Allgemeine Berichte | 01.04.2026, 09:54 Uhr

Stadtmuseum Andernach - Objekt des Monats April:

Blechdose der „Rheinischen Apfelkrautfabrik J.M. Schumacher Söhne“

Diese originale Verpackungsdose aus der Zeit um 1920 ist in erster Linie ein seltenes Relikt der Andernacher Wirtschafts- und Ernährungsgeschichte.Fotos: Andernacher Stadtmuseum
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Andernach. Das Objekt des Monats April mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken, doch ist die Geschichte, die damit verbunden ist, alles andere als alltäglich.

Diese originale Verpackungsdose aus der Zeit um 1920 ist in erster Linie ein seltenes Relikt der Andernacher Wirtschafts- und Ernährungsgeschichte: „Kraut“, eine Art Sirup oder dick eingekochtes Mus, konnte aus vielen zuckerhaltigen Früchten gewonnen werden, zum Beispiel aus Zuckerrüben („Rübenkraut“), Birnen oder eben Äpfeln. Dazu wurde erst der Saft durch Auspressen oder Auskochen der zerkleinerten Früchte gewonnen, der dann durch Kochen so lange eingedickt wurde, bis eine zähe, sehr süße Masse, das „Kraut“, entstand. Apfelkraut wurde vor allem als Brotbelag verwendet, aber auch zum Backen und Kochen, etwa zum Abschmecken des berühmten rheinischen Sauerbratens, fand es Verwendung. Gerade in Kriegszeiten, als Butter fast unerschwinglich teuer war, stellte es eine billige Alternative für den Frühstücks- oder Abendbrottisch dar. Im 19. Jahrhundert war insbesondere Birnenkraut in Andernach heiß begehrt - sogar der Michelsmarkt war damals auch unter dem Namen „Birrekrautsmaat“ bekannt.

Die Dose, die aus dem Familienbesitz in die Sammlung des Stadtmuseums kam, besteht aus bedrucktem Weißblech und misst rund 10 cm im Durchmesser. Immerhin 500 g „Prima Rheinisches Apfelkraut“ passten hier einst hinein. Den Deckel der Dose ziert eine Darstellung des Runden Turms, so wie man ihn vom Haus der Schumachers sehen konnte.

Die „Rheinische Apfelkrautfabrik J.M. Schumacher Söhne“ befand sich an der Ecke von Kölner Straße und Kirchhofsweg. Neben dem Wohngebäude der Familie Schumacher lagen die eigentliche Fabrik und ein weitläufiges Feld mit Obstbäumen. Außerdem betrieb das Unternehmen eine Kohlenhandlung.

Eine der Töchter der Familie Schumacher, Therese, nimmt in der Andernacher Stadtgeschichte eine ganz besondere Rolle ein: Therese Schumacher hatte 1884 während einer Reise in Frankfurt a.M. den 18 Jahre älteren Chemiker Nagayoshi Nagai kennengelernt: Es war wohl Liebe auf den ersten Blick. Zwei Jahre später heirateten die beiden im Andernacher Mariendom. Kurz darauf folgte die gemeinsame Reise nach Japan - für die junge Andernacherin mit Sicherheit ein mutiges Unterfangen. Das für damalige Verhältnisse höchst ungewöhnliche Ehepaar gehörte in Japan zur gesellschaftlichen Elite und pflegte Verbindungen in höchste Kreise. Therese Schumacher war eine elegante Dame der Gesellschaft, die deutsche und japanische Kultur zu verbinden wusste. Sie blieb Andernach und ihrer Familie durch mehrere Besuche und v.a. durch einen intensiven Briefwechsel eng verbunden. Ebenso wie ihrem Mann lagen Therese Schumacher die Frauenbildung und die interkulturelle Verständigung besonders am Herzen. Viele Jahre lang war sie an der von ihrem Mann mitgegründeten Frauenuniversität Tokio tätig. Hier lehrte sie Deutsch, deutsche Hauswirtschaft und deutsche Gesellschaftskunde. Besonders tat sie sich auf kulinarischem Gebiet hervor und vermittelte den Japanerinnen deutsche Küche und Tischkultur. Als Albert Einstein Ende 1922 Japan besuchte, lebte er eine Zeitlang bei Familie Nagai-Schumacher in Tokio. Noch kurz vor ihrem frühen Tod 1924 unterstützte Therese Schumacher den frischgebackenen Physik-Nobelpreisträger als Dolmetscherin während seiner zahlreichen Vorträge vor japanischen Studenten. Die Familie bleibt auch nach dem Tod Thereses (1924) und Nagayoshis (1929) der Stadt Andernach, die man häufig besucht, eng verbunden. Ein besonderes Dokument der Verbundenheit befindet sich seit Juli 1994 im Mariendom – dort, wo sich 108 Jahre zuvor Therese Schumacher und Nagayoshi Nagai das Ja-Wort gegeben hatten: Ihr Enkel Teigi Nagai (gest. 2004) und dessen Ehefrau Ayuko Nagai stifteten als Zeichen des Dankes für die damals so außergewöhnliche Verbindung und ihrer Liebe zu Andernach den großen bronzenen Radleuchter (Corona) über dem Hochaltar. Auf der Innenseite trägt er in japanischen Schriftzeichen die Stifterinschrift, die an die Hochzeit im Jahre 1886 erinnert.

Pressemitteilung des

Andernacher Stadtmuseums

Die „Rheinische Apfelkrautfabrik J.M. Schumacher Söhne“ in Andernach, um 1910.

Die „Rheinische Apfelkrautfabrik J.M. Schumacher Söhne“ in Andernach, um 1910.

Werbeanzeige der Apfelkrautfabrik, 1910.

Werbeanzeige der Apfelkrautfabrik, 1910.

Nagayoshi und Therese Schumacher-Nagai um 1910.

Nagayoshi und Therese Schumacher-Nagai um 1910. Foto: Stadtmuseum und -archiv Andernac

Diese originale Verpackungsdose aus der Zeit um 1920 ist in erster Linie ein seltenes Relikt der Andernacher Wirtschafts- und Ernährungsgeschichte.Fotos: Andernacher Stadtmuseum

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