Kabarettist Wilfried Schmickler trat in Rheinbach auf
Der Untergang des Abendlandes ist noch einmal verschoben
Der griesgrämige Kabarettist präsentierte sein aktuelles Programm „Das Letzte“ im fast ausverkauften Stadttheater
Rheinbach. Steht der Untergang des Abendlandes endgültig bevor? Schließlich nennt der griesgrämige Kabarettist Wilfried Schmickler sein aktuelles Programm: „Das Letzte“. Doch die Besucher im fast ausverkauften Rheinbacher Stadttheater dürften sich beruhigt zurücklehnen: „Solange noch so viel Geld im Umlauf ist, ist der Untergang des Abendlandes noch lange nicht in Sicht“, verkündete Schmickler nach einer erfolglosen Spurensuche in seiner Nachbarschaft. Es bleibt noch viel Zeit, um das letzte Geld im letzten Hemd auszugeben.
„Wer nicht auf dem Zahnfleisch gehen will, braucht Sitzfleisch“, machte der 63-jährige klar und streute im Verlauf des Abends noch so manches schräge Sprachbild voller ästhetischer Schönheit und treffsicherer Gedankenweite in seinen Vortrag. Trotz mitunter rasender Schnelligkeit hielt die Klarheit seiner Aussprache mit seiner exakten Beobachtungsgabe und den messerscharfen Analysen mühelos Schritt. Einer nie da gewesenen Beschleunigung der Welt sei es zu verdanken, dass der Mensch nicht nur lebe, „er hechelt – meist hinterher.“ So waren auch die Zuhörer manchmal etwas im Hintertreffen, wenn sie sich über eine Pointe noch vor Lachen schüttelten, während die nächste schon wieder fast verklungen war.
Genervt vom Zustand der Welt
Schmickler, so viel wurde klar, ist jedenfalls genervt von Zustand der Welt mit seiner Gedankenlosigkeit und der ständig wachsenden Gier nach Konsum. Überall lauern die digitalen Fallstricke der modernen Welt, die zu einem Information-Tsunami führen, bei der die reale Welt in der virtuellen Animation verschwindet: „Stimulation durch Simulation“ sei anscheinend das neue Leitmotiv der Menschheit. Statt echter Abenteuer und Erlebnisse bevorzuge man Rollenspiele im Internet, über den Wolken sei heute die Cloud, und statt im örtlichen Einzelhandel einzukaufen, bestelle man lieber online. Immerhin könne man die Langzeitarbeitslosen sinnvoll dazu nutzen, eine Menschenkette vom Auslieferungslager zum Endkunden zu bilden, ätzte Schmickler.
Der mancherorts ausgerufenen Diskussion über einen deutschen Wertekanon konnte Schmickler allerdings nichts abgewinnen. Weil Möbel aus dem schwedischen Konsumtempel bereits den deutschen Haushalt unterwandert hätten, müsse man vielmehr die Frage stellen: „Gehört Köttbular zu Deutschland?“ Das Hackfleischbällchen sieht er als Angriff auf die deutsche Esskultur, weil damit die Bulette verdrängt werde. Doch wirklich interessant werde es erst bei der Frage, ob eigentlich die allseits beliebte Currywurst zu Deutschland gehört? Antwort: ist doch Wurst!
Aus der Versenkung direkt ins Ministeramt
Zum Ergebnis der Bundestagswahl konnte er nur entgeistert den Kopf schütteln: „Wo gibt es den Fusel, mit dem man sich die Ergebnisse schönsaufen kann?“ Als Wahlkölner plädierte er angesichts der AfD-Stärke im Osten dafür, sich den Soli der letzten Jahrzehnte wieder auszahlen zu lassen. Jetzt drohe eine „Jamaika“-Regierung, bei der die FDP direkt aus der Versenkung wieder ins Ministeramt zurückkomme. Da könne man Angela Merkel nur mit einem Lied von Rasta-Musiker Bob Marley wünschen: „No woman, no cry!“
Mit der AfD wollte er sich überhaupt nicht mehr beschäftigen, denn je härter man die angehe, umso größer werde deren Freundeskreis. „Nur noch einmal“ – und begann mit einer minutenlangen Schmährede voller Fäkalausdrücke, von einem tosenden Applaus des Publikums belohnt, als ihm endlich die Spucke ausging. Sein Rat für die kommende politische Auseinandersetzung: „Wer nicht zuhören will, mit dem braucht man auch nicht zu reden.“
Vom kleinen Mann und seiner kleinen Frau
Ein wenig Resignation klang aus seinem Lied vom „kleinen Mann und seiner kleinen Frau“, die in einer zunehmend globalisierten Welt schwach und immer Beute der großen Fische seien. Die sich in der Menge aber groß und mächtig fühlten, „denn weiter unten ist immer noch einer, der ist noch kleiner und gehört nicht dazu.“ Dabei seien es nicht etwa die Flüchtlinge, die den Menschen hier etwas wegnähmen, sondern die Banken und die internationalen Großkonzerne. Und gegen diese „Schmarotzer“ müsse man etwas tun. Der Alltagsrassismus und Nationalismus der kleinen Leute jedenfalls, vor die er sich eigentlich immer schützen gestellt hat, wird ihm offensichtlich zunehmend suspekt und bereitet ihm Kopfschmerzen.
Als einer der letzten seines Faches pflegt Wilfried Schmickler noch die vielschichtige Mischung des literarischen Kabaretts mit zynischen Liedern, bitterbösen Gedichten und grotesken Selbstgesprächen. Ein wackerer Haudegen, der niemals aufgibt im Kampf für eine gerechtere Welt und gegen das Ende des Abendlandes. JOST
