Allgemeine Berichte | 27.09.2016

Weltweit einzigartiges Salzglasurverfahren wird nur in Höhr-Grenzhausen praktiziert

Der Brand des Kannenofens lockt alle an

Wei Shen (Mitte) aus China studiert Keramikkunst am IKKG. Tante und Großmutter (links) besuchten sie zum Kannenofenbrand. Shaoting Fan (rechts) ist Keramikexperte aus Duisburg, Professor Udo Glittenberg (Zweiter von rechts) aus Seck im Westerwaldkreis unterstützt seine studierende Nichte. Glittenberg ist Berater für deutsch-chinesische Kooperationen.KER

Höhr-Grenzhausen. Wer sich damit nicht auskennt, muss denken, ein Haus brennt: Von der Seite sind durch die geöffneten Scheunentore lodernde Flammen zu sehen, oben quillt dicker schwarzer Rauch aus dem Dach raus. Sogar die Feuerwehr und die Polizei ließen sich von dem Anblick täuschen und rückten aus. Und wunderten sich vor Ort, dass ungefähr 100 Leute seelenruhig um das „brennende“ Haus herum standen, ein kühles Getränk in der Hand, und sich angeregt unterhielten.

Wie sollte es auch nicht zu Missverständnissen kommen, wenn nur etwa alle fünf Jahre der vermutlich weltweit einzige Kannenofen angezündet wird, um darin die Salzglasuren auf die Keramiken der Künstler und Studenten des Instituts für künstlerische Keramik und Glas (IKKG) zu brennen? Der Kannenofen des IKKG ist der letzte funktionstüchtige Ofen dieser Art in Höhr-Grenzhausen und somit ein wichtiger Bestandteil der 500-jährigen keramischen Tradition des Ortes. Das IKKG versteht sich nicht nur als ein Ort der zeitgenössischen Kunst mit Keramik und Glas, es versteht sich auch als ein Ort, an dem keramisches Wissen bewahrt und weitergegeben wird.

Von Donnerstag, dem Tag des ersten Befeuerns, bis Samstagnachmittag standen die „Kannen“ und Objekte in dem Ofen und waren den Flammen und der Hitze von 1280 Grad Celsius ausgesetzt. Am Samstagnachmittag öffneten Studenten und Mitarbeiter des IKKG die Tore des Ofenhauses und kippten Salz in den Brandraum, wodurch erst die typische Westerwälder Salzglasuroptik entsteht.

Internationale Gäste

Die in Rotterdam lebende und arbeitende und in Höhr-Grenzhausen lehrende Künstlerin Anne Wenzel begrüßte wieder viele internationale Gäste, die den Brennofen gemeinsam mit Studierenden feuerten beziehungsweise dem Schauspiel beim Salzen am Samstag beiwohnten. Sogar aus China waren Besucher gekommen. Unter den 30 Studierenden des IKKG aus aller Welt sind auch drei junge Leute aus der Stadt Jingdezhen, die diese besondere Technik in Höhr-Grenzhausen erlernen und erleben möchten. Jingdezhen ist in China die berühmteste Stadt für die Herstellung hochwertigster Porzellanmanufakturen - ähnlich dem Meißener Porzellan.

Verbandsgemeinde-Bürgermeister Thilo Becker war ebenfalls beim Salzen des Kannenofens dabei. Er erinnerte daran, dass nicht zuletzt aufgrund dieser einzigartigen Technik Höhr-Grenzhausen weltweit Beachtung erfahre. Seines Wissens nach gibt es nirgendwo auf der Welt einen vergleichbaren Ofen. Das historische, 1936 errichtete Bauwerk gehört dem Land Rheinland-Pfalz und wird dem Institut für Lehrzwecke zur Verfügung gestellt. Die Stadt unterstützt den Betrieb des Ofens, der nur alle paar Jahre eingeleitet wird. Für die Tage des Brennens werden große Mengen Buchenholz benötig, die von der Stadt zur Verfügung gestellt werden. Der „Hüter“ und „Beherrscher“ des Ofens ist der beim IKKG angestellte Werkstattleiter Arthur Müller, zuständig unter anderem für Brennseminare und -praktika. Doch es braucht viele helfende Hände, um das aufwendige Brenn- und Salzverfahren über den Gesamtzeitraum von zwölf Tagen am Laufen zu halten.

Künstlerin aus Berlin

Carolin Wachter hat einmal in Höhr-Grenzhausen studiert und arbeitet jetzt als Künstlerin in Berlin. Sie hat zwei ihrer Keramiken, genau gesagt zwei Porzellanzylinder, mit in den Ofen gestellt. Sie nennt sie „Objekte“ oder „Gebrauchsgefäße“, allerdings zu groß, um daraus zu trinken. Von morgens Sechs bis mittags um Zwölf hat sie eine Brennschicht absolviert. Das ist ihr Beitrag zum Gelingen der Aktion. Das Besondere an dem Höhr-Grenzhausener Kannenofen ist, so beschreibt es die Künstlerin, „dass es ein holzbefeuerter Salzofen ist. Diesen Salzbrand, diesen Effekt von der Salzglasur, den gibt es nur durch einen solchen Ofen. Es ist eine sehr besondere Glasur. Es ist eine natürliche Glasur, die sich bildet und die nicht überall gleich ist, sondern unterschiedlich dick. Je nach Material macht sie eine unterschiedliche Färbung.“ Den Aufwand, eigens für den Brand aus Berlin nach Höhr-Grenzhausen zu kommen, hält Carolin Wachter für gerechtfertigt: „Ich denke, dass zu erkennen ist, dass es etwas Besonderes ist.“

Anne Wenzel betont den internationalen Charakter der Veranstaltung: „Wir haben seit zwei Tagen Gäste aus China, Belgien und der Niederlande. Einige von denen zelten auch hier. Die 30 Studenten kommen aus vielen Ländern, aus China, Südkorea, Russland, der Ukraine, aus Syrien, aus dem Iran, aus England, Mexiko, Amerika, Polen und natürlich auch aus Deutschland. Es ist eine sehr kleine, aber sehr starke und enge Gemeinschaft. Die meisten Studenten werden später freischaffende Künstler.“

Studenten befeuerten unter Anleitung von Lehrkraft Arthur Müller (rechts) drei Tage lang die beiden Kammern des Kannenofens.

Studenten befeuerten unter Anleitung von Lehrkraft Arthur Müller (rechts) drei Tage lang die beiden Kammern des Kannenofens.

Für Nichtinformierte sah es wie ein Hausbrand aus - deshalb tauchte auf einmal auch die Feuerwehr auf dem Institutsgelände auf.

Für Nichtinformierte sah es wie ein Hausbrand aus - deshalb tauchte auf einmal auch die Feuerwehr auf dem Institutsgelände auf.

Da der Ofen höchstens alle fünf Jahre mal angezündet wird, zieht das Spektakel viele Besucher an.

Da der Ofen höchstens alle fünf Jahre mal angezündet wird, zieht das Spektakel viele Besucher an.

Blick ins Innere des überdimensionalen Ofens, der so groß ist wie eine Scheune.

Blick ins Innere des überdimensionalen Ofens, der so groß ist wie eine Scheune.

Wei Shen (Mitte) aus China studiert Keramikkunst am IKKG. Tante und Großmutter (links) besuchten sie zum Kannenofenbrand. Shaoting Fan (rechts) ist Keramikexperte aus Duisburg, Professor Udo Glittenberg (Zweiter von rechts) aus Seck im Westerwaldkreis unterstützt seine studierende Nichte. Glittenberg ist Berater für deutsch-chinesische Kooperationen.Fotos: KER

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