoge Schwarz-Weiß-, Lochbild- und Doku-Fotografie sowie mit Zeichnung und Video wagen die drei eine künstlerische Annäherung an menschliche Lebensformen, die für die meisten Menschen im Alltag eher unsichtbar bleiben: das Leben mit Alter, mit Krankheit oder Behinderung. Bei aller Ernsthaftigkeit wohnt den Arbeiten dieser Künstler eine gewisse Leichtigkeit inne. Zuweilen offenbaren sie sogar humoristische Züge – ähnlich wie man das vom sogenannten „normalen Leben“ auch kennt.
Rolf Plewa, 1. Beigeordneter der Stadt Remagen, begrüßte die Gäste, betonte die Bedeutung von Remagen als Kunst-Stadt und lobte die Künstler für ihr Engagement und den besonderen Mut, sich einem solchen Themenkreis zu stellen. Im Anschluss führte Beatrice Fermor sensibel und fachkundig durch die Ausstellung, stellte das Konzept und die jeweilige Herangehensweise der Künstler vor
Anne von Hoyningen-Huene
Allein durch die Art der fotografischen Aufnahmetechnik mittels einer Lochbild-Kamera (eine Kiste mit Loch, die ohne Linse eine Belichtungszeit von etwa drei Minuten benötigt) lässt sich die Künstlerin Anne von Hoyningen-Huene auf intensive Weise während ihrer Foto-Exkursion auf die verlassenen, ehemaligen Räumlichkeiten eines Kölner Hospizes ein.
Die für eine Lochkamera-Fotografie benötigten langen Belichtungszeiten führen zu einer Konzentration auf den Ort; die Zeit für die Aufnahme der Fotos ist real vergehende Zeit in den Räumen. So gelingt es Hoyningen-Huene, mit dieser Kamera die Spuren des Lebens, die die einstigen Bewohner der Einrichtung dort hinterließen, aufzuspüren. „Hier hing mal ein Bild, da war mal ein Schrank, dort stand ein Bett.“ Vom fotografischen Ergebnis zeigte sich am Ende die Künstlerin selbst überrascht: Es entstanden lichtdurchflutete, geradezu magisch aufgeladene „skulpturale Abgüsse“ von Räumen, die einen Blick von innen ins sonnendurchflutete Natur-Draußen und vom scheinbar unspektakulären Außen auf das geheimnisvolle Innen nachvollziehen lassen. Ihre „Fensterbilder“ erzählen im heiteren Modus von der Anwesenheit des Abwesenden und lassen den ehemaligen Ort für die letzten Lebensphase erstaunlich friedlich, hell, entspannt und voller Hoffnung erscheinen.
Till Rachold
Till Rachold hat über einen Zeitraum von sechs Monaten den Alltag von Menschen mit Mehrfach-Behinderung begleitet. Nun möchte er diesen Menschen ein Gesicht geben, die aufgrund ihrer persönlichen Einschränkungen nicht für sich selbst sprechen können und in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung treten. Mit respektvoller, wertschätzender Distanz und sensibler Nähe porträtiert er das Leben in zwei unterschiedlichen Wohnheimen. Sein fotografischer Blick stellt die Bewohner niemals bloß; Rachold porträtiert sie und zeigt sie in Alltagssituationen: in stillen, heiteren, verspielten, nachdenklichen oder scheinbar bedeutungslosen Momenten. Es wird deutlich, dass auch ein in Abhängigkeit von Helfern geführtes Leben ein absolut heiteres und erfülltes sein kann. Der Ausstellungsbesucher erkennt, wie viel Leben, Freude, Alltag, individuelle Entfaltung diese besonderen Menschen trotz oder gerade wegen ihres So-Seins zu haben scheinen – Qualitäten, von denen man schnell geneigt ist, sie ihnen abzusprechen.
Dieter Wessinger
Während seines Kunst-Studiums war Dieter Wessinger als Pfleger in einem Seniorenheim tätig. Der tägliche Umgang mit schwerst pflegebedürftigen Senioren, die er auf einer Pflegestation betreute, hinterließen bei ihm starke optische und emotionale Eindrücke: Bilder von Hilflosigkeit, Abhängigkeit, Einsamkeit oder die Spuren, die der natürliche oder krankheitsbedingte Alterungsprozess am menschlichen Körper hinterlässt. All diese erlebten Bilder spiegeln sich in den als „Miniaturausschnitte von Realität“ gezeigten Umgebungsfotos und den hierzu kontrastierenden Zeichnungen durchweg erdachter Altenheim-Bewohner („Prototypen“) wider. Geräusche, Gerüche, Berührungen bestimmten hierbei die intuitive Linienführung seiner Zeichnungen. Die alternden Menschen werden mit ihren Gebrechen teilweise übertrieben, geradezu überzeichnet dargestellt, oft sogar bis an die Grenze zur Karikatur. Diese Übertreibungen sollen aber nicht bloßstellen, sondern vielmehr für die verschiedenen geistigen, körperlichen und seelischen Ausdrucksformen des Alters sensibilisieren. Ein Thema, das angesichts des allgemeinen Personalnotstands in Pflegeeinrichtungen weiterhin brisant und aktuell bleibt. Die Ausstellung „Home Stories“ ist noch bis Sonntag, 25. März, zu sehen. Während der Ausstellungszeit – samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr – ist jeweils einer der Künstler anwesend.
Zur Ausstellung ist ein 60-seitiger Katalog erschienen, den Besucher vor Ort erwerben können. Weitere Informationen unter: www.kuefo-remagen.de.
Dieter Wessinger setzt sich in Zeichnungen und Doku-Fotos mit dem Leben im Alter auseinander.
