Allgemeine Berichte | 03.06.2015

Rheinbach liest e.V.

Christian Bartel gewinnt den zwölften Rheinhexenslam

Applausabstimmung zwischen den Finalisten. Privat

Rheinbach. 150 Besucher im Pfarrzentrum am Lindenplatz bildeten am 29. Mai eine stimmungsvolle Kulisse bei der Abschlussveranstaltung der Rheinbacher Lyriktage. In der Applausabstimmung des Finales hatte die pointenreiche Satire des Bonner Lesebühnenveteranen Christian Bartel über den Besuch in einer Spielzeugabteilung etwa ein halbes Dezibel Vorsprung vor dem politischen Text „… und du nennst mich weltfremd“ des Leverkuseners Christian Schmitt, der seinem Künstlernamen „No Limit“ alle Ehre machte. Die beiden Bühnenprofis krönten einen furiosen Abend, der Lust auf mehr machte.

Den in der Szene „Opfertext“ genannten Eröffnungstext sprach - außerhalb der Konkurrenz - kein Geringerer als der Rheinbacher WDR-Sprecher Martin Groß. Als habe er sein Leben lang nichts anderes als Slam-Poetry gemacht, legte er mit seinen frei vorgetragenen Betrachtungen über die Liebe die Messlatte beachtlich hoch und wurde mit frenetischem Applaus gefeiert. Die Siegburger Schauspielerin Julia Torres hatte den undankbaren ersten Startplatz und hätte mit ihren wunderbaren kurzen, zu thematischen Blöcken zusammengefassten Gedichten, zu einem späteren Zeitpunkt vermutlich mehr als die von der Publikumsjury vergebenen 38 Punkte bekommen. Die junge Kendra Löwer aus Neidenbach bei Bitburg konnte da in Anwesenheit ihrer Rheinbacher Oma mit ihrem persönlichen Text „Wir sind alle ungeschliffene Diamanten“ schon auf 40 Punkte zulegen. Es folgte Hank M. Flemming, ein 27-jähriger Doktorand der Psychologie aus Tübingen, der von Moderator Lasse Samström erst wenige Stunden zuvor spontan bei einem Bonner Poetry-Slam-Workshop weg engagiert worden war. Er erzählte in Prosa von der „Familienplanung mit Oma“, hatte damit die Lacher auf seiner Seite und schraubte die Wertung auf 47 Punkte. Lyrik-Kabarettist Johannes Engel aus Erftstadt brachte es als Poetry-Slam-Neuling mit seinem Zyklus über Missverständnisse auf beachtliche 39 Punkte und konnte den weiteren Abend sichtlich entspannt genießen. Mit Christian Bartel trat nun einer an, der es 2005 schon in das Finale der Deutschen Meisterschaften gebracht hatte. Der vielfache Buchautor, TAZ-Kolumnist und Mitglied der Bonner Lesebühne „Ferkel im Wind“ ließ das ehrwürdige 80er-Jahre-Pfarrzentrum mit einem Text über den Kauf eines Smartphones vor Lachen erbeben und erntete 47 Punkte. Für Nektarios Papadopoulos war der Rheinhexenslam erst sein dritter Auftritt bei einem Dichterwettstreit. In seiner köstlichen Geschichte über „Beschneidung aus medizinischer Sicht“ brachte er eine Menge Witz über das interkulturelle Zusammenleben unter und setzte seine Mutter nebenbei liebevoll neckend auf den Familienthron (37 Punkte). „No Limit“ aus Leverkusen bot mit kunstvoll verknüpften Wortspielen aus Sprichwörtern und Redewendungen einen der Höhepunkte des Abends. Beispiel gefällig? „Die jüngsten Bauern haben die schicksten Pantoffeln.“ Dafür erhielt er 47 Punkte. Die Zwischenrunde bestritt er folglich mit Christian Bartel, Kendra Löwer und Hank M. Fleming. Hier konnten sich die beiden erfahrenen Slammer durchsetzen. Christian Bartel legte mit einer weiteren Satire über das Zusammenpanschen eines Mitbring-Weines und den anschließenden Pflichtbesuch bei den gut verdienenden Bekannten ordentlich vor (46,5 Punkte). Sehr mutig konterte „No Limit“ mit einem nachdenklichen Text über einen Flüchtling, der es bis auf ein überfülltes Flüchtlingsboot auf das Mittelmeer geschafft hat - Ende offen - und verwandelte die ausgelassene Stimmung im Saal in eine Gänsehaut-Stille. Dafür erhielt er von der Publikumsjury die Höchstwertung des Abends, nämlich 49,5 von 50 Punkten. Im finalen Duell konnte Bartel den gefühlten Vorsprung des Leverkuseners noch einholen und bekam gegen 23 Uhr den Siegerpreis in Form eines Hexenturms in Silber aus dem Rheinbacher CF-Atelier verliehen.

Was den Rheinbacher Slam noch so besonders und in der Szene beliebt macht, ist die ungewöhnliche Zusammensetzung des Publikums. Der jüngste Besucher war diesmal zehn und der älteste über 75 Jahre alt.

„Die hören echt gut zu!“, lobten Nektarious Papadopoulos und die anderen Slammer unisono. „Bei den ruhigen Texten sind sie still und aufmerksam und bei Humor gehen sie voll mit.“

Die Veranstalter von „Rheinbach liest“, der Öffentlichen Bücherei St. Martin und der Buchhandlung Kayser planen für den 13. Rheinhexenslam am 23. Oktober einen ganz neuen Veranstaltungsort um die zahlreichen Fans, die diesmal keine Karte bekommen haben, nicht wieder leer ausgehen lassen zu müssen.

Applausabstimmung zwischen den Finalisten. Foto: Privat

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