Allgemeine Berichte | 19.02.2016

Gemeinnütziger Verein trägt Heilkundemuseum in der Frankenstraße

Das kleine Museum, das nicht zeigen kann, was es hat

Thilo Heyl in der Museumsbibliothek. Mehr als 1000, zum Teil sehr alte, medizinische Bücher, bieten sich hier zum Schmökern an. MKA

Andernach. Angenommen, in Andernach möchte ein Tourist die Wegbeschreibung zum Museum, würde man ihn fragen: „Welches?“ Die meisten Bürger/Innen meinen, es gäbe nur das Stadtmuseum in der Hochstraße - Irrtum. In Deutschland gibt es gut zwei Dutzend medizinhistorischer Museen und eins davon findet man in der Frankenstraße. Ein gemeinnütziger Verein betreibt es - in einem Privathaus, auf 110 qm engem Raum, ohne Fördermittel und hauptamtliche Mitarbeiter, fernab des touristischen Geschehens und mit einer ungewissen Zukunft. Einige Bürgerinnen und Bürger der Bäckerjungenstadt werden das Johann-Winter-Museum in den mehr als zwei Jahrzehnten seines Bestehens schon besucht haben, doch dem überwiegenden Anteil der Einwohner ist es noch immer unbekannt.

„Blick aktuell“ hat sich jetzt in dem historischen Schätzchen am Rande der Innenstadt einmal umgesehen.

Im Bonner Malteser- Krankenhaus fing alles an

Museumsleiter Thilo Heyl empfängt Mitarbeiter Michael Krupp in der markanten, 1909 erbauten, und heute gelb getünchten, Jugendstilvilla in der Frankenstraße 19. Dort, im ehemaligen Haus seiner Mutter, lebt der examinierte Krankenpfleger und heutige Vorsitzende der Mitarbeitervertretung des St. -Nikolaus-Stiftshospital mit seiner Familie. Ursprünglich war es das Anwesen des ehemaligen Gymnasiallehrers und Gründers des Andernacher Heimatmuseums, Dr. Johannes Schwab, von dem es später Heyls Großvater erworben hatte. Die Wohnräume der Familie Heyl befinden sich in den beiden Obergeschossen, die Wohnung im Erdgeschoss konnte der an Geschichte Interessierte in den 1980er-Jahren seiner, noch im Hause lebenden Mutter für die Präsentation einer besonderen Sammlung abringen. Wie es dazu kam und was es mit dem Johann-Winter-Heilkunde-Museum e.V. auf sich hat, erzählt er in der kleinen, aber mit mehr als tausend, zum Teil sehr alten medizinischen Büchern bestückten, Museums-Bibliothek im Ambiente des frühen 20. Jahrhunderts. Thilo Heyl erinnert sich gerne an den ehemaligen Oberarzt in einem Bonner Krankenhaus, in dem er in den 1980er Jahren als junger Krankenpfleger tätig war. Dieser Mann, Chirurg und ein passionierter Medizinhistoriker, weckte auch Heyls Interesse an der fachspezifischen Retrospektive. Nach und nach las sich der Krankenpfleger in die Geschichte der Medizin und Heilkunde ein, freute sich über erste ausgediente, medizinische Instrumente, die ihm geschenkt wurden. Mit einem Kollegen und einem Medizinstudenten, die seine wachsende Sammelleidenschaft teilten, war er sich bald einig, dass ihr beachtlicher gemeinschaftlicher Fundus der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden sollte. Da seine Mutter „mitspielte“ und ihm die Wohnung im Erdgeschoss für die Präsentation der Stücke überließ, kam richtig „Wasser auf die Mühle“.

Ohne den Förderverein Heilkundemuseum e.V. geht es nicht

Den soliden offiziellen Unterbau erhielt das medizinhistorische Wirken der Freunde durch die Gründung des „Vereins zur Darstellung der Geschichte der Heilkunde“ im Jahre 1987, dem sich weitere Interessierte anschlossen. Die Eintragung ins Vereinsregister erfolgte zwei Jahre später. Die Privatsammlung wuchs weiter, die Präsentation der Exponate nahm professionelle Züge an. So war der Schritt zur Eröffnung des Johann-Winter-Museums im Jahre 1992 nicht mehr weit. Namensgeber ist der in Andernach geborene Mediziner und Humanist Johann Winter, der im 16. Jahrhundert als Anatom und Pest-Arzt wirkte. Das Museum wird heute vom gemeinnützigen Verein „Heilkundemuseum e.V.“ getragen, dessen ehrenamtlicher gleichberechtigter Vorstand, mit der Geschäftsführerin Dr. Monika Hafner, dem Museumsleiter Thilo Heyl, Vereinssekretär Andy Paulissen und den Beisitzern Dr. Brigitte Schütte, Ulrike Walther und Ulrike Syri, für die Verwaltung und die Organisation der Einrichtung steht. „Ohne den Verein gäbe es die Sammlung in dieser Größe nicht“, betont der Museumsleiter. Die Geschichte der Heilkunde, von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Gegenwart, der Öffentlichkeit näherzubringen, hat sich der Verein zur Aufgabe gestellt und publiziert auch hier und da schon mal Artikel zu dem Themenkomplex. Die derzeit 86 Mitglieder unterstützen fördernd und zum Teil auch aktiv das Kleinod der Medizingeschichte. Die Jahresbeiträge der Mitglieder (15 Euro) und vereinzelte Spenden bilden sozusagen die „Manövriermasse“ des Museums. Eine staatliche oder kommunale Förderung gibt es nicht.

75 Prozent des Bestandes schlummert hinter Vorhängen

Infolge des, vor allem anfänglichen, Medieninteresses am Museum nahm der Bestand an Exponaten rasant zu. So wurden dem Verein zum Beispiel in Verbindung mit Praxisauflösungen Gerätschaften und Bücher angeboten und ein erheblicher Teil an Ausstellungsstücken konnte vom medizinhistorischen Museum in Oldenburg, das schließen musste, erworben werden. Das Johann-Winter-Museum verfügt heute über 5000, meist originale Exponate zur Geschichte der Medizin. Aus Platzgründen ist aber leider nur etwa ein Viertel davon zu sehen, der Rest fristet sein Dasein versteckt hinter Vorhängen. „Ich kann große Sachen nicht mehr annehmen. Würde ich gerne, es geht aber nicht mehr“, bedauert Thilo Heyl. Auch Sonderausstellungen seien an der heutigen Adresse normalerweise nicht durchführbar. Eine Ausnahme bildete die 2014 gezeigte Ausstellung „Verwundeten-Versorgung in Kriegszeiten“. Rund 600 Besucherinnen und Besucher wurden im vergangenen Jahr durch die engen Räume geführt. Ein Querschnitt der Gesellschaft, wie er sagt, darunter berufsbezogene Gruppen, zum Beispiel aus Krankenpflegeschulen und andere Schulklassen. Die relativ geringe und stagnierende Besucherzahl begründet der Museumsleiter mit der Randlage des Hauses, zu der normalerweise keine Touristen finden. Für Heyl wäre es ideal, die Sammlung irgendwann mal in besser frequentierter Innenstadtlage und in größeren Räumen präsentieren zu können.

Erstaunliches, Merkwürdiges und Erschreckendes

Museumsleiter Heyl, dem bei seinem Wirken entgegenkommt, dass er früher, als er noch in Bonn Archäologie studierte, auch öfter mal im Andernacher Stadtmuseum beim Aufbau von Ausstellungen mitgewirkt hat, führt Blick aktuell-Mitarbeiter Michael Krupp dann mit fachkundigen, aber verständlichen Erklärungen durch die verschiedenen Räume. In diesen sind Gerätschaften, Modelle und Schautafeln chronologisch und thematisch angeordnet. Zunächst machen beide einen Rundgang von der Vorgeschichte der Medizin, über die Antike zur frühen Neuzeit. Thilo Heyl zeigt die Entwicklung vom Hospital zum Krankenhaus, gibt Einblicke in die Krankenpflege und Anatomie. Es wird aber auch ein kleiner Ausflug in die Pharmazie und Zahnmedizin, der dann noch in die Geschichte der Chirurgie und Geburtshilfe, der Anästhesie und Intensivmedizin führt. Auch die Diagnostik und Therapie im 19. und 20. Jahrhundert werden etwas nähergebracht. Auf Schritt und Tritt stößt man auf Erstaunliches und Merkwürdiges, wie zum Beispiel die Nachbildung eines römischen Ärztegrabes, das Modell eines mittelalterlichen Pestarztes, einen Schröpfkopf aus dem 16. Jahrhundert, eine „Eiserne Lunge“, verschiedene ältere EKG- und Ultraschallgeräte sowie Notfallwagen, OP-Ausstattung, einen alten Geburtshilfekoffer oder einen kompletten Intensiv-Bettplatz aus den 1970er-Jahren. Ein Röntgengerät aus dem Jahr 1899, mit dem man damals für die Anfertigung einer Aufnahme 20 Minuten brauchte, sowie Gerätschaften der Herzdiagnostik, Endoskopie und Labormedizin sind vorhanden. Und dann ist da noch - Schreck lass nach - ein Zahnarztstuhl vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, bei dem der Bohrer von einem Pedal angetrieben wurde. „Da hatte man von jeder Umdrehung was!“, lacht Thilo Heyl. Es lässt sich kaum beschreiben, welche Fülle an medizintechnischen Preziosen sich hier dem Besucher auf engstem Raum präsentiert.

„Irgendwann ist Ende der Vorstellung!“

Das Museum platzt sprichwörtlich aus den Nähten. Berufsbedingt können die Ehrenamtlichen des Vereins „Heilkundemuseum e.V.“ eine durchgehende Öffnung des Museums nicht realisieren. Zudem erschwert es die nicht zentrale Lage des Hauses, höhere Besucherzahlen zu erreichen. Es wird zwar kein Eintritt erhoben, jedoch erfreuen auch freiwillig entrichtete Obolusse die Museumskasse. Wie kann es da mit dem Johann-Winter-Museum in der Zukunft weitergehen? Es habe immer wieder Pläne und Absichten seitens der Stadt gegeben, dem Heilkundemuseum größere Räume anzubieten beziehungsweise es beim Bau eines neuen Stadtmuseum zu berücksichtigen, berichtet Thilo Heyl. „Aber derzeit höre ich nichts mehr davon,“ bedauert er. „Hal durch, mir finne wat“, zitiert er lächelnd die Verantwortlichen. Dann wird er ernst: „Ich kann das noch eine Weile machen. Gehe ja in gut vier Jahren in Rente. Aber irgendwann ist Ende der Vorstellung!“ Museumsleiter Heyl und seine Mitstreiter im Verein wünschen sich, dass das Heilkundemuseum in Andernach bleibt. Das Landesmuseum Koblenz hat bereits Interesse an der Sammlung bekundet.

Sonderöffnung am kommenden Samstag

Wer kurzfristig einen Blick in die bemerkenswerte Ausstellung werfen möchte, ist eingeladen, dies am Samstag, 27. Februar, im Rahmen einer Sonder-Öffnungszeit zu tun. Thilo Heyl freut sich dann, in der Zeit von 14-18 Uhr, Besucher in seinem Haus begrüßen zu dürfen.

Das Johann-Winter-Heilkundemuseum in der Frankenstraße 19 ist ansonsten von Mai bis November an jedem ersten Sonntag im Monat von 14.30 Uhr bis 18.30 Uhr geöffnet. Darüber hinaus können Führungen unter Tel. (0 26 32) 3 01 61 vereinbart werden. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen unter: www.heilkunde-museum.de/

Das Johann-Winter-Museum befindet sich im Erdgeschoss einer Jugendstilvilla in der Frankenstraße.

Das Johann-Winter-Museum befindet sich im Erdgeschoss einer Jugendstilvilla in der Frankenstraße.

Das kleine Museum, das nicht zeigen kann, was es hat

Beim Anblick dieses alten Zahnarzt-Stuhles mit einem noch pedalbetriebenen Bohrer kann, vor allem bei Besuchern mit einer Zahnarztphobie, der Angstschweiß ausbrechen.

Beim Anblick dieses alten Zahnarzt-Stuhles mit einem noch pedalbetriebenen Bohrer kann, vor allem bei Besuchern mit einer Zahnarztphobie, der Angstschweiß ausbrechen.

Das Modell eines Pestarztes aus dem 16. Jahrhunderts. Die Maske wurde eigens in Venedig angefertigt.

Das Modell eines Pestarztes aus dem 16. Jahrhunderts. Die Maske wurde eigens in Venedig angefertigt.

Thilo Heyl in der Museumsbibliothek. Mehr als 1000, zum Teil sehr alte, medizinische Bücher, bieten sich hier zum Schmökern an. Fotos: MKA

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