MGV Wormersdorf feierte 135-jähriges Bestehen mit Stiftungsfest
Chorgesang hält gesund und trainiert die emotionale und soziale Kompetenz
Wormersdorf. Seit 135 Jahren sorgt der Männergesangverein Wormersdorf von 1879 für gute Laune. Mit einem Stiftungsfest unter dem Motto „135 Jahre und kein bisschen leise“ feierten er dieses Jubiläum zusammen mit seinem Bruderchor, dem MGV Villip. Das Motto sei aber nicht so zu verstehen, so Coellejan in seiner Jubiläumsansprache, dass man trotz des hohen Vereinsalters nicht alles daran setzen müsse, an dessen Erhalt zu arbeiten und zu glauben. „Wir wissen natürlich auch, dass es sehr schwierig ist, entsprechenden Nachwuchs für die Chormusik zu interessieren“, sagte er weiter. Doch weil man auch dieses Problem zuversichtlich anpacken wolle und weil es den Sängern nach wie vor sehr viel Spaß mache, so gut wie möglich zu singen, sei der MGV auch in Zukunft kein bisschen leise.
„Der MGV Wormersdorf kann mit Recht stolz sein auf dieses Jubiläum“, fand auch Betty Grohs, schon seit 31 Jahren Protektorin des MGV. Im Laufe von fast anderthalb Jahrhunderten hätten sich immer wieder Männer gefunden, die sich für die Förderung des deutschen Liedgutes eingesetzt hätten. Deshalb sei es umso wichtiger, auch in der heutigen schnelllebigen Zeit nicht die Waffen zu strecken, sondern nach Kräften dafür zu werben, dass auch der Nachwuchs wieder in den Männergesangverein eintritt. Schirmherr Bürgermeister Stefan Raetz stellte fest, der Traditionsverein kümmere sich um ein schönes und wichtiges Kulturgut, nämlich den Chorgesang. Schon die Gründung im Jahre 1879, kurz nach der Reichsgründung, sei Zeugnis eines großen Selbstbewusstseins in Wormersdorf, damit habe man damals den Kern des bürgerschaftlichen Zusammenlebens und der guten Nachbarschaft gelegt.
Die Freude am gemeinsamen Singen und Musizieren sei über die Jahrzehnte hinweg aktuell geblieben. Zudem trage der Verein zum gewachsenen dörflichen Miteinander einen wesentlichen Anteil bei.
Klaus Rech, der stellvertretende Vorsitzende des Chorverbandes Bonn-Rhein-Sieg, freute sich in seinem Grußwort darüber, dass er beim Jubiläumsgottesdienst auf der Empore der Pfarrkirche die Deutsche Messe von Franz Schubert mit dem MGV habe mitsingen dürfen. Rückblickend hätten die Männerchöre von Anfang an die gleichen Probleme mit der Nachwuchsgewinnung und der Kontinuität gehabt, das werde sich wohl nicht ändern. „Mehr denn je brauchen die Sänger Mut zur Veränderung“, sagte er voraus, und da sei der MGV Wormersdorf auf einem guten Wege.
Mainzer Hofsänger sind am 5. April zu Gast
Das Vereinsjubiläum geht weiter mit dem Auftritt der Mainzer Hofsänger am Samstag, 5. April, die um 19.30 Uhr in der Sporthalle Wormersdorf unter dem Motto „Der Zauber großer Stimmen“ auftreten. Am Sonntag, 6. April beginnt um 13.30 Uhr am gleichen Ort an Freundschaftssingen mit befreundeten Gesangsvereinen aus der ganzen Region.
Gegründet wurde der MGV Wormersdorf offiziell am 5. April 1879. Schon 1880 wurden theatralische Vorträge gehalten, die man wohl als Vorläufer der später erfolgreichen Theatervorführungen bezeichnen kann. 1882 wurde die von den Schwestern des heiligen Franziskus in Aachen gestickte erste Vereinsfahne feierlich eingeweiht.
Während man heute froh über jeden neuen Sänger ist, war es in den Anfangsjahren gar nicht so einfach, Mitglied des MGV zu werden. Wer Mitglied werden wollte, musste sich der gleichen Prozedur unterziehen wie bei der Abtwahl der Benediktiner im frühen Mittelalter, der „Ballotage“. Das ist eine geheime Abstimmung durch die verdeckte Abgabe verschiedenfarbiger Kugeln, wobei weiß für „Ja“ und schwarz für „Nein“ steht. Ergab die Auszählung nur weiße Kugeln, war das Ergebnis „hell leuchtend“ und die Aufnahme beschlossene Sache. Eine Zweidrittelmehrheit war zur Aufnahme aber auf jeden Fall notwendig. Führte ein Sänger damals trotz mehrfacher Ermahnung durch den Vorstand einen Lebenswandel, „der die Vereinsehre schädigte“, gab es eine „Deballotage“, und mit einer Zweidrittelmehrheit flog der Betreffende hochkant aus dem Verein hinaus.
Vereinsausflüge im Leiterwagen
1910 gab es das erste Sängerfest in Wormersdorf mit zwölf Brudervereinen, und 1913 unternahm der MGV im Wonnemonat Mai seinen ersten Vereinsausflug an die Urft-Talsperre. Bei den Vereinsausflügen muss es einst wohl hoch hergegangen sein, denn fast immer war man mit einem festlich dekorierten zweispännigen Leiterwagen unterwegs.
Allerdings steckte der Verein dennoch in einer Krise, denn laut Protokolleintragungen gab es „Zwist unter den Mitgliedern, mehrmalige Wechsel des Vorstandes und der musikalischen Leitung ließen keine gedeihliche Arbeit zu.“ Erst als 1909 Josef Krupp zum Dirigenten gewählt wurde, ging es wieder aufwärts. Allerdings nur kurz, denn 1914, mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wurden 30 Sänger eingezogen, sieben Sänger kehrten nicht wieder heim.
Auch Theaterspielen gehörte zum Programm
Neben dem Gesang wurde im MGV auch viele Jahre lang Theater gespielt. Das letzte Theaterstück mit dem Titel „Wenn die Herzen schweigen“ wurde Weihnachten 1961 auf der Bühne des Saales Dahlem dargeboten.
Die Veranstaltungen verliefen aber nicht immer harmonisch, sondern entwickelten sich auch schon einmal „in erniedrigender Weise, denn einige junge Vaterlandsverteidiger, Diener des Kaisers, in völliger sinnloser Trunkenheit, führten den Theaterspielen gegenüber in brutaler Weise ihr Gequatsche weiter, sodass es uns nicht möglich war, den geehrten Gästen weitere Freude zu bereiten.“
1924 hatte die Opferfreudigkeit der Vereinsmitglieder die Anschaffung einer neuen Vereinsfahne ermöglicht, die mit einer Fahnenweihe eingeführt wurde. Der Leitspruch des Vereins „In Freud und Leid zum Lied bereit“ wurde in goldenen Lettern auf die Fahne gestickt. Die alte Fahne wurde jedoch aufgehoben und existiert noch heute. Bereits 1929 erhielt der Chor erstmals die „Zelter-Plakette“, was mit einem riesigen Fest in sämtlichen Gastwirtschaften des Dorfes gefeiert wurde.
Festzug zum WM-Endspiel 1954
Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ließ das Chorleben in Wormersdorf erlahmen, 37 Sänger wurden zur Wehrmacht eingezogen. Am Ende hatte der Chor fünf Gefallene und drei Vermisste zu beklagen. Da auch das Vereinslokal zerstört war, hielt Dirigent Josef Krupp die ersten Proben in seiner Privatwohnung ab. Schon 1947 nahm man aber wieder an einem Freundschaftssingen beim MGV Sechtem teil.
Ausgerechnet am 4. Juli 1954 feierte der MGV sein 75-jähriges Stiftungsfest mit acht Gastchören und einem großen Festzug, der kurz vor Anpfiff des WM-Endspiels im Berner Wankdorfstadion startete.
Je näher die Anstoßzeit rückte, umso schneller wurde der Festzug, denn jeder wollte rechtzeitig in die Nähe eines der nur zwei im ganzen Dorf vorhandenen Fernsehapparate gelangen. Nachdem Helmut Rahn „aus dem Hintergrund“ den 3:2-Siegtreffer beim „Wunder von Bern“ schoss, dürfte das Sängerfest wohl nicht so schnell zu Ende gegangen sein.
Gratulierten dem MGV Wormersdorf (v.l.): Stefan Raetz, Martina Zavelberg-Pütz, Betty Grohs, Klaus Frech und Dieter Coellejan.
