Allgemeine Berichte | 06.08.2019

Kultursommer Rheinland-Pfalz: Keramikmuseum öffnet Pforten für Fotoausstellung

Bilder, die Geschichten erzählen

Vernissage von Ute und Werner Mahler zu sozialkritischem Thema

Gebannt lauschten die zahlreich erschienenen Besucherden interessanten Ausführungen von Prof. Dr. Jürgen Hardeck. Fotos: MIH

Höhr-Grenzhausen. Einem hochaktuellen, brisanten, ja fast schon beängstigenden Thema widmet sich die Arbeit der beiden renommierten Fotografen Ute und Werner Mahler mit ihrem Projekt „Kleinstadt“, welches bis zum 31. August im Keramikmuseum in Form einer Ausstellung zu sehen ist und am vergangenen Freitag mit einer Vernissage eröffnet wurde. Die Ausstellung findet im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz zu Thema „Heimaten“ statt. Über drei Jahre reisten die beiden Künstler in über 100 Kleinstädte Deutschlands, die sie ganz gezielt nach bestimmten Kriterien auswählten. Sie besuchten Städte, die in keinem Reiseführer stehen und welche weit ab von der Autobahn liegen, also vom touristischen Durchgangsverkehr nicht betroffen sind. Der demografische Wandel trifft diese Kleinstädte besonders hart. Wo noch vor 30, 40 oder 50 Jahren Geschäfte, die die Grundbedürfnisse abdeckten und eine Versorgung mit Lebensmitteln gewährleisteten, medizinische Einrichtungen, ein Kino oder eine Disco zu finden waren und dem Wunsch nach sozialen Kontakten Rechnung trugen, gibt es heute noch nicht einmal mehr einen Bäcker. Bankfilialen fielen der Rationalisierung und Verschlankung zum Opfer und wurden geschlossen. Waren vor mehreren Jahrzehnten noch verschiedene Gastronomiebetriebe in diesen Orten ansässig, gibt es heute dort noch nicht einmal mehr eine Kneipe. Doch was hat das alles mit Fotografie und Kunst zu tun?

Die Jugend ist die Zukunft der Kleinstädte

Erschreckend war für die beiden Fotografen die Feststellung, dass auf den Straßen der besuchten Kleinstädte keine oder nur wenige Jugendliche zu finden waren. Daher richteten Ute und Werner Mahler den Focus ihres Schaffens im Rahmen dieses Projektes auf die Jugend. „Im Laufe unserer Arbeit haben wir uns bei den Portraits und der Darstellung von Menschen entschieden, uns auf die Jugend zu konzentrieren, weil es wichtig ist, was mit den Leuten passiert. Kommen sie wieder? Gehen sie weg? Denn die Jugendlichen werden die Zukunft von diesen Städten sein.“, so Werner Mahler im Podiumsgespräch an diesem Abend.

Das zentrale, kritische und somit Problemthema, welches die beiden Fotografen mit ihrer Idee aufgegriffen haben, führt unweigerlich zu der Frage, was aus unseren Kleinstädten wird. Sie sind geprägt von einer Landflucht der jungen Menschen, schlechter Infrastruktur und Verkehrsanbindung. Viele dieser Orte wirken tagsüber wie ausgestorben, stellten die beiden Künstler fest. Was wird aus diesen Städten und ihren Menschen in Zukunft werden? Prof. Dr. Jürgen Hardeck, Gechäftsführer und Künstlerischer Leiter des Kultursommers Rheinland-Pfalz, blickte in seiner Einführung kritisch und bewusst etwas überspitzt zurück in seine eigenen Erlebnisse in den 80er Jahren, in denen er diese Zeit schon damals als Zeit der Stagnation empfand. Sehr bildhaft und eindrucksvoll schilderte er seine damalige Sicht auf seine Stadt Hachenburg als junger Mann und bezeichnete sie aus dem Blickwinkel eines Jugendlichen als geistttötend und langweilig.

Dieses Thema, welches auch das zentrale Thema der Aussstellung „Kleinstadt“ ist, ist bis heute aktuell, wenn nicht aktueller denn je, müssen wir uns doch angesichts dieser Erkenntnisse unweigerlich die Frage stellen, wie es mit der Zukunft der ländlichen Räume, Dörfer und der Kleinstädte im Land Rheinland-Pfalz aussieht.

Demografischer Wandel und mangelnde Perspektiven

Im Folgenden nahm Hardeck die Besucher der Vernissage mit auf eine ausführliche Reise durch die Entwicklung der Kleinstadt in den letzten Jahrzehnten. In seinen Worten brachte er die Sorge um bestimmte Entwicklungen in den Kleinstädten Deutschlands zum Ausdruck. Er prognostizierte, dass der demografische Wandel im Zusammenhang mit dem Klimawandel in den nächsten Jahrzehnten noch einiges an Herausforderungen bringen werde. „Aber zentral und schon stark spürbar ist kurz gesagt die Situation die: mehr Alte als Junge. Und alte Menschen sind in der Regel ihren Gewohnheiten verhaftet und weniger an Veränderungen interessiert als junge. Die jungen Menschen, die vielleicht für neuen Schwung sorgen könnten, werden nun mal objektiv immer weniger in unserer Gesellschaft… Werden die Jugendlichen von heute und morgen gehen oder bleiben?

Das scheint mir eine zentrale Frage für die Zukunft der Kleinstädte in Deutschland zu sein, und nicht nur in Deutschland. Und wenn Sie gehen zu einer Ausbildung, die man vor Ort nicht bekommen kann oder um Berufserfahrung zu sammeln, werden sie vielleicht wiederkommen? Welche Perspektiven haben sie in ihrer Heimat? Auf diese Fragen müssen wir rasch gute Antworten finden.

Die Gefahr schrumpfender Kleinstädte

Schrumpfende Kleinstädte, abgehängte Orte. Das ist eine Gefahr, die in einigen wenigen Regionen auch bei uns in Rheinland-Pfalz durchaus im Raum steht. Eine Gefahr. Das heißt aber noch lange nicht, dass es auch so kommen muss. Noch haben wir es selbst in der Hand, dass es anders kommt. Das Worst-Case-Szenario für einige zu abgelegene Kleinstädte, man kann öfter in den Feuilletons der deutschen Tageszeitungen darüber lesen, sieht so aus, dass die gut ausgebildeten jungen Leute nicht zurückkommen, die Städte immer weiter boomen und in den ländlichen Räumen bleiben nur noch die, die nicht weg können… Seit seiner Gründung 1947 hat sich das Gesicht unseres Landes Rheinland-Pfalz immer verändert. Das war hier ein Agrarland mit einer starken Prägung durch die militärischen Standorte, vor allem der Amerikaner, aber auch der Franzosen. Und wie anders stellt sich heute unser Land dar… Veränderungen wie beispielsweise der nahezu alle Lebensbereiche betreffende demografische Wandel können durchaus gestaltet werden, wenn man sich ihnen frühzeitig und beherzt annimmt. Sie können sogar unsere Gesellschaft voranbringen, wenn nur die Chancen erkannt werden, Lösungen erdacht werden und nicht nur die Probleme beschworen werden.

Alle müssen anpacken

Ich bin jedenfalls zuversichtlich, dass wir die Herausforderung unserer Zeit bewältigen werden, wenn Kommunen und Land, Bürger und Wirtschaft gemeinsame Zukunftsperspektiven entwickeln… Was gehört dazu, dass eine Kleinstadt funktioniert und was darf nicht verloren gehen? Wir hatten ja „alles“ in den letzten Jahrzehnten und nun gibt es Orte, die weiter weg sind, abgelegener, nicht so gut verkehrsangebunden, nicht so attraktiv und darum muss man kämpfen.

Was müssen wir also tun, damit sich das wieder ändert? Auch das, was schon da ist, ist ja nicht vom Himmel gefallen. Es wurde von Menschen mit viel Fleiß geschaffen und es wurde von der Politik ermöglicht.“, so Hardeck in seinen Ausführungen.

Zeitphänomen künstlerisch dargestellt

Im folgenden Podiumsgepsräch, geführt von Martin W. Ramb, beantworteten Ute und Werner Mahler die gestellten Fragen und gewährten damit einen tiefen und auch emotionalen Einblick in ihre Arbeiten sowie die Beweggründe, Erfahrungen und vor allem die Begegnungen mit jungen Leuten auf ihrer Kleinstadtreise und ihre künstlerische Sicht auf die Dinge. Im Laufe dieser Ausführungen und den Stellungnahmen der Teilnehmer der Podiumsrunde wurde auch die Aussage getroffen, dass irgendwann im Westen des Landes Rheinland-Pfalz ein paar Dörfer aufgegeben werden müssen, dass aber nicht die Kleinstädte betroffen sein werden. Geprägt war die Vernissage von der Kleinstadtproblematik und phasenweise geriet der eigentliche Anlass, nämlich die Ausstellung der Fotos, etwas in den Hintergrund. Aus diesem Grund betonte Werner Mahler im Podiumsgespräch, dass er und Ute Mahler keine Soziologen seien, sondern als Fotografen Künstler im wahrsten Sinne des Wortes. „Wir haben die wunderbare Möglichkeit einfach etwas zu behaupten. Wir sind nicht verpflichtet zu beweisen, sondern wir können uns erlauben eine Behauptung aufzustellen. Das ist unsere ganz eigene, ganz spezielle, unsere subjektive Behauptung, wie wir Kleinstädte wahrnehmen. Ich finde es großartig, dass unsere Arbeit fast immer in diese Richtung läuft, wie sie auch heute gelaufen ist. Wir sind auch in anderen Interviews immer wieder zu dem Thema gekommen, was heute tragend war: Was wird aus den Kleinstädten? Was wird aus den Menschen? Wie geht es weiter? Das war eigentlich gar nicht so sehr unsere Absicht. Wir wollten einfach ein Zeitphänomen aufgreifen, um unsere Sicht auf Menschen zu zeigen. Wir sind nicht angetreten, um wissenschaftliche Untersuchungen zu machen. Wir sind Fotografen.“, so Mahler.

Philosoph Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski würdigte die Arbeit der beiden Künstler und war beeindruckt von dem würdevollen Inslichtrücken der fotografierten Menschen. Er hob hervor, dass mit den Bildern nicht nur Ausschnitte gezeigt würden, sondern dass mit jedem Bild eine ganze Geschichte erzählt werden. Musikalisch untermalt wurde der Abend von Multi-Perkussionist Stefan Kohmann und Akkordeonistin Eva Zöllner, die sich dem Thema „Kleinstadt“ auf ihre ganz eigene Interpretationsweise annahmen und die Gäste, inspiriert von den Bildern, in experimentelle Klangräume entführten. Ihre Stücke waren geprägt von einem intensiven Klangerlebnis und stellten eine eindrucksvolle Klangwanderung durch die Ausstellung dar. Nele van Wierigen, Leiterin des Keramikmuseums Westerwald, freut sich sehr über die Kooperation mit dem Format „Denkbares“, initiiert von Martin W. Ramb und Prof, Dr. Dr. Holger Zaborowski. Ergänzend zur Ausstellung ist übrigens eine Fotoband mit 74 Aufnahmen erhältlich.

Die Künstler und Fotografen Wernerund Ute Mahler im Gespräch mit den Besuchern.

Die Künstler und Fotografen Werner und Ute Mahler im Gespräch mit den Besuchern.

Im Anschluss an das Podiumsgespräch sahen die Gästedie Bilder sicherlich noch einmal mit ganz neuen Augen.

Im Anschluss an das Podiumsgespräch sahen die Gäste die Bilder sicherlich noch einmal mit ganz neuen Augen.

Gebannt lauschten die zahlreich erschienenen Besucher den interessanten Ausführungen von Prof. Dr. Jürgen Hardeck. Fotos: MIH

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