Das Junge Forum Klassik eröffnet das Jahresprogramm des Förderkreises Obere Burg
Bunte Operettenmelodien serviert
Rheinbreitbach. „Leider ausverkauft“, kündigte ein Schild an der Eingangstür zur Oberen Burg Rheinbreitbach am Sonntagnachmittag an. Damit drückte der Förderkreis, der dieses Jahr im September sein Silberjubiläum mit der Festveranstaltung „Musik und Kunst in allen Räumen“ feiert, lediglich sein Bedauern mit den Musikfreunden aus, die versäumt hatten, sich rechtzeitig Karten für das Konzert „Junges Forum Klassik“ zu besorgen, mit dem Absolventen der Musikhochschule Köln traditionell das Veranstaltungsjahr des Vereins einleiteten.
„Aber die heutige Veranstaltung steht ganz unter dem Zeichen von Wandel und Tradition“, begrüßte Günter Ruyters das Publikum, der Anfang Juli Dietmar Ackermann nach 13 erfolgreichen Jahren als Vorsitzender abgelöst und damit selber für einen Wandel gesorgt hatte. Den aber meinte der Vorsitzende nicht. Vielmehr bezog er diesen auf die Sopranistin Brigitte Lindner, die 2009 als Professorin für Gesang und Gesangspädagogik an die Hochschule für Musik und Tanz Köln zunächst zum Standort Wuppertal berufen worden war und die ab dem Wintersemester 2012/2013 am Standort Köln unterrichtet.
Tradition und Weiterentwicklung
„Ganze 16 Jahre lang hat unser Ehrenmitglied, Kammersängerin Edda Moser, uns hier in der Oberen Burg zum Jahresbeginn junge Sänger vorgestellt. Nach weiteren sechs Jahren hat nun ihre Nachfolgerin, Professorin Klesie Kelly Moog, die Begleitung der Kölner Musikschul-Absolventen an ihre Kollegin weitergeben“, kündigte Günter Ruyters die Gesangspädagogin an. Diese bescherte den Burggästen erstmals einen heiter-beschwingten Operettenabend, bei dem die Pianistin Yoshiko Hashimoto wie schon seit etlichen Jahren die Sänger am Flügel begleitete und damit den Aspekt Tradition unterstrich.
„Als mich Klesie Kelly Moog gefragt hat, ob ich ihren Part hier beim Förderkreis Rheinbreitbach übernehmen möchte, habe ich spontan ganz begeistert zugesagt“, berichtete die gebürtige Münchnerin, die schon seit ihrem Studium die stimmbildnerische Ausbildung professioneller und semiprofessioneller Sängerinnen und Sänger begleitet hat. Für diese seien Auftritte vor Publikum schon während des Studiums ungemein wichtig und von unschätzbarem Wert, hob Brigitte Lindner hervor, die als Partnerin etwa von René Kollo oder Francisco Araiza auf der Bühne in der Alten Oper in Frankfurt oder der Kölner Philharmonie gestanden hat.
„Als lyrische Soubrette habe ich ein breites Repertoire in der Opern- Operetten- und Musical-Literatur abgedeckt und dabei feststellen müssen, dass die angeblich so ‚leichte Muse‘ mit Bewegung und Mimik neben dem Gesang auf der schauspielerischen Seite starkes komödiantisches Talent erfordert und damit viel schwer zu gestalten ist als etwa eine Opernrolle oder das Kunstlied“, erklärte sie. Die Bühne der Oberen Burg sei ein idealer Ort für ihre Schüler, diese Genre zu trainieren, lud Brigitte Lindner das Publikum ein, der Sopranistin Anna Lucia Struck, der Mezzosopranistin Dimitra Kalaitzi-Tilikidou, dem Tenor Woongy Lee und dem Bariton Frederik Schauhoff ins „Chambre separée“ zu folgen.
Bunter Strauß an Melodien im Jubiläumsjahr
Das Duett von Hortense und Henrie aus Heubergers „Opernball“ stand aber erst viel später auf dem Programm, dass die junge Griechin mit „Mein Herr Marquis“, der Arie der Adele aus der „Fledermaus“ von Johann Strauß, und der Bariton als Prinz Orlovsky „chacun à son gout“ eröffneten.
Anschließend widmete sich Frederik Schauhoff, der auch die Moderation übernahm, äußerst humorvoll nicht zuletzt mit Hilfe von Tucholsky-Zitaten dem „Vater der modernen Operette“, dem gebürtigen Kölner Jacques Offenbach. Neben seinem bedeutendsten Werk „Orpheus in der Unterwelt“, das am 21. Oktober 1858 Premiere in der „Bouffes-Parisiens“ gefeiert hatte, hat sich der Komponist auch in „La belle Hélène“ einem antiken Thema gewidmet. „Bei der Uraufführung am 17. Dezember 1864 im Théatre des Varietés wurde die nach eine Mann lechzende Gattin des müden Menelaos von der bekannten Kurtisane Hortense Schneider gespielt, die ihre nicht vorhandenen Gesangskünste lasziv durch ihre Nacktheit überspielte, was unweigerlich zu weiteren ausverkauften Aufführungen führte“, berichtete Frederik Schauhoff. Solcher Hilfsmittel musste sich weder Dimitra Kalaitzi-Tilikidou bei „On me nomme Hélène la blonde“, noch Anna Lucia Struck bedienen, die kurz zuvor als Eurydike vom Bariton als Jupiter im „Fliegenduett“ stürmisch „umsummt“ worden war.
Vorwiegend dem Tenor als Frauenheld würden die Herzen der Damenwelt zufliegen, gestand der Moderator neidlos ein. Allerdings hatte Woongy Lee als Léhars Goethe mit „O Mädchen, mein Mädchen“ nur Augen für seine „Friederike“. Léhars „Lustige Witwe“ war Hitlers Lieblingsoperette, „sodass er die jüdische Gattin des Komponisten kurzerhand zur Ehrenarierin erklären ließ“, berichtete der Tenor, bevor er mit der Sopranistin im Duett die „Lippen schweigen“ ließ.
Nicht weniger großmäulig-verschmitzt als weiland Heinz Rühmann in der Rolle des Staubsaugervertreters Peter Pett mit dem Lied von Brühne behauptete Frederik Schauhoff dann: „Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau’n“, weil er eben auch so stürmisch und so leidenschaftlich sei. Erheblich unsicherer, ja schüchtern präsentierte er sich dagegen als Henrie aus Heubergers „Opernball“. Zusammen mit Anna Lucia Struck als Hortense verabredete er sich zum Tete à Tete im „Chambre séparée“, bevor Dimitra Kalaitzi-Tilikidou als Abrahams „Blume von Hawaii“ eingestand: „Heut habe ich ein Schwipserl!“ Zusammen mit Anna Lucia Struck stimmte sie dann kurz vor der Pause Frederik Schauhoff zu, der als Boni aus Kalmanns „Csárdásfürstin“ erklärte: „Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht!“
Da hatten sich die vier Kölner Musikhochschul-Absolventen längst in die Herzen des Publikums gesungen, die mindestens ebenso begeistert von ihren Darbietungen waren wie ihre Lehrerin Brigitte Lindner. Von daher stimmte sie Woongy Lee unisono zumindest auf die Veranstaltung bezogen zu, als dieser nach der Pause als Octavio aus der Léhar-Operette „Giuditta“ stimmgewaltig verkündete: „Freunde, das Leben ist lebenswert“. Nachdem Anna Lucia Struck aus der etwas weniger bekannten Operette „Der Favorit“ von Robert Stolz die Arie „Du sollst der König meiner Seele sein“ gesungen hatte, entführte Frederik Schauhoff die Zuhörer mit Millöckers Oper „Gasparone“ in den Süden von Italien um als Erminio „Dunkelrote Rosen“ zu verteilen.
Erneut als Adele aus „Die Fledermaus“, fragte sich dann Dimitra Kalaitzi-Tilikidou: „Spiel ich die Unschuld vom Lande?“, bevor Woongy Lee als Sou Chong aus Léhars „Land des Lächelns“ die weltbekannte Arie „Dein ist mein ganzes Herz“ schmetterte. Zusammen mit Frederik Schauhoff und Anna Lucia Struck zog er dann mit dem „Champagnerlied“ aus „Die Fledermaus“ den Schlussstrich unter einen mehr als gelungen Einstand von Brigitte Lindners Engagement beim Förderkreis, dessen Publikum das junge Quartett frenetisch feierte.
DL
Frederik Schauhoff umsummte als zur Fliege mutierter Jupiter Anna Lucia Struck als Orpheus-Gattin Eurydike.
