Rheinbach liest e.V.
Bunter Song-Mix in sieben Sprachen
Dritter Rheinbacher „Liedstrich“ in der Schützenhalle war international
Rheinbach. Das vermutete Hirschgeweih fehlte. Dafür erstrahlte in der ehrwürdigen Schützenhalle bereits ein Weihnachtsbaum, als Anke Fuchs im November den „Liedstrich“ anmoderierte. Die etwa fünfzig Besucher saßen in gemütlicher Kneipenatmosphäre im Halbkreis um die Bühne, ganz nah an den fünf Künstlern, die den Abend gestalten sollten. Der besondere Gast des Abends trat als erstes auf: Fabienne Löhr, die keine weite Anreise hatte, weil sie hier aus Rheinbach kommt.
Die Singer-Songwriterin gab mit zwei selbst geschriebenen Liedern einen stimmungsvollen Auftakt. Vom Gitarrenspiel begleitet, erzählte sie von Fernweh und Kopfentscheidungen, bei denen das Herz nicht mitmachen möchte. Als Dennis Müller und Markus Schnurpheil, alias Dan O´Clock und Half past Mark, auf die Bühne kamen, sorgten sie direkt für Lacher und einen entsetzten „Was?“-Ausruf im Publikum, als die Frage nach dem Lieblingsbuch aufkam.
Wie jeden Künstler interviewte Anke Fuchs die beiden vor dem Auftritt ein wenig zu Büchern, Gedichten und wie ihre Songs eigentlich entstehen. Und Dan O´Clock mag eben neben japanischen Autoren auch eine Schullektüre: „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Kafkaesk sind die Texte des Duos aus Köln aber nicht, sondern deutschsprachige Balladen und soulige Pop-Songs über Themen wie glückliche Tage und Kindheitserinnerungen („Ich will doch nur ein Ed von Schleck zum Frühstück.“). An diesem Abend spielten sie aber auch einen Song auf Englisch, damit auch diejenigen den Text verstehen konnten, die noch nicht viel Deutsch sprechen. Mit dabei im Publikum waren nämlich sechs junge Männer aus verschiedenen Ländern, die momentan in Rheinbacher Flüchtlingsunterkünften leben. Sie waren besonders begeistert, als Dan O´Clock zeitweise anfing zu rappen und man bloß staunen konnte, in welchem Tempo er dabei die Wörter aneinanderreihte.
Der Künstler, der als nächstes an der Reihe war, ist alles andere als gewöhnlich. Der Bonner Christian Padberg, Künstlername „Dad´s Phonkey“, hatte statt Gitarre eine Loop-Station dabei, mit der er Teile seiner Lieder live aufnehmen und einspielen kann, wenn es gerade passt, einen beatgeboxten Grundbeat beispielsweise oder eine zweite Stimme. Und die Themen, über die er singt?
Die kann sich jeder selbst denken, weil niemand seine Worte versteht, einschließlich er selbst: Dad´s Phonkey singt in Fantasiesprachen, die meistens einer existenten Sprache ähnlich klingen. Und wo es keinen vorbereiteten Text gibt, sind die Lieder jedes Mal neu, jedes Mal anders. In der Schützenhalle sang er zu spanischen Rhythmen abwechselnd bayrisch und spanisch klingend, zu trommelartigem Beat etwas, das sich wie afrikanische Gesänge anhörte, und noch einiges mehr – auch Pseudo-Kölsch fehlte nicht. Die erstaunten Zuschauer lachten dabei in einem fort und klatschten begeistert mit. Die Vierte im Bunde war die Kölner Sängerin Krazy (Uta Titz). Die Künstlerin macht schon lange ihre eigene Musik und hat ein Buch und mehrere Theaterstücke veröffentlicht. Sich selbst auf der Gitarre begleitend, saß sie in ihre Lieder versunken auf der Bühne und sang mit warmer Stimme von ihrem ambivalenten Selbst, huldigte Menschen, die es ernst meinen, und erinnerte sich an Kleinkunstabende, die ihr als Gage nicht mehr als Salzstangen und Bier einbrachten.
Und auch Krazy sang einen Song auf Englisch, im Mittelpunkt das Sprichwort „Honey you stick“ (in etwa: Schatz, du klebst). In der Pause durfte auch das Publikum selbst aktiv werden. Die Künstler hatten sich zwei Worte ausgesucht, und die Zuschauer sollten dann kurze Gedichte schreiben, in denen beide Worte vorkommen.
Die Reizwörter des Abends: „Hunderennen“ und „Märchenstunde“. Zum Siegergedicht gekürt wurde eines im Stil von Heinz Erhardt, mit dem KJG-Leiter Tobias Bohl eine Eintrittskarte zur nächsten TextProbe gewann: „Neulich bei der Märchenstunde/ machte ein Gerücht die Runde./ Beim Hunderennen in der Stadt/ hätt‘ eine Katze mitgemacht.“ Kurz, schlicht und lustig. Und das Niveau der übrigen rund zwanzig Spontangedichte war ebenfalls erstaunlich hoch.
Die Liedstricher revanchierten sich mit einem sehr witzigen und gut performten „Lied des Abends“, das mit den Reizwörtern „Waldesruh“ und „Fritten“ entstanden war. Natürlich machten wie bei jedem „Liedstrich“ gegen Ende wieder die Krötenboxen eine Runde. Für jeden der drei auswärtigen Künstler gab es eine Box, auf die die Zuschauer „Krötentaler“ so verteilen konnten, wie ihnen die Auftritte gefallen hatten. Demjenigen mit den meisten „Krötentalern“ gebührte die Ehre, die Zugabe spielen zu dürfen. An diesem Abend waren es Dan O´Clock und Half past Mark, die sich durchsetzen konnten.
Sie bescherten dem Publikum denn auch einen krönenden Abschluss mit einem Lied, das manch Einen Tränen lachen ließ: Das „Lied von der Latte“, voller Wortspiele, voller Soundeffekte, gestisch-mimisch begleitet und dabei angemessen frivol. Fazit: Der LiedStrich hielt auch in der dritten Ausgabe sein hohes Niveau und bot dazu noch bewegende Gemeinschaftsmomente über Sprachbarrieren hinweg, wie sie nur Lieder und Musik zu schaffen vermögen. Wer einem solch bunt gemischten Liederabend beim nächsten Mal live beiwohnen möchte: Am 11. März 2016 gibt es den nächsten LiedStrich.
